13 Horrorfilme aus den 2010ern, die ihr gesehen haben solltet

Horrorfilme 2010er

8. Midsommar (2019)

Die psychisch ohnehin recht labile Dani (Florence Pugh, Malevolent) durchlebt nach einem Schicksalsschlag ein persönliches Martyrium. Um auf andere Gedanken zu kommen, reist Dani mit ihrem Freund Christian und drei seiner Kommilitonen nach Schweden, um eine spektakuläre Mittsommerfeier zu erleben. Die abgeschiedene Kommune Hårga macht einen paradiesischen, aber auch fremdartig-verstörenden Eindruck, der Konsum psychedelischer Substanzen und rätselhafte heidnische Bräuche scheinen allgegenwärtig. Während sich die Spannungen innerhalb der Gruppe verschärfen, geschieht auch rundherum immer Merkwürdigeres…

Nach seinem eindrucksvollen Regiedebüt Hereditary entführt uns Ari Aster erneut in eine surreale Welt des Aberglaubens und archaischen Grauens. Midsommar verhandelt ähnliche Themen wie der Vorgänger, jedoch auf völlig unterschiedliche Weise. Meisterhaft seziert der Autorenfilmer die Mechaniken ritualistischer Lebensführung auseinander, um ein wahres Kaleidoskop rauschhafter Grenzerfahrung zu präsentieren, in dem Schrecken und Faszination stets nahe beieinander stehen.

Midsommar ist ein hypnotischer Trip, auf dem die Rolle von Individuum und Gemeinschaft für Protagonisten wie Zuschauer neu ausgehandelt wird. Die gelegentlichen Lachmomente lassen den Film mitnichten, wie leider allzu oft im Schauergenre, ins Alberne abdriften, sondern illustrieren im Gegenteil, wie nah Spaß und Schreck manchmal beieinander liegen. Aster zieht mit Midsommar ein zweites Mal alle Register und tut sich als einer der talentiertesten Horror-Newcomer der 2010er Jahre hervor. [Alexander]

7. The Killing of a Sacred Deer (2017)

Der Herzchirurg Dr. Stephen Murphy (Colin Farrell, True Detective) führt ein perfektes Leben mit gut bezahltem Job, einer klugen und erfolgreichen Frau (Nicole Kidman, The Others) sowie zwei wohlerzogenen Kindern. Doch die scheinbare Idylle wird getrübt durch den Tod eines Patienten, um dessen Sohn (Barry Keoghan, Chernobyl) sich Stephen fortan bemüht, nichtahnend, dass der Teenager schon bald Sühne fordern wird …

Inspiriert von der antiken Tragödie „Iphigenie in Aulis“, zeigt Regisseur Yorgos Lanthimos (The Lobster) eine Familie am Abgrund, die nur durch ein Opfer gerettet werden kann und doch genau daran zu zerbrechen droht. Unter der sterilen Oberfläche von The Killing of a Sacred Deer wird ein ambivalentes Rachedrama entfesselt, in dessen Verlauf die Frage nach der Gerechtigkeit immer mehr in den Hintergrund tritt. Eine Identifikation mit den Handelnden wird durch deren automatenhafte Leblosigkeit verunmöglicht, und doch trifft der Film die Zuschauenden mit einer Wucht, die beinahe körperlich schmerzt.

Lanthimos hält eine Fülle an Irritationen bereit, die sich von der Figurenzeichnung über die Dialoggestaltung bis hin zur Kameraperspektive zieht und klassische Sehgewohnheiten konsequent unterläuft. Die Folge ist ein intensives Gefühl des Unwohlseins, das – bis auf wenige Ausnahmen – ohne brachiale Körperlichkeit auskommt und dennoch nur schwer zu ertragen ist. The Killing of a Sacred Deer kreist um Schuld, Sühne und die uralte Frage nach Gerechtigkeit, dennoch gelingt Lanthimos ein formal wie inhaltlich innovativer und bis ins Mark erschütternder Streifen, der seine künstlerische Vision konsequent bis zum Ende verfolgt. Filmgewordenes Unbehagen, das man sich nicht entgehen lassen sollte. [Catherin]

6. Ich seh Ich seh (2014)

Die Zwillinge Elias und Lukas toben im Sommer durch Wald und Felder rund um ihr abgelegenes Haus und warten auf die Rückkehr der Mutter. Als diese endlich heimkehrt, ist ihr gesamter Kopf von Bandagen umhüllt, allein Augen, Nase und Mund bleiben unbedeckt. Schon bald beginnen die Brüder daran zu zweifeln, ob es sich bei der Frau wirklich um ihre Mutter handelt.

Die von Kameramann Martin Gschlacht eingefangenen Bilder schaffen eine kühle, bedrohliche Atmosphäre. Die Versuche der 10-jährigen Burschen, die Rückkehrerin als Mutter oder Nicht-Mutter zu identifizieren, arten zunehmend aus und gipfeln in intensiven, teils kaum zu ertragenden Aktionen. Serverin Fiala und Veronika Franz schicken uns mit Ich seh Ich seh auf eine emotionale Achterbahnfahrt, deren Endpunkt geradewegs in den Abgrund zu führen scheint. Die Dramaturgie speist sich aus der Unvorstellbarkeit dessen, dass Kinder bewusst grausam handeln könnten. Und auch hier werden wir stetig damit konfrontiert, dass aus der Suche nach Klarheit eine Fassungslosigkeit nach der anderen erwächst. Dieses Halten im Unsteten, überwiegend der Perspektive der Kinder folgend, sorgt für eine ungeahnte Intensität, die den auflösenden Twist zu einem schalen Nebenschauplatz verkommen lässt.

Mit ihrem Debütfilm Ich seh Ich seh ziehen uns Franz und Fiala in den Bann eines morbiden und makabren Familiendramas, wie es fieser kaum sein könnte. [Heike]

5. Get Out (2017)

Die Familie der Freundin kennen zu lernen, ist in vielen jungen Beziehungen ein großer Schritt. Umso größer ist dieser, wenn es sich um ein Paar mit unterschiedlicher Hautfarbe handelt. So folgen wir dem schwarzen Chris und seiner weißen Freundin Rose zu einer Dinnerparty ihrer Familie aufs Land. Roses Eltern wissen zwar nicht, dass Chris schwarz ist, aber sie versichert ihm diese seien sehr weltoffen und aufgeschlossen. Wenn es zu unangenehm würde, könnten sie ja jederzeit wieder fahren…

Doch was Jordan Peele uns in seinem Debütfilm präsentiert, ist alles andere als ein simpler Streifen über Vorurteile. Das liegt zum einen an der großartigen Prämisse, die für eine ordentliche Gänsehaut-Atmosphäre sorgt und zum anderen an der bravourös gemeisterten Gratwanderung zwischen satirischer Komödie und Horror-Thriller. Das Spiel aus wirklichkeitsnahem Alltag und überspitzten Klischees schafft eine geladene Atmosphäre, die man nicht wagt auch nur durch die kleinste Bewegung zu stören.

Peele gelingt es in Get Out ein stetiges Unwohlsein zu erzeugen, dass sich aus einer düsteren Ahnung heraus speist, die oberflächlich gesehen keine Basis hat. Und wenn die Oberfläche dann Risse bekommt und die hässlichen Fratzen darunter sichtbar werden, ist es beinahe zu spät. Der Blick, den Peele auf komplexe Systeme und Strukturen wirft, ist ebenso scharf wie wertungsfrei. Gerade das macht Get Out zu einem der außergewöhnlichsten, packendsten Horrorfilme der letzten Jahre. [Heike]

4. Der Leuchtturm (2019)

Die Leuchtturmwächter Thomas (Willem Dafoe, Antichrist) und Ephraim (Robert Pattinson, High Life) beziehen ihren vierwöchigen Posten auf einer einsamen Insel vor der Küste New Englands. Der herrische Thomas drangsaliert den jüngeren Kameraden und herrscht auf dem Eiland wie ein wahnhafter Tyrann. Als das Zusammenleben immer schwerer, das Wetter immer unwirtlicher und die gemeinsame Isolation immer unerträglicher werden, und dann auch noch die ersehnte Ablösung ausbleibt, verlieren sich beide Männer zunehmend in ihrem Wahn.

Ingmar-Bergman-Connoisseur Robert Eggers (The Witch) hat verstanden, dass eine ambivalente Seherfahrung zwischen Abstoßung und Faszination nicht alleine durch Undurchsichtigkeit erzeugt wird. Es reicht nicht, ein Geheimnis zu verschleiern, sondern die große Kunst ist, seine Lüftung irrelevant zu machen. So funktionieren die schaurigsten Seefahrermärchen, die unabhängig ihres vermeintlichen Wahrheitsgehaltes das Fürchten lehren und mahnend aufzeigen, wie klein der Mensch zwischen den Urgewalten extremer Elemente dasteht.

Und so chargiert Der Leuchtturm, voll und ganz jener Erzähltradition verschrieben, nicht zwischen verschiedenen Ebenen, sondern innerhalb spiralförmiger Strudel kalten Salzwassers. Irgendwann geht es nicht mehr darum, was bewusst und unbewusst, was Schein und Sein ist, wer nun welcher Tom ist und wer nicht. Ausgerechnet im Seefahrer-Setting zerschlägt Eggers jede Möglichkeit der Navigation. Dann fragt man auch nicht mehr, sondern dann erlebt man nur noch. Und dieses Erlebnis ist mit Sicherheit einer der bildgewaltigsten, beklemmendsten und mitreißendsten Kinomomente der 2010er Jahre gewesen, dessen hynotische Sogkraft noch lange nachwirkt. [Alexander]

DarkForest

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