Was ist Folk Horror?

Folk Horror - Midsommar

Während sich andere Subgenres des Horrorfilms oft sehr leicht umreißen lassen, ist Folk Horror nur schwer greifbar – und dennoch sind unheilschwangere Landschaften, düstere vorchristliche Folklore und Menschenopfer erbringende Gemeinschaften beliebt wie nie. Deshalb möchten wir uns nun einmal anschauen, was es mit diesem Folk Horror auf sich hat.

Die junge Geschichte des Folk-Horror-Begriffs

Der Nebel, der über dem Genre liegt, hat auch viel mit seiner jungen Begriffsgeschichte zu tun. Denn obwohl der Begriff in anderen Kontexten schon länger im Umlauf ist, so wurde er doch erst in diesem Jahrhundert als Bezeichnung für ein Horrorfilm-Subgenre prägend.
Zum einen geschah dies durch ein Interview von Piers Haggard mit Fangoria im Jahr 2003, in dem er erklärte, dass er sich mit In den Krallen des Hexenjägers bewusst von dem damals beliebten Hammer-Gothic-Horror abwandte. Stattdessen nahm er sich der ländlichen Gegend, dem Aberglauben der dortigen Bevölkerung und der damit verbundenen düsteren Poesie an. Dies bezeichnete er als Folk Horror.
Zum anderen etablierte die 2010 erschienene BBC-Doku-Serie A History of Horror von Mark Gatiss Folk Horror endgültig als eigenes Subgenre des Horrorfilms.
Gatiss ging dabei auf mehrere, lose zusammenhängenden Filmen ein, die eine gemeinsame Obsession für die britischen Landschaft sowie ihrer Folklore und ihres Aberglaubens besitzen. Als Beispiele dafür nannte er Der Hexenjäger, In den Krallen des Hexenjägers und Wicker Man.

Seit rund zehn Jahren wird nun versucht aufgrund dieser drei Filme, das Subgenre zu definieren, einzuzäunen, festzunageln. Am einflussreichsten bei diesen Versuchen ist „Folk Horror. Hours Dreadful and Things Strange“ von Autor und Filmemacher Adam Scovell, in dem er diese drei Filme als The Unholy Trinity bezeichnet.

The Unholy Trinity

Eingeläutet wurde diese neue Ära 1968 von Michael Reeves Der Hexenjäger. Zu einer Zeit als das britische Horrorkino vorwiegend durch den Gothic Horror von Hammer Films geprägt war. Doch im Gegensatz zum schauerliterarischen Grusel in verstaubten alten Gemäuern oder dem nebelverhangenen London des 19. Jahrhunderts, verlagerte Reeves den Schauplatz nicht nur in die ländlichen Gegenden des 17. Jahrhunderts, sondern ersetzte den wohligen Schauder durch einen grausam-sadistischen Nihilismus, der Ende der 60er Jahre Kritiker:innen und Publikum gleichermaßen verstörten. Der Film folgt während des Englischen Bürgerkriegs dem Inquisitor und selbsternannten Hexenjäger Matthew Hopkins (Vincent Price) auf seinem blutigen Streifzug durch die Dörfer East Anglias. Immer auf der Suche nach mutmaßlichen Hexen, die sie mittels Folter überführen. Willfährige Gehilfen Hopkins sind dabei nicht nur die Kirche, sondern vor allem auch die abergläubische Bevölkerung.
Die ländliche Gegend, die in Der Hexenjäger eine prominente Rolle einnimmt, und die in diesen abgelegenen Gegenden keimende Aberglauben, der in Opposition zum vermeintlich aufgeklärten Wertekanon des Publikums steht, bilden den Grundstein für das, was wir heute als Folk Horror bezeichnen.

Der Hexenjäger hatte einen direkten Einfluss auf Piers Haggards In den Krallen des Hexenjägers (1971), der zunächst wie die meisten Gothic-Horrorfilme in der viktorianischen Ära spielen sollte, dann aber in Anlehnung an Reeves Film vordatiert wurde und noch weitere Elemente aus dem Film übernahm – insbesondere hinsichtlich der Darstellung von Hexenverfolgungen.
Im frühen 18. Jahrhundert findet ein Bauer beim Pflügen seiner Ackerfurchen einen Totenschädel, dessen Offenlegung schwerwiegende Folgen hat. Die örtliche Jugend beginnt plötzlich okkulte Rituale durchzuführen, die nicht ohne Opfer bleiben.
In den Krallen des Hexenjägers bringt mit dem Kult und den gewaltvollen Ritualen spätere Stammelemente des Folk-Horror-Narrativs ins Spiel. Und auch wenn sich Haggards Werk auf den Satanismus bezieht, so wecken doch mit Blumenkränzen geschmückte Häupter und wallende weiße Gewänder eher Assoziationen an neoheidnische Bewegungen der 60er und 70er.

Ähnliche Wege geht dann auch Robin Hardys The Wicker Man von 1973, dieser bringt die klassische Narration im Folk Horror auf den Punkt. Wie Dawn Keetley in ihrem Essay „Dislodged Anthropocentrism and Ecological Critique in Folk Horror“ schreibt, fokussiert sich die dominierende Form von Folk Horror auf Menschen, die unwissentlich und unbeabsichtigt in eine abgeschiedene heidnische Community stolpern und dort als brutales Menschenopfer enden. Doch nicht nur auf der inhaltlichen Ebene auch stilistisch setzt The Wicker Man den hellen, floralen Look von In den Krallen des Hexenjägers fort.

Was macht Folk Horror nun aus?

Adam Scovell leitete daraus seine Folk Horror Chain ab: essentielle Merkmale, die die Filme verketten, starke Verknüpfungen und Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung aufzeigen und damit einen Rahmen und eine narrative Vorlage bilden. Die Kette besteht aus den Gliedern Landschaft, Isolation, verzerrtes Glaubens- und Wertesystem und dem großen Ritual.

Landschaft

Die Szenerie von Folk-Horror-Filmen ist geprägt von ausladenden Naturlandschaften, die im Kontrast zum modernen urbanen Leben stehen. Diese abgelegenen Gegenden haben einen direkten Einfluss auf ihre Bevölkerung, denn es geht nicht nur um die Abgeschiedenheit des Settings, sondern auch darum, was im Erdreich vergraben liegt – und sei es nur metaphorisch. Die Relikte aus vorchristlichen/heidnischen Zeiten, fast vergessene uralte Bräuche und der Nachhall von magischen Ritualen aus einer fernen Zeit. Es ist die Beschaffenheit der Landschaft und ihre Vergangenheit, welche die Bevölkerung prägt und die Grundstimmung für den Film setzt.

Folk Horror - Der Hexenjäger

In Der Hexenjäger wird die Landschaft in Kontrast zu den Werkzeugen des Terrors gestellt.

Isolation

Bedingt durch das hohe Maß an Isolation, die die Landschaft mit sich bringt, werden alte Bräuche und Traditionen, sprich die Folklore, am Leben gehalten. Die Gemeinschaft lebt für sich und ist nur vereinzelt oder gar nicht abweichenden Lebenskonzepten der Außenwelt ausgeliefert, die ein Korrektiv zur bekannten Lebensweise darstellen könnte. Daraus ergibt sich vielfach ein klarer Bruch zwischen der Folklore der Gemeinde und einem von außen herangetragenen Gegenentwurf dazu. Dies ist nur dann möglich, wenn eine entsprechende Isolation von einer kleineren oder größeren Gruppe von Menschen gegeben ist.

Folk Horror - The Wicker Man

In der Isolation werden in The Wicker Man alte Riten praktiziert, die in enger Verbindung mit der Landschaft stehen.

Verzerrtes Glaubens- und Wertesystem

Durch die Konfrontation der archaischen Gesellschaft mit einem urteilenden Blick von außen, sei es durch Außenseiter, die unwissentlich in die Gemeinschaft stolpern, oder durch das Publikum selbst, wird ein vermeintlich verzerrtes Glaubens- und Wertesystem offen gelegt. Repräsentanten des Genres lassen dabei auch oftmals offen, wessen Moral dabei überlegen ist.
Allgemein ist Folk Horror jedoch von einem aufklärerischen Blick auf eben jene Folklore, beziehungsweise im weitesten Sinne Volksglauben, geprägt, der sich diesem abwertend als heidnischen bis okkulten Aberglauben nähert und diesen in Opposition zum „guten, echten“ christlichen Glauben respektive der Aufgeklärtheit stellt. Folk Horror ist dementsprechend auch in erster Linie in einem europäischen Kontext zu lesen und eine Übertragung ist nur mit einer entsprechenden kulturellen Übersetzungsleistung möglich.

Das große Ritual

Das abschließende Glied in Scovells Folk Horror Chain bildet das große Ritual. Alle vorherigen Merkmale kulminieren in diesem Ereignis. Häufig handelt es sich dabei in der Tat um ein rituelles Menschenopfer, bei dem zuweilen übernatürliche Elemente Einzug halten, oder einfach nur die grausamen Traditionen der Gemeinschaft auf die Spitze getrieben und in die Tat umgesetzt werden. Dies kann jedoch äußerst unterschiedliche Formen annehmen und muss nicht zwingend das große Finale des Films darstellen, sondern kann auch in der Vergangenheit liegen und die Protagonist:innen decken erst im Laufe des Films dessen Folgen auf.

Folk Horror - In den Krallen des Hexenjägers

Abgrenzungen und Entwicklung

Abgesehen von der Unholy Trinity gab es zu jener Zeit noch viele weitere Filme, die auf ein ländliches Setting setzten. Gerade britische TV-Produktionen wie Children of the Stones (1977), Robin Redbreast (1970) oder Penda’s Fen (1974) führen die Folk Horror Chain konsequent fort und geben ihr neue Perspektiven. Daneben gibt es auch Überschneidungen mit BBCs A Ghost Story for Christmas (1971-1978, seit 2005), einer Reihe von jährlich zu Weihnachten erscheinenden TV-Filmen, die überwiegend auf den Werken von M. R. James basieren. James kann durchaus als ein bedeutender Vorläufer zum heutigen Folk Horror gesehen werden, da seine Werke bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Geistergeschichten aus den verstaubten Schlössern holte und sie vielfach in zeitgemäßere und ländlichere Settings platzierte. Diesen Ghost Stories fehlt es jedoch oft an Verbindungen zu heidnischen Kulten, verzerrten Glaubenssystemen und ritualisierten Traditionen.
Genau diese wurden hingegen vom Okkult-Horror aufgegriffen, der sich jedoch vermehrt satanischen Kulten zuwendete und eher von elitären Zirkeln im urbanen Bereich handelt, wie es klassisch in Rosemaries Baby (1968) oder auch im ländlicher angelegten Die Braut des Teufels (1968) zu sehen war.

Folk Horror - Children of the Stones

Die Steinkreise in Children of the Stones

Es ist allgemein spannend, einen Blick über den großen Teich zu werfen, denn ungefähr zur gleichen Zeit entstand in den USA mit Filmen wie Beim Sterben ist jeder der Erste (1972) und Blutgericht in Texas (1974) der ähnlich gelagerte Backwood Horror. Beiden ist ein mit Skepsis und Angst erfüllter Blick auf die abgeschiedenen und unerschlossenen Gebiete auf der Landkarte gemein. Doch im Gegensatz zu abseitigen alten Kulten und Riten fürchtet sich der Backwood Horror vielmehr vor degenerierten Familienclans, deren Moralvorstellungen jenseits der „zivilisierten“ Welt liegen.

Auch wenn seit den 70ern immer wieder Filme zum Folk Horror hinzu gerechnet werden können, startete Ende der 00er Jahre eine zweite Folk-Horror-Welle mit Filmen wie Eden Lake (2008),  Kill List (2011), The Borderlands (2013), The Ritual (2017) und Midsommar (2019). Diese Werke verpassten dem Genre zum Teil einfach „nur“ eine Frischzellenkur oder interpretierten dieses zum Teil auch komplett neu und zeigten neue Perspektiven auf. Daneben zeigten Filme wie der indonesische Impetigore (2019) wie gut Folk Horror auch außerhalb eines europäischen Settings funktionieren kann.
Die Vielzahl an neueren Beispielen zeigt, dass die Folk-Horror-Geschichten noch lange nicht zu Ende erzählt sind und dass Filmemacher:innen und Publikum weiter in den Äckern, Wiesen und Wäldern nach uralten Kulten und Reliquien suchen und fast vergessene Folklore entpacken wollen.

Florian Halbeisen

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