Impetigore (2019) – Review

Impetigore

Regisseur Joko Anwar schickt in seinem neusten Horrorfilm Impetigore seine Heldin auf die Suche nach ihrer Identität in ein abgelegenes Dorf, in dem unvorstellbares Leid geschieht. Im Rahmen des Slash Filmfestivals haben wir uns in das indonesische Hinterland begeben, um den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Originaltitel: Perempuan Tanah Jahanam
Land: Indonesien
Laufzeit: 107 Minuten
Regie: Joko Anwar
Drehbuch: Joko Anwar
Cast: Tara Basro, Christine Hakim, Ario Bayu u.a.

Inhalt

Das Leben ist nicht leicht. Das muss Maya (Tara Basro, Satan’s Slaves) schmerzlich feststellen, als sie während der Arbeit von einem unbekannten Mann mit einer Machete attackiert wird. Sie überlebt den Angriff, kehrt aber nicht mehr an die Mautstelle zurück, sondern eröffnet mit ihrer besten Freundin Dini (Marissa Anita, Folklore Mini-Serie) ein provisorisches Kleidungsgeschäft in einer Markthalle. In den nächsten Monaten kann Maya die Worte ihres Angreifers nicht vergessen. Er behauptete, aus demselben ländlichen Dorf zu stammen und wusste mehr über ihre Familie als sie selbst. Aus Neugier beginnt sie, die Besitztümer ihrer verstorbenen Tante zu durchsuchen und findet eine alte Fotografie ihrer Eltern – im Hintergrund ist ein großes Anwesen. Das wäre ein Hoffnungsschimmer in der finanziellen Aussichtslosigkeit der beiden Frauen. Also nehmen sie den nächsten Nachtbus in das abgelegene Dorf. Tatsächlich existiert das Haus ihrer Eltern noch. Gegenüber den Bewohnern geben sie sich als Studentinnen aus, um nicht noch mehr Misstrauen zu erwecken. Aber schon bald erkennen die Freundinnen, dass etwas im Dorf nicht stimmt und je länger Maya und Dini bleiben, desto mehr Geheimnisse werden enthüllt. Maya muss erkennen, dass ihre Familiengeschichte düsterer ist, als sie es sich jemals vorstellen konnte.

Kritik

Mit dem Remake des indonesischen Kultfilms Satan’s Slaves landete Joko Anwar 2017 nicht nur in seinem Heimatland einen großen Erfolg, sondern wurde auch einem breiten internationalen Publikum bekannt. Nach einem Ausflug in das Superheldengenre gelingt Anwar mit seinem neuen Film eine Hommage an das indonesische Kino der 1970er- und 1980er-Jahre. Dabei mischt er klassische Genre-Tropen um Spukhäuser, rachsüchtige Geister und gefährliche Abgeschiedenheit mit der Geschichte und Kultur seines Landes zu einem ungewöhnlich effektiven Film in beeindruckender Visualität.

Impetigore

Mit Impetigore kehrt er zu den Schrecken im ländlichen Milieu zurück, in denen er sich so wohl zu fühlen scheint. Anwar vermittelt das Gefühl eines unheimlichen Märchens, wenn der langsam rollende Nebel an den strohgedeckten Dachhütten vorbeizieht. Schmutzbedeckte Landarbeiter starren die Außenseiter aus der Stadt beängstigend an. Das dunstige Dorf abseits der Touristenpfade und der tiefe, dunkle Wald tragen wesentlich zur angespannten Atmosphäre bei, die Maya und Dina entgegenschlagen. Das Dorf ist überwuchert und baufällig, es gibt keine asphaltierten Straßen. Das Laub fällt über jede Oberfläche, während die Natur jedes Gebäude langsam zurückerobert. Impetigore führt den Betrachter buchstäblich und im übertragenen Sinne an viele dunkle Orte. Vor allem Mayas Familienhaus im Zentrum der Geschichte verkörpert das Gefühl des ländlichen Ruins und moralischen Verfalls des Dorfes. Geheimnisse köcheln scheinbar unter jeder schmutzigen Oberfläche. Die weitgeöffneten Räume des Anwesens wirken bedrohlich, während die Kamera durch die leeren Flure gleitet und die Dunkelheit das Licht bei jeder Gelegenheit verschluckt. Eine übernatürliche Bedrohung baut sich gleichmäßig in der ersten Hälfte auf und auch wenn danach der Film geradliniger im Genre verläuft und erklärender wird, bleibt er bis zum Ende visuell fesselnd und spannend.

Impetigore

Während der Regisseur die Bühne für die offenkundigen Schrecken bereitet, denen die Protagonistinnen ausgesetzt sein werden, erkundet er die Kluft zwischen Stadt und Land. Immer wieder wird der Zuschauer erinnert, dass Maya und Dini nicht zu dieser Gemeinschaft gehören. Sie sind Außenstehende und haben auch selbst nicht viel für diesen Ort übrig. Beide verkörpern vielmehr moderne, aufgeklärte Ideen eines säkularen Landes. Dem gegenüber stehen die abergläubig und altmodisch anmutenden Traditionen der Dorfbewohner mit der javanischen Kunstform des „Wayang Kulit“ im Mittelpunkt. Dabei handelt es sich um eine alte, bekannte Form des Schattenpuppentheaters, in der kunstvoll dekorierte, zweidimensionale Puppen in mythologischen Hindu-Epen dramatisiert werden. Wayang-Praktizierende gelten als Bewahrer der Weisheit und Führer ihrer Gemeinde. In Impetigore wird diese Tradition verklärt, indem Ki Saptadis (Ario Bayu, Buffalo Boys) Führung durch Schrecken gekennzeichnet ist und seine Puppen aus menschlicher Haut bestehen. Und obwohl er und auch die übrigen Dorfbewohner keine Rache, sondern Erlösung und einen Neuanfang suchen, verdammen sie ihr Zuhause zu einem verfluchten Ort.

Impetigore

Das spiegelt sich auch im Originaltitel „Perempuan Tanah Jahanam“ – frei übersetzt „Frau des verfluchten Landes“ – wider. Es ist ungewiss, ob die alte Nyi Misni (Christine Hakim) mit ihrer Schwarzen Magie oder Maya selbst gemeint ist, denn auch wenn sie in der Großstadt lebte und sich selbst nicht mehr an ihr früheres Leben erinnern kann, hat das Land sie nicht vergessen, auch nicht das Unrecht, mit dem sie verbunden ist. Maya klammert sich bereits zu Beginn an eine Vergangenheit, die sie nicht kennt. Nur Dini ist Mayas Verbindung in ein anderes Leben und die Quelle von Trost und Sicherheit. Durch das starke Spiel von Basro und Anita bekommt der Zuschauer ein gutes Gefühl von der intensiven Freundschaft. Sie sind die Zuflucht der jeweils anderen in einer Welt ohne Chance auf finanzielle Stabilität oder die Möglichkeit, persönliche Freiheiten zu genießen. Wie in den ersten Minuten von Maya erklärt, gibt es für sie nur Prostitution oder die Arbeit im Niedriglohnsektor, obwohl sie selbst dort gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt sind. Der Schrecken in Impetigore findet in den Darstellungen von Gewalt gegen Frauen und Kinder ihren Höhepunkt. Dabei ist die Brutalität nicht fetischisiert oder übertrieben, sondern unerträglich. Es ist sicherlich als Allegorie auf die realen Verhältnisse der indonesischen Frauen zu verstehen, deren soziale und finanzielle Mobilität durch unterdrückende, traditionelle Mechanismen eingeschränkt sind.

Impetigore

Fazit

Joko Anwar ist mit Impetigore ein intelligenter und beängstigender Film gelungen, der durch die übernatürlichen Mysterien des dunklen Hinterlandes und dem blutigen Wahnsinn des traditionellen Schattenspiels durchweg mit einer düsteren und spannenden Atmosphäre aufwarten kann. Das Thema Gewalt kombiniert mit dem Subtext von Ungerechtigkeit und Gewalt gegen Frauen und Kinder übt gleichzeitig Kritik am indonesischen Traditionalismus.

Bewertung

Grauen rating4_5
Spannung rating4_5
Härte rating3_5
Unterhaltung rating4_5
Anspruch rating4_5
Gesamtwertung rating4_5

Bildquelle: Impetigore © Ivanhoe Pictures

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