Kritik

Die letzte Fahrt der Demeter (2023) – Review

In seinem Seemannslied Die letzte Fahrt der Demeter schickt Regisseur André Øvredal die Besatzung eines Handelsschiff auf eine blutige Reise, die nicht alle Figuren überleben werden.

Originaltitel: The Last Voyage of Demeter
Land: USA/Deutschland
Laufzeit: 119 Minuten
Regie: André Øvredal
Drehbuch: Bragi F. Schut
Cast: Corey Hawkins, Aisling Franciosi, David Dastmalchian u. a.
VÖ: ab 11.01.2024 auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Der gestrandete Arzt Clemens (Corey Hawkins, Macbeth) ergattert mit viel Glück einen Platz auf dem russischen Handelsschiff Demeter, die unter der Führung ihres Kapitäns Elliot (Liam Cunningham, Dog Soldiers) von Rumänien aus in See sticht. Unter Deck befinden sich nicht nur zwei Dutzend mit einem mysteriösen Symbol gekennzeichneten Holzkisten, sondern auch die blinde Passagierin Anna (Aisling Franciosi, The Nightingale – Schrei nach Rache). Während die See immer rauer wird, fallen die ersten Matrosen an Bord einer blutrünstigen Gestalt zum Opfer, während das Schiff seinem unheilvollen Schicksal entgegen segelt.

Kritik

Nach Chris McKays Horrorkomödie Renfield erschien mit Die letzte Fahrt der Demeter 2023 eine weitere Dracula-Adaption in den Kinos, die sich ebenfalls nur mit einem bestimmten Abschnitt des Klassikers beschäftigt und auf eine umfassende Neuinterpretation verzichtet. Dabei basiert André Øvredals (The Autopsy of Jane Doe) Inszenierung auf nur einem einzigen Kapitel aus Bram Stokers Roman, das das Logbuch eines gewissen Kapitäns Petreius für die Leserschaft offenlegt. Dieser berichtet in seinen detaillierten Aufzeichnungen über die Überfahrt von der bulgarischen Hafenstadt Varna nach Whitby an der Nordostküste Englands. Während ihrer mehrwöchigen Reise ereignen sich immer mehr rätselhafte Vorkommnisse, darunter das Verschwinden mehrerer Besatzungsmitglieder und unheimliche Sichtungen seltsamer Erscheinungen.

Allerdings stellt das Ausgangsmaterial die Produktion vor mehrere Herausforderungen – einerseits muss Øvredal das Kapitel auf eine zweistündige Laufzeit ausdehnen und andererseits genug Spannung aufbauen, die das Publikum über das bereits feststehende Ende hinwegtröstet. Denn Die letzte Fahrt der Demeter startet mit dem Auffinden des zerstörten Wracks des Schiffes, das an die Küste Englands gespült wurde und lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass die Geschichte unweigerlich einem tragischen Ausgang entgegenfiebert. Diese Ausweglosigkeit wird insbesondere durch die aus verschiedenen Charakteren zusammengewürfelte Besatzung aufgefangen, die durch ihre Unwissenheit die Handlung vorantreibt. Aufgrund der Erzählweise fällt zwar ein Matrose nach dem anderen der Kreatur zum Opfer, die dynamische Besetzung sorgt hingegen dafür, dass die Figuren nicht komplett egal sind. Insbesondere Corey Hawkins als mitfühlender Arzt Clemens und Aisling Franciosi lockern die Geschichte auf. Ersterer fungiert anfangs über eine längere Zeit als Bastion der wissenschaftlichen Vernunft, bevor er seine Skepsis über Bord werfen muss, um sich mit der übernatürlichen Macht Draculas auseinanderzusetzen. Anna hingegen ist eine Getrieben, teils böses Omen, teils Verbindung zu dem Untoten, die etwas Licht ins Dunkeln bringen kann. Etwas anders verhält es sich mit der eingeschworenen Besatzung der Demeter, deren Mitglieder jeweils unterschiedliche Stereotypen maritimer Geschichten bedienen und schlussendlich in kollektiver Paranoia dem Wahnsinn verfallen.

Ein weiterer Pluspunkt ist die etwas andere Interpretation der Dracula-Figur durch den spanischen Schauspieler Javier Botet (REC), die im Gegensatz zu den klassischen Darstellungen von Bela Lugosi und Christopher Lee sowie der melancholisch-tragischen Perspektive Gary Oldmans die animalische Seite des Vampirmythos betont. Wie ein Raubtier schleicht er durch die schattigen Ecken des Schiffes und lauert in der Dunkelheit, um anschließend brutal und schnell zuzuschlagen. Seine äußerliche Erscheinung ist zumindest teilweise von Graf Orlok aus Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens inspiriert, erinnert aber nicht zuletzt sowohl an Vampirfiguren aus Filmen wie Brennen muss Salem, Blade II oder 30 Days of Night als auch an die aus den Horrorserien The Strain und Midnight Mass: ein humanoider Killer mit unstillbaren Appetit. Ein definitiv solides Creature Design, das es Botet ermöglicht, sein ganzes Können als „Monster-Darsteller“ unter Beweis zu stellen.

Unterdessen sorgt die unruhige See, der auf das Deck prasselnde Regen und der grölende Donner auch in Die letzte Fahrt der Demeter für die passende Atmosphäre, die den Gothic-Charme der Vorlage auf die Leinwand überträgt. Bereits mit dem ersten Bild entführt Kameramann Tom Stern (Der Exorzismus von Emily Rose) das Publikum in die maritime Welt des 19. Jahrhunderts und zeichnet ein ambivalentes Bild des Meeres zwischen ruhigen Landschaften und unheilvollen, nebelverhangenen Gewässern der offenen See, die sich plötzlich in ein tobendes Ungeheuer verwandelt. Daneben sorgt das akribische Bühnenbild des Segelschiffs nicht nur für die nötige historische Authentizität, sondern ist mit seiner dankbaren Kulisse aus klaustrophobischen Korridoren und schwach beleuchteten Kabinen ein fruchtbarer Nährboden für den drohenden Terror.

Trotz seiner Stärken schwächelt Die letzte Fahrt der Demeter im Hinblick auf Tempo und Drehbuch, denn Autor Bragi F. Schut (Escape Room) gelingt zwar ein sehenswertes Creature Feature, eröffnet aber gleichzeitig einige Themen wie zum Beispiel Rassismus und Identitätsverlust, die nicht konsequent zu Ende gedacht werden und schließlich im Sand verlaufen. Störend ist hier weniger die ruhige Erzählweise, in der die Vorfälle allmählich eskalieren und die wahre Bedrohung enthüllen, als vielmehr die wiederholenden Situationen in der zweiten Hälfte. Diese Mankos werden durch die unnötig in die Länge gezogene Laufzeit von knapp zwei Stunden zusätzlich noch verstärkt, wodurch die Geschichte bisweilen stagniert.

Fazit

André Øvredal nimmt das spärliche Ausgangsmaterial ernst und erweckt dieses durch das großartige Produktionsdesign sowie engagierte Schauspieler:innen effektvoll zum Leben. Entgegen einigen Schwächen gehört Die letzte Fahrt der Demeter sicherlich nicht nur zu den sehenswerten Adaptionen des Dracula-Stoffes, sondern kann sich ebenfalls von den ganzen mittelmäßigen Vampirfilmen der letzten Jahre abheben.

Bewertung

Grauen
Spannung
Härte
Unterhaltung
Anspruch
Gesamtwertung

Ab 11.01.2024 im Handel:

Bildquelle: Die letzte Fahrt der Demeter © Universal Pictures Germany

Horrorfilme… sind für mich eine Möglichkeit, Angstsituationen zu erleben, ohne die Kontrolle zu verlieren. Es ist eine positive Art der Angst, da sich ein Glücksgefühl einstellt, sobald man die Situation durchgestanden hat. Es ist nicht real – könnte es aber sein. Das ist furtchteinflößend und gleichzeitig faszinierend.

...und was meinst du?