Der Hexenjäger (1968) – Review

Witchfinder General

Fünfzig Jahre, nachdem Jungregisseur Michael Reeves mit Der Hexenjäger Angst und Schrecken in den Kinosälen verbreitete, nimmt sich Star-Autorenfilmer Nicolas Winding Refn einer Neuverfilmung an. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, den britischen Low-Budget-Erfolg mit Genreikone Vincent Price wieder einmal Revue passieren zu lassen!

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Witchfinder General
Großbritannien
86 Minuten
Michael Reeves
Tom Baker, Michael Reeves
Vincent Price, Ian Ogilvy u.a.

Hintergründe & Inhalt

1645: Während im pestgebeutelten England der blutige Bürgerkrieg tobt, ziehen der selbsternannte Hexenjäger Matthew Hopkins (Vincent Price, Das Pendel des Todes, Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie) und sein grobschlächtiger Kumpane John Stearne eine Spur aus Folter, Tod und Leid durch die Gemeinden. Sie verdingen sich mit der Ermittlung, Befragung und Hinrichtung mutmaßlicher Hexen, in der paranoiden Atmosphäre des Krieges scheint niemand vor ihnen sicher. Ihre Methoden sind unbarmherzig und grausam: Zwischen Marter, Kerkerhaft und öffentlicher Demütigung bleibt den Beschuldigten keinerlei Möglichkeit, ihre Unbescholtenheit zu beweisen. Als der Pfaffe einer kleinen Ortschaft in Sussex der Teufelsanbetung verdächtigt wird, sieht sich dessen Nichte Sara gezwungen, sich Hopkins sexuell zu unterwerfen, um das Leben ihres Onkels zu retten. Als der geifernde Stearne sie jedoch ebenfalls vergewaltigt, verliert der autoritäre Hopkins das Interesse und lässt den Priester zusammen mit anderen Beschuldigten hängen. Saras Liebster, der Bürgerkriegssoldat Richard Marshall (Ian Ogilvy, Der Tod steht ihr gut), schwört nach seiner Heimkehr bittere Rache, doch der Hexenjäger wütet bereits im nächsten Dorf…Witchfinder General

Witchfinder General

Matthew Hopkins, 1647: The Discovery of Witches. Titelblatt.

Der Hexenjäger basiert auf wahren Begebenheiten. Matthew Hopkins und John Stearne trieben tatsächlich zwischen 1644 und 1647 ihr Unwesen im Osten Englands, folterten und richteten vermeintliche Teufelsanbeter und erhoben, angeblich im Auftrag des Parlamentes, Gebühren für diesen Dienst. Mit The Discovery of Witches veröffentlichte Hopkins selbst einen Tatenbericht, der auch seine raffinierten Foltermethoden thematisiert – nicht zuletzt, um als Instruktion zur erfolgreichen Hexenjagd zu dienen. Beschriebene Praktiken wie die Suche nach einem gefühllosen Hexenmal auf dem Rücken der Beschuldigten, welche durch das Stechen mit langen Nadeln unternommen wurde, werden in Der Hexenjäger adaptiert. Dennoch ist der Kinofilm keinesfalls als akkurate Biographie zu verstehen: Der historische Hopkins unternahm seine Hexenjagden in deutlich jüngerem Alter als die von Price verkörperte Filmfigur, auch scheint sein Verhältnis zu Stearne kein einseitiges von Herr zu Knecht gewesen zu sein. Vorlage war hier vielmehr der historische Roman Witchfinder General von Ronald Bassett, welcher sich bereits einige künstlerische Freiheit lässt.

Kritik

Der Hexenjäger geht dem Zuschauer durch Mark und Bein. Vor der zunächst noch liebevoll-naiv erscheinenden Kulisse eines angestaubten und etwas zu farbenfroh ausgestatteten Kostümfilms, entfaltet sich schnell ein geschmackloser, beißender Pessimismus, der die Idylle East Anglias in einen tiefen Alptraum umkippen lässt. Die mechanische Unbarmherzigkeit des meisterhaft von Vincent Price interpretierten Hopkins kennt keine Grenzen, die Unausweichlichkeit seines scheinbar gottgewollten Richtspruches besiegelt das Schicksal seiner Opfer. Der sadistisch-animalische Stearne an seiner Seite kontrastiert, vervollständigt dabei jedoch das Bild des unaufhaltsamen Wahnsinns, den die Hexenhysterie über die Lande bringt.

Witchfinder GeneralDie Wehen des Bürgerkrieges liefern das Landvolk Englands auch abseits der Fronten der chaotischen Willkür radikaler Kräfte aus, die sich sowohl im rasenden Pöbel als auch im berechnenden Mahlwerk manipulativer Männer wie Hopkins manifestieren. Im zarten Alter von vierundzwanzig Jahren leistet Regisseur Michael Reeves hier Bemerkenswertes: Aus blumigen Kulissen paradiesischer Agraridylle, dem schaurig-grausamen Charisma von Vincent Price und losen, aber sorgsam verarbeiteten historischen Referenzen schmiedet er eine Dystopie selbstsüchtiger Begierde, kollektiver Paranoia und religiöser Verirrung. Selbst Schönling Richard bleibt davor nicht verschont, verwandelt die Drastik der Grenzerfahrung doch selbst ihn zum maßlosen Schlächter.

Witchfinder GeneralZurecht gilt Der Hexenjäger neben den drei sowie fünf Jahre jüngeren In den Krallen des Hexenjägers und The Wicker Man als Gründungsepos des Folk-Horror-Genres, welches das Grauen aus den modrigen Gruften und staubigen Schlössern der Hammer-Produktionen in die abgelegene Peripherie Britanniens verlegte. Wenn auch weniger bildgewaltig und zweifelsohne konventioneller inszeniert als Wymarks und Hardys Produktionen, trifft Der Hexenjäger einen Nerv, auf den bis heute zahlreiche Genrefilme abzielen, den jedoch die wenigsten Dramaturgen derart präzise zu sezieren vermögen. Der Schrecken lauert im Banalen: dem langweiligen Alltag, dem ländlichen, gewöhnlichen Treiben der Menschen. Ausnahmezustände wie Krieg, Not und Panik fördern ihn zutage und er personifiziert sich im Opportunismus und der empfindungslosen Kälte von Tyrannen wie Matthew Hopkins, dem Witchfinder General.Witchfinder General

Fazit

Auch nach über fünfzig Jahren überzeugt Der Hexenjäger noch durch den beißenden Pessimismus, mit dem Michael Reeves den Wahnsinn durch die beschaulichen Gemeinden Englands stampfen lässt. Unter seiner Regie werden – erstmals in diesem Ausmaße – einfache Felder, Bauernschaften und Wege, grüne Hügel und strohgedeckte Dächer ebenso wie Theaterkostüme zum Träger eines gärenden Übels, welches nur darauf wartet, auf Kommando eines Despoten hin auszubrechen. Selten ist es gelungen, eine derartig bösartige Atmosphäre aus einem derart unspektakulären Ausgangsmaterial zu fertigen – und selten hatte jemand mit einem Remake größere Fußstapfen zu füllen als Nicolas Winding Refn.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: Der Hexenjäger © ’84 Entertainment

Alexander

Horrorfilme… sind die audiovisuelle Adaption des gesellschaftlich Abgestoßenen, Verdrängten und/oder Unerwünschten, das in der einen oder anderen Gestalt immer wieder einen Weg zurückfindet.
Alexander

...und was meinst du?