Der Leuchtturm (2019) – Review

Der Leuchtturm

Nachdem Robert Eggers 2015 mit seinem vielfach gefeierten Spielfilmdebüt The Witch einen Film schuf, der das Potential zum Klassiker hat, waren die Erwartungen an seine zweite Regiearbeit entsprechend hoch. Wir haben einen Blick auf seinen in Cannes vielfach gelobten Nachfolger Der Leuchtturm geworfen und für euch geschaut, ob er die turmhohen Erwartungen erfüllen kann.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:
VÖ:

The Lighthouse
USA
109 Minuten
Robert Eggers
Max Eggers, Robert Eggers
Willem Dafoe, Robert Pattinson
Ab 28.11.2019 im Kino

Hintergründe & Inhalt

Im Zentrum dieser Schauermär stehen die beiden Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe, Antichrist) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson, High Life). Letzterer soll den vorherigen Kumpanen Wakes‘ ersetzen, nachdem dieser unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Vier Wochen soll der Job dauern, bis die beiden von einem Versorgungsschiff abgeholt werden. Winslow verbietet seinem jungen Gehilfen jedoch entgegen der Vorschriften vehement das Betreten der mysteriösen Leuchtanlage und so keimt zwischen den Männern schon bald Misstrauen und Zwietracht. Als die vier Wochen um sind, kommt es zu einem schweren Sturm, der den beiden Wärtern das Verlassen der Insel unmöglich macht. Paranoia und Wahnsinn breiten sich unaufhaltsam aus, während die Männer auf dem Eiland gefangen sind…

Kritik

Der Leuchtturm beginnt mit einer Einstellung, in der die gesamte Insel in ihrer räumlichen Begrenzung zu sehen ist. Bereits hier wird in den ersten Minuten deutlich, wieso Robert Eggers auf das ungewöhnliche, fast schon quadratische Format von 1,19:1 zurückgegriffen hat, das vor allem zu Zeiten des Stummfilms populär war: Die unglaubliche Enge und eingeschränkte Bewegungsfreiheit lassen gleich am Anfang ein beklemmend-klaustrophobisches Gefühl aufkommen, das sich bis zum bitteren Ende halten wird. Neben seinem wirkungsvollen Format zeichnet sich Der Leuchtturm formal außerdem dadurch aus, dass er mit alten Objektiven auf Schwarz-Weiß-Film gedreht wurde. Dadurch ist das Bild einerseits scharf, wirkt andererseits aber häufig genauso schmuddelig wie es auch auf der kleinen Insel zugeht. Durch die intensive atmosphärische Ausleuchtung der Szenen und dem grandiosen Spiel von Licht und Schatten wirken die Geschehnisse merkwürdig der Wirklichkeit entrückt, beispielsweise wenn die beiden Wärter jeden Abends aufs Neue beim gemeinsamen Abendessen sitzen und eine kleine Tischlampe den Raum in konstantes Zwielicht taucht.

Der Leuchtturm

Solche sonderbaren stilistischen Mittel würde man heutzutage für einen Kinofilm wohl am ehesten als ein großes Wagnis bezeichnen. In Der Leuchtturm geht Eggers‘ Rechnung jedoch voll auf und so weiß der Film schon rein durch seine Optik besondere und außergewöhnliche Akzente zu setzen, die sich glücklicherweise auch auf erzählerischer Ebene wiederfinden.

Obwohl sich die Story fast ausschließlich auf die täglichen Arbeiten der beiden Männer konzentriert, wird nach einem ruhigen Einstieg ganz langsam aber sicher klar, dass mindestens einer der beiden Seemänner nicht ganz bei Verstand zu sein scheint und der Grund dafür sich irgendwo zwischen den steinigen Felsen der Insel verborgen halten muss. Um nicht zu viel vorwegzunehmen, folgt diesem Artikel demnächst noch eine umfassendere Analyse, denn der Film bietet aufmerksamen Zuschauern reichlich Spielraum für unterschiedliche Deutungen und Interpretationen.

Der Leuchtturm

Was sich aber im Hinblick auf die Geschichte bereits verraten lässt ist, dass sich Der Leuchtturm in einem düsteren Genre-Mix aus Drama, Fantasy und Horror, in dem sogar mehrere humoristische Szenen authentisch eingebunden werden, zu einem mystischen Kammerspiel entwickelt, das die Grenzen des menschlichen Verstandes und seine rationale Auffassungsgabe aus den Angeln hebt. Die Unklarheit über den Wahrheitsgehalt dessen, was die beiden Männer zu sehen und wovon sie Zeugen zu sein glauben, wirkt wie ein sich stetig festziehender Würgegriff, der die beiden immer weiter gegeneinander ausspielt. Der Leuchtturm bietet einiges an Erklärungsansätzen und ist sich seines hohen Anspruchs durchaus bewusst. Dennoch schafft er es elegant, seine Zuschauer mit atemberaubenden Kamerafahrten, einem sich stetig einschleichenden Grauens und einer Soundkulisse, die mir das Blut in den Adern gefrieren lies, so sehr zu fesseln, dass man gar nicht anders kann, als das Gesehene reflektierend zu hinterfragen.

Der Leuchtturm

Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass Der Leuchtturm viel mit Allegorien und metaphorischer Darstellung griechischer Mythologie arbeitet. Der Clou dabei ist, dass er auch ohne jegliches Wissen über diese Themengebiete einwandfrei funktioniert und dank des famosen Schauspiels von Pattinson und Dafoe zu einem packenden und mitreißenden Wettkampf gegen den Verlust des eigenen Verstands wird. Apropos Schauspiel: Auch wenn dieses Jahr vollkommen zu Recht alle über Joaquin Phoenix‘ Darstellung in Joker reden, hat sich in dem Duo Pattinson/Dafoe ein Schauspieler-Ensemble zusammengefunden, das in meinen Augen die Performance von Phoenix‘ sogar noch übertrifft und wohl für beide Darsteller eine der intensivsten und besten Performances ihrer Karriere markiert.

Fazit

Der Leuchtturm ist in jeder Hinsicht ein überragender und außergewöhnlicher Film. Er ist eine Liebeserklärung an die Anfangsjahre des Kinos, da er in seiner Optik zweifelsohne Anleihen zum deutschen expressionistischen Film der 20er Jahre erkennen lässt. Gleichzeitig wirkt er durch seine Kostüme, sein Set-Design, seine Sprache und nicht zuletzt auch seine Undurchsichtigkeit aber auch absolut zeitlos. Er kreiert eine Authentizität, die mich zu jeder Sekunde voll und ganz in ihren Bann gezogen hat und erzählt in beklemmenden Bildern, unterstützt von einer grandiosen Kameraarbeit, eine Geschichte, in der sich Frust, Neid und Misstrauen zu einem dunklen Strudel aus Wahnsinn vermischen, der mich im Kino vollkommen in seine eiskalten Tiefen gerissen hat. Indem der Film sich ganz der subjektiven Wahrnehmung seiner Figuren hingibt, entfalten die Mysterien eine Atmosphäre nicht fassbarer Bedrohlichkeit, die ihresgleichen sucht. Der Leuchtturm bietet den Stoff, aus dem uralte, finstere und verzerrte Albträume geschaffen sind, wodurch auch Eggerts zweite Arbeit das Potential zu einem zeitlosen Klassiker hat.

 

Bewertung

GrauenRating: 5 von 5
SpannungRating: 4 von 5
HärteRating: 3 von 5
UnterhaltungRating: 5 von 5
AnspruchRating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Bildquelle: Der Leuchtturm © Universal Pictures Germany

Robert

Horrorfilme sind für mich die beste Möglichkeit, die Grenzen des Zumutbaren und des eigenen Sehvergnügens auszuloten und neu zu definieren. Außerdem gibt es kaum ein anderes Genre, das so viele verschiedene gute Ideen, Möglichkeiten und Geschichten hervorbringen kann, da, ähnlich wie im Science-Fiction, einfach alles möglich ist. Es ist faszinierend, wie stark einen gute Horrorfilme in ihren Bann ziehen können und dabei sowohl schockieren als auch unterhalten.
Robert

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