Was ist ein Final Girl?

Final Girls

Sie ist die, die leidet, über die Leichen ihrer Freunde und Bekannten steigt, gequält und gepeinigt wird und sich dem drohenden Tod wagemutig entgegenstellt. Sie ist die, die überlebt, um die Geschichte weiterzutragen: das Final Girl. Wir haben uns einen der bekanntesten Stereotype der Horrorfilmgeschichte einmal genauer angesehen.

Final GirlBesonders im Slasher-Genre verhaftet, bezeichnet es eine weibliche Figur, die in einer Gruppe von hauptsächlich Jugendlichen den Widersachern trotzt. Hautnah erlebt das Final Girl mit, wie die anderen Charaktere nacheinander getötet werden und schafft es mit einer Mischung aus Glück, Improvisationstalent, Überlebenswillen und mitunter auch Helfenden, dem sicheren Tod zu entkommen. Das erste Mal benannt und beschrieben wurde dieses Phänomen von Carol J. Clover in ihrem 1992 erschienenen Buch „Men, Women, and Chain Saws. Gender in the Modern Horror Film“. Clover zufolge zeichnet sich das Final Girl durch folgende Merkmale aus, von denen nicht alle zutreffen müssen.

Das Final Girl ist ein weiblicher Charakter, der wenig „typisch weibliche“ Merkmale trägt, was sich schon bei der Namenswahl zeigt: Final Girls heißen z.B. Stevie, Terry, Marty, Joe, Max oder werden beim Nachnamen gerufen, wie etwa Ripley. Von Anbeginn werden sie als die Hauptfigur des Films etabliert, wenn auch als Außenseiterin dargestellt. Im Gegensatz zu den anderen Charakteren sind sie meist ruhig, zurückhaltend gegenüber dem typischen gesellschaftlichen Leben und mehr an Büchern oder handwerklichen Sachen interessiert als am anderen Geschlecht oder gar Sex. Sie ist diejenige, die auf die verunstalteten, toten Körper ihrer Freunde und anderer Charaktere trifft. Folglich weiß sie um ihren drohenden Untergang. Dennoch findet das Final Girl die Kraft, sich dem Bösen entgegen zu stellen, um es entweder selbst zu vernichten oder zumindest lang genug zu überleben, um ihm zu entkommen. Sie durchläuft mehrere Phasen und Anläufe, in denen sie leidet, schreit, kämpft, weiter leidet, weiter schreit, entkommt, eingeholt wird und sich schließlich dem finalen Kampf stellt. Der Showdown nimmt die letzten 10-30 Minuten des Films ein.

Final Girl Ginny erwehrt sich in Freitag, der 13. – Jason kehrt zurück der Angriffe mit allen Mitteln

Während in Slashern aus den frühen 70er Jahren wie The Texas Chainsaw Massacre das Final Girl noch eher passiv scheint oder die Rolle der Jungfräulichkeit bzw. Abstinenz wie in Black Christmas nicht als relevantes Charakteristikum auffällt, prägt vor allem Halloween die heute mit dem Stereotyp in Verbindung gebrachten Eigenschaften. Protagonistin Laurie Strode wirkt im Vergleich zu ihrer Clique etwas abseitig, mit einem moralisch hohen Anspruch und wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen. Sie ist intelligent, gewieft und wartet nicht nur auf Hilfe, sondern wehrt sich aktiv und besiegt ihren Peiniger letztlich sogar im Alleingang. Dadurch unterscheidet sie sich von der letzten Überlebenden („female survivor“ bei Clover), die zwar auch überlebt, aber gerettet werden muss.

Final Girl Sally aus Texas Chainsaw Massacre

Sally aus Texas Chainsaw Massacre ist irgendwo zwischen Damsel in Distress, Female Survivor und Final Girl anzusiedeln und zeigt, dass eine klare Zuordnung oft schwierig ist.

Damit steht das Final Girl im direkten Gegensatz zum Stereotyp der Damsel in Distress (Jungfrau in Nöten), deren einzige Aufgabe es ist, den männlichen Protagonisten zu motivieren über sich selbst hinaus zu wachsen und die edle Holde zu befreien. Doch statt entführt und verwahrt zu werden, um auf die erlösende Rettung zu warten, zwingen die Umstände die heranwachsende Frau dazu, selbst aktiv zu werden und über sich hinaus zu wachsen. Sie ist die starke, selbstbewusste Protagonistin, mit der sich auch das überwiegend männliche Slasher-Publikum identifizieren und mitfiebern kann. Bedauerlicherweise reicht das meistens nur zur eigenen Rettung, während der Versuch, auch andere Personen zu retten, scheitert – sonst wäre sie nicht die Last Woman Standing.

Damsel in Distress Kay in Der Schrecken vom Amazonas

Kay als klassisches Damsel in Distress im Creature-Feature Der Schrecken vom Amazonas

Muss ein Final Girl aber jungfräulich sein? In dem Fall wäre die Figur wohl nicht mehr als ein Trope, um traditionelle weibliche Verhaltenserwartungen zu belohnen. Doch es geht nicht um die Verdammung der weiblichen Sexualität, denn noch nie hat ein Mörder von einer jungen Frau abgelassen, weil sie zurückhaltend und keusch war. Sie soll ebenso sterben wie alle anderen und eben dieser Kampf um Leben und Tod ist es, der den Reiz und das Zuschauererlebnis dieses Genres ausmacht. Vielmehr sind die hormonell gesteuerten, sexuell aktiven Menschen schlichtweg zu sehr abgelenkt, um sich ihres Todes zu erwehren und erliegen darum dem Klischee des „Death by Sex“.

Final Girl - Death by Sex

„Death by Sex“ in Freitag, der 13.

Im Laufe der Jahre hat sich die Figur des Final Girls verändert und erweitert. Die Rolle der Sexualität verlor an Gewicht und Bedeutung. Heutige Vertreterinnen des Tropes sind durchaus sexuell interessiert und aktiv, lassen sich davon aber nicht aufhalten oder begrenzen. Sidney Prescott gilt als Protoyp des postmodernen Final Girls und Scream als Film, der sowohl Hommage an als auch Dekonstruktion der üblichen Klischees ist.

Final Girl Sidney Prescott aus Scream

Sidney Prescott als Weiterentwicklung des Final Girls in Scream

Entscheidend für ein gut geschriebenes Final Girl ist ihre charakterliche Entwicklung und die Möglichkeit zur Identifikation mit ihr. Auch eine flache Figur kann zwar nach den von Clover aufgestellten Merkmalen ein Final Girl sein, verkommt aber schnell zum reinen Exploitationobjekt. Beliebten Final Girls wie Jessie aus Black Christmas, Laurie aus Halloween oder Kirsty aus der Hellraiser-Reihe können wir hingegen dabei zusehen, wie sie sich ihrer eigenen Kraft bewusst werden, während sie ein für alle Mal klarstellen, dass Stärke und Mut keine Frage des Geschlechts sind.

Heike
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