Platz 24 bis 20 der besten Horrorfilme aller Zeiten!

Besten Horrorfilme

Unsere nächsten fünf Plätze der besten Horrorfilme aller Zeiten zeigen wieder eine bunte Mischung dessen, was das Genre zu bieten hat: Vom deutschen Expressionismus bis zur New French Extremity. Von Nicolas Roeg bis John Carpenter: Hier ist Horror zuhause.

Platz 24: Das Cabinet des Dr. Caligari (1920)

Sanatoriumsinsasse Francis erzählt einem Leidensgenossen die wunderliche Geschichte seiner Einlieferung: In seiner Heimatstadt Holstenwall sei Ungeheuerliches passiert, seit der undurchsichtige Jahrmarktsschausteller Dr. Caligari dort auftauchte. Nachdem dessen Ausstellungsobjekt, der Somnambule Cesare (Conrad Veidt, Orlac’s Hände), seinem Freund Alan den baldigen Tod vorhergesagt habe, sei dieser prompt unter mysteriösen Umständen ermordet worden. Die Behörden seien wenig hilfreich gewesen und als Francis selbst zu ermitteln begonnen habe, hätten sich die Ereignisse überschlagen…

Das Cabinet des Dr. Caligari entstand unter den Federn der Kriegsheimkehrer Carl Meyer und Hans Janowitz, deren Erlebnisse unmittelbar ins Drehbuch einflossen. Die von Robert Wiene abgefilmte Schauergeschichte, die 2020 ihren einhundertsten Geburtstag feierte, bietet einen wahren Schatz an Interpretationsmöglichkeiten. Die prominenteste ist sicher die Deutung Siegfried Kracauers, der den Tyrannen Caligari als Foreshadowing eines deutschen Strebens zur Totalität begriff. In jedem Falle verschachtelt Das Cabinet des Dr. Caligari auf hypnotische Weise psychoanalytische und herrschaftskritische Fragestellungen elegant mit bekannten Phantastik- und Schauermotiven auf zuvor nicht dagewesene Weise.

Größter Star sind hier neben den Hauptdarstellenden, allen voran natürlich Veidt und Werner Krauß als teuflischer Doktor, wohl die Filmbauten der Decla-Bioscop-Gesellschaft. In überbordendem Ausmaß kombinierten die Architekten gemalte und gebaute Kulissen zu grotesken, surrealen Karikaturen, die den ganzen Film wie eine einzige Phantasmagorie erscheinen lassen. Stark kontrastierte Schwarzweißszenen mit gemalten Schatten, in denen der schaurige Somnambule durch verzerrte und verdrehte Geometrie schleicht, sind bis heute in den Köpfen fest mit dem Namen Caligari verknüpft. Bis heute erzeugt kaum eine Filmproduktion eine derartige, fieberhafte Wirkgewalt wie Das Cabinet des Dr. Caligari. [Alexander]

Platz 23: Die Mächte des Wahnsinns (1994)

Der weltberühmte Horrorschriftsteller Sutter Cane (Jürgen Prochnow, Der Wüstenplanet) verschwindet spurlos, kurz vor der geplanten Veröffentlichung seines neuen Schauerromans: „Die Mächte des Wahnsinns“. Sein Verleger engagiert den ehrgeizigen Privatdetektiv John Trent (Sam Neil, Event Horizon), um den Literaten aufzuspüren und das Manuskript sicherzustellen. Trent stößt nach und nach auf Hinweise in Canes Büchern: Der extravagante Sonderling scheint sich in einem abgelegenen Ort namens Hobb’s End aufzuhalten. Doch dort ist nichts, wie es scheint, und er wird eingesogen in einen immer schneller wirbelnden Mahlstrom zwischen Wahn und Wirklichkeit…

Die Mächte des Wahnsinns wird häufig erst im zweiten oder dritten Atemzug genannt, wenn es um das Œuvre von Altmeister John Carpenter geht. Und in der Tat unterscheidet er sich sehr von der gradlinigen Perfektion, die Halloween oder Das Ding aus einer anderen Welt kennzeichnet. Weitaus verspielter und verträumter ist Die Mächte des Wahnsinns durch und durch eine Würdigung der Horrorliteratur, die Carpenter so liebt. Der verwunschene Antagonist Cane ist eine Hommage an Stephen King und H.P. Lovecraft – und der Film insgesamt eine Liebeserklärung an deren Werke. Protagonisten und Zuschauer bekommen die ganze Palette unheilvoller Omen zu spüren, die Carpenter den literarischen Inspirationen entnehmen konnte: Immer mehr erschreckende Details werden im Zuge der Recherche über Cane bekannt, und in Form verstörender, sich bewegender Gemälde und völlig surrealer Geographien deutet sich der Wahnsinn des Finales an – Stück für Stück, bis es zu spät ist.

Die Mächte des Wahnsinns ist ein irritierend verschachtelter, doch keinesfalls verkopfter, Abstieg ins Verderben, wie ihn eben auch die Geschichten Lovecrafts und anderer darstellen. Es ist nicht die intellektualisierte Literaturverarbeitung eines Kubrick, sondern trotz der Sonderstellung des Films in seinem Werk bleibt Carpenter hier ganz bodenständig: Die Mächte des Wahnsinns ist eine Ode an die abgründige Seite, den gärenden Bodensatz menschlicher Imaginationskraft, der seit je her die schlimmsten Ungeheuer gebiert und letztendlich das Herzstück aller Horrorfiktion ausmacht. [Alexander]

Platz 22: Martyrs (2008)

Die zehnjährige Julie schleppt sich schreiend, weinend und verletzt über die Straßen eines verlassenen Fabrikgeländes. Als das Mädchen gefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert wird, zeigen sich Spuren monatelanger Gewalteinflüsse an ihrem Körper. Fünfzehn Jahre später steht Julie an der Tür einer vierköpfigen Familie – ihrer ehemaligen Peiniger.

Mit Martyrs schuf Pascal Laugier 2008 einen der kontroversesten Vertreter des französischen Horrorfilms. In seinem Ausnahmewerk setzt der Regisseur den Zuschauer blanker, ungeschönter Gewalt aus, die wesentlich tiefer dringt, als jene bedeutungslos zelebrierten Gewaltinszenierungen, die jährlich im Überfluss auf den Horrorfan niederprasseln. Das liegt zum einen an der Inszenierung, die die Brutalität so greifbar und ungeschönt wie nur irgend möglich auf den Zuschauer ableitet, zum anderen an der famosen Bildsprache Laugiers, die Martyrs zu einer nahezu ausweglosen Erfahrung mutieren lässt.

Trotz der federführenden Gewaltinszenierung entzieht sich Martyrs dabei jedweder Torture-Porn-Vergleiche, stellt sämtliche Gräueltaten stets in den Dienst der Geschichte und kreiert eine Handlung, die neben einem stetig ansteigenden Spannungsbogen mit einigen Wendungen aufzuwarten weiß.

Martyrs ist eine Reflexion des Schmerzes, der Demütigung und der Zerstörung des menschlichen Körpers, die die wahre Bedeutung des Leidens thematisiert und eine beispiellos erschütternde Kraft entfesselt. Diese Grenzerfahrung macht Laugiers Meisterwerk nicht nur zu einem der besten Vertreter der New-French-Extremity, sondern erklimmt problemlos eine der Top-Platzierungen der besten Horrorfilme aller Zeiten. [Jan]

Platz 21: The Fog – Nebel des Grauens (1980)

In der Nacht vor dem hundertsten Geburtstag der kleinen Küstenstadt Antonio Bay schiebt sich eine Nebelbank über das Meer auf das Städtchen zu, die einige unerklärliche Phänomene auslöst. Zeitgleich entdeckt Pater Malone, der örtliche Priester, das furchtbare Geheimnis der Stadt. Und der Nebel erreicht langsam die Stadt…

Nach der hervorragenden Slasher-Blaupause Halloween wandte sich John Carpenter mit The Fog einer klassischen Geistergeschichte zu. Passend zur kalten, tristen See und der Geschichte um die ertrunkenen Seefahrer ist die Atmosphäre des Films eisig, was von Carpenters ebenso wunderschöner wie traurig-traumartiger Musik hervorgehoben wird.

Die Effekte sind einfach, aber wirkungsvoll, was auch für die Geschichte gilt. Generell setzt Carpenter hier auf eine reduzierte Inszenierung und lässt unnötigen Schnickschnack weg, was der frostigen Atmosphäre sehr zugutekommt.

Bemerkenswert am Drehbuch von Carpenter und Ko-Autorin Debra Hill sind die, besonders für jene Zeit, stark ausgearbeiteten Frauenfiguren, die den Männern in nichts nachstehen und von Halloween-Star Jamie Lee Curtis, ihrer Mutter Janet Leigh (Psycho) und Adrienne Barbeau (Die Klapperschlange) mit starken Performances zum Leben erweckt werden. Unterstützt werden die Aktricen unter anderem von Hal Holbrook (Rituals) und Tom Atkins (Halloween 3).

The Fog ist auch nach 40 Jahren noch absolut sehenswert und mordsmäßig spannend. Mit seiner ganz besonderen Atmosphäre nicht nur eines von Carpenters besten Werken, sondern auch ein Horrorfilm, der auch nach all den Jahren nichts von seinem Reiz eingebüßt hat. [Andreas]

Platz 20: Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973)

Die Eheleute Laura und John Baxter kommen nach Venedig, um den kürzlichen Unfalltod ihrer gemeinsamen Tochter zu betrauern. Während John sich auf seine Arbeit als Restaurator einer alten Kirche konzentriert, lernt Laura die mysteriösen Schwestern Heather und Wendy kennen. Die blinde Heather behauptet, die Gabe des „zweiten Gesichts“ zu besitzen und so mit Lauras verstorbener Tochter in Kontakt treten zu können. Schon bald sieht sich das Ehepaar unheilvollen Visionen ausgesetzt, die ihren Bezug zur Realität auf eine harte Probe stellen…

„Nothing is as it seems“ ist die selbsterklärte Prämisse von Wenn die Gondeln Trauer tragen und tatsächlich gelingt es dieser britischen Filmperle bravourös, die schwimmende Grenze zwischen Realität und Wahrheit zu verhüllen. Regisseur Nicolas Roegg schafft es, eine wirklich einmalige Atmosphäre zu erschaffen, indem er das sonst so malerische Venedig als schmutziges, beinahe menschenleeres, trostloses und trübes Rattenloch zeigt. Er zeichnet das Bild einer verrottenden, sterbenden Stadt, die eigentlich für die Figuren als Zufluchtsort vor kräftezehrender Trauer dienen sollte, aber stattdessen unter der allgegenwärtigen Wasseroberfläche die Ängste und den Schmerz im Unbewussten schürt und an die Oberfläche drängt.
Die Vorstellung von flammender Leidenschaft und Erotik, die sonst mit der Stadt verknüpft ist, wird durch eine von düsteren Visionen und Prophezeiungen durchzogene Tristesse verdrängt. Wie dünner Nebel über Wasser legen sich hier die Mysterien, die das Ehepaar zu verfolgen scheinen, unheilschwanger über die Stadt und drohen gemeinsam mit der untragbaren Last des Verlustes die beiden zu erdrücken. Die dunklen, engen Gassen Venedigs erbauen ein Labyrinth aus Fragen und schaurigen Vorahnungen, in dem die Figuren und Zuschauer gleichermaßen hilf- und orientierungslos gefangen sind.

Wenn die Gondeln Trauer tragen ist ein bildgewaltiger, schauriger und auch heute noch faszinierend und packend erzählter Mystery-Horror, dem der Zahn der Zeit nichts anhaben konnte und der auch heute noch auf ganzer Linie überzeugt. Höchst aufwühlend gehört er immer noch zu den besten Horrorfilmen aller Zeiten; denn wenn die Gondeln Trauer tragen, ist tätsächlich nichts so, wie es scheint. [Robert]


Was sagt ihr zu unseren Plätzen 24 bis 20? Habt ihr alle Plätze schon gesehen? Ganz nach eurem Geschmack oder fragt ihr euch, was uns bloß geritten hat? Lasst es uns wissen!

Am 06. Juni erscheinen die Plätze 19 bis 15. Ihr dürft gespannt sein!

Hier geht es zum Überblick über die gesamte bisher veröffentlichte Liste.

DarkForest

4 Kommentare

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    Für Martyrs hat eine andere Seite die schöne Formulierung gefunden, man könne den Film als Reise ins Herz der Finsternis beschreiben, doch das sei falsch, Martyrs habe kein Herz.
    Hat er natürlich, der Film ist derart nihilistisch, dass er nur jemand herzloses davon unberührt bleiben kann. Gewalt so explizit zu zeigen, dabei nicht selbstzweckhaft oder voyeuristisch, ist ein Kunststück, das nicht mal Michael Haneke hinbekommt (der ja Gewalt als nicht konsumierbar zeigen will). Zumal der Zuschauer am dramaturgisch neuralgischen Punkt ja weiß, welches Martyrium er zu sehen bekommt.
    Martyrs ist der einzige Horrorfilm, bei dem ich heulen musste und der einzige, den ich danach kein zweites mal ansehen konnte. Abgesehen von A Serbian Film, den ich ausgemacht habe und der hoffentlich nicht noch in der Liste auftaucht. Für Martyrs aber meiner Meinung nach völlig verdienter Platz.

    • Florian Halbeisen
      Florian Halbeisen

      Hi Lex,
      da bin ich ganz bei dir. Ich finde die Formulierung des Kollegen ebenfalls sehr schön, würde inhaltlich aber auch widersprechen, dass Martyrs sehr viel Herz hat. Martyrs ist eines der wenigen Werke, in denen zwar der Körper einer jungen Frau, klassisch für’s Genre, zerstört wird, der dabei aber auf jegliche sexuelle Exploitation verpflichtet. Laugier begegnet seinen Opfern, trotz aller Qualen immer mit Menschlichkeit. Es geht in dem Film eben nie darum, die Zerstörung von Körper und Geist zu zelebrieren und damit zeigt Martyrs sein Herz.
      Haneke find ich in dem Zusammenhang sehr interessant. Ich glaube, dass die Gewalt, die er in Funny Games inszeniert hat, für das gemeine Bildungsbürgertum in der Tat schwer konsumierbar ist. Im Horrorgenre ist er allerdings weit entfernt irgendwelche Grenzen zu erreichen. Nichtsdestotrotz mag ich seine Versuchsanordnung sehr gerne und auch die zeigefingerschwingende Anklage von Mediengewalt.
      Ich kann an der Stelle auch soweit Spoilern, dass A Serbian Film in unsere Liste nicht vorkommt. Der Film wird zwar durchaus auch mal kontrovers diskutiert in der Redaktion, aber grundsätzlich nicht so hoch gehandelt, dass er hier von Bedeutung wäre.

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        Danke für die Antwort. Auch für den Hinweis auf die nicht sexualisierte Gewalt bei Martyrs, das stimmt natürlich.
        Bei Funny Games, als „Ohrfeige“ konzipiert, sollten laut Haneke die Zuschauer ja am besten abschalten; das ist mir tatsächlich des Zeigefingers zu fiel, der piekst mir da schon ins Auge. Das nicht konsumierbare Kunstwerk quasi, das gibts nicht, aber da bin ich auch sehr idealistisch (da ist Kunst „gut“ oder eben eher keine Kunst (sondern nur artifiziell)).
        Freue mich jedenfalls auf die weitere Liste.
        Viele Grüße

        • Florian Halbeisen
          Florian Halbeisen

          Kann ich bei Funny Games gut nachvollziehen. Man merkt dem Film aber einfach an, dass er aus einem ganz anderen Milieu stammt und sich quasi von außen mit Mediengewalt befasst. Find da andere Werke von Haneke auch stärker. Gerade Die Klavierspielerin und Das weiße Band sind absolut großartig.
          Aber ja, Kunst ist quasi immer konsumierbar, die Frage ist nur wie fordernd und transgressiv sie ist. Freue mich da ja immer, wenn mir Kunst etwas da lässt, an dem ich mich noch abarbeiten kann, oder wenn sie mich grundsätzlich etwas fordert.

...und was meinst du?