Martyrs (2008) – Review

Mit Martyrs setzt uns Pascal Laugier (Ghostland) einer quälenden Erfahrung aus, die wesentlich tiefer dringt, als jene bedeutungslos zelebrierten Gewaltinszenierungen, die jährlich im Überfluss auf die Horrorgemeinde niederprasseln. Wir begeben uns für euch auf den Leidensweg!

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Martyrs
Frankreich/Kanada
99 Minuten
Pascal Laugier
Pascal Laugier
Morjana Alaoui, Mylène Jampanoï u.a.

Hintergründe & Inhalt

Die zehnjährige Julie schleppt sich schreiend, weinend und verletzt über die Straßen eines verlassenen Fabrikgeländes. Als das Mädchen gefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert wird, zeigen sich Spuren monatelanger Gewalteinflüsse an ihrem Körper. Fünfzehn Jahre später steht Julie an der Tür einer vierköpfigen Familie – ihrer ehemaligen Peiniger.

Kritik

Erkundigt man sich nach Horrorfilmen der härteren Art, gilt Laugiers Martyrs oft als eine der ersten Adressen, um die Grenzen des Ertragbaren auszuloten. Doch anders als so manche Genrekost, lockert Martyrs diesen Grenzgang nicht mit wohltuender Unterhaltung oder derbem Humor auf. Viel mehr setzt euch der Franzose mit seinem Werk einer Erfahrung aus, die Gewalt so inszeniert, wie sie nun mal ist: bestialisch, entwürdigend und etwas, mit dem man im realen Leben lieber nicht konfrontiert werden möchte. Der Regisseur tut alles, um in die Köpfe seiner Zuschauer einzudringen und die auf Film gebannte physische wie psychische Zerstörung ungehemmt auf den Zuschauer zu projizieren.

Martyrs

Grundsätzlich lässt sich Laugiers Film in zwei Parts unterteilen. Während der Beginn einer Rache-Geschichte folgt, mündet Martyrs zur zweiten Hälfte in repetitiven, spiritualisierten Folterszenarien, die, so widerwärtig sie auch anmuten, für die Effektivität des Gesamtwerkes in ihrer Intensität unverzichtbar sind. Die Geschichte als solche ist recht einfach gehalten und wartet nur selten mit Überraschungen auf. Kein Beinbruch, wenn man bedenkt, dass das Ergebnis auch ohne große Innovationen nichts von seiner Wirkung einbüßt. Auch wenn sich Martyrs immer wieder den Vorwurf selbstzweckhafter Gewaltdarstellung gefallen lassen musste, handelt es sich hierbei um keine hohle Schlachtplatte. Vielmehr wird die Visualisierung des Gewalteinflusses auf die Charaktere zu jedem Zeitpunkt in den Dienst der Geschichte gestellt und eine exploitative Inszenierung dezidiert vermieden. Ganz genreuntypisch, verzichtet Martyrs dabei auch gänzlich auf jegliche Form sexualisierter Gewalt. Obwohl es sich im Verlauf freilich anbieten würde, lässt sich der Franzose zu keinem Zeitpunkt von seinem kompromisslosen Weg abbringen und zu unmotivierter Misogynie hinreißen.

Martyrs

Die Bebilderung der einwirkenden Gewalt spielt eine zentrale Rolle, denn Martyrs funktioniert einzig und alleine aufgrund seiner Kompromisslosigkeit – es gibt kein Erbarmen, keine Erlösung und keinen einzigen Feel-Good-Moment, der dem Zuschauer eine Atempause gewährt. Laugiers Mut zur drastischen Darstellung hält sich über die komplette Dauer und sorgt letztlich dafür, dass sich Fassungslosigkeit und Faszination gegeneinander aufwiegen. Es ist jedoch nicht nur die körperliche Zerstörung, die Martyrs‘ Intensität ausmacht, sondern auch die Demütigung, die Laugier seiner Protagonistin widerfahren lässt und umgehend auf den Zuschauer ableitet. Wir werden nicht mit gewalttätigen Eyecatchern gewonnen, sondern identifizieren uns mit einem Charakter, der einen Leidensweg durchschreitet, der so spürbar in Szene gesetzt ist, dass sich Schmerz und Pein auch auf den Zuschauer übertragen.

Martyrs

Martyrs besticht vor allem aufgrund seiner packenden Atmosphäre und Laugier beweist sich hier als brillanter Inszenator. Sowohl visuell als auch akustisch lässt sich die französische Horrorerfahrung der Elite zuordnen. Jedes Bild schmerzt und jeder Ton sitzt. Die triste Bildsprache sorgt durchgehend dafür, die Aussichtslosigkeit der Geschichte so greifbar wie nur irgend möglich zu machen. Die stellenweise orphische, musikalische Untermalung greift der visuellen Darstellung gekonnt unter die Arme, akzentuiert sowohl das mysteriöse, das Martyrs in sich trägt, als auch die Bedrohlichkeit, der sich der Zuschauer permanent ausgesetzt fühlt. Auch die Darstellerleistungen sind fantastisch. Besonders hervorzuheben ist Morjana Alaoui, der es eindrucksvoll gelingt, den Zuschauer in einen Abgrund aus Schmerz und Leid hinabzuziehen. Doch auch die Antagonisten, allem voran die bedrohliche Catherine Bègin als sibyllinische Führerin Mademoiselle, überzeugen auf ganzer Linie.

Martyrs

Fazit

Martyrs ist eine Reflexion des Schmerzes, der Demütigung und der Zerstörung des menschlichen Körpers, die den Zuschauer kompromisslos miteinbezieht und eine beispiellos erschütternde Kraft entfesselt. Martyrs überschreitet Grenzen, nistet sich in den Köpfen all jener ein, die sich auf diese Erfahrung einlassen und wütet dort ungehemmt vor sich hin. Ein Film, der einen Schritt weiter geht, die wahre Bedeutung des Leidens thematisiert und dort hingelangt, wo die oberflächliche Gewaltinszenierung schon lange ihr Ende gefunden hat.

Bewertung

GrauenRating5_5
SpannungRating: 3 von 5
HärteRating: 5 von 5
Unterhaltung rating3_5
AnspruchRating: 2 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Bildquelle: Martyrs © Senator Filmverleih

Jan Ott

Als großer Fan des Horror-Kinos, insbesondere der alten Schule, diskutiere ich immer gerne mit meinen Mitmenschen über das, was mir ein Film mitgibt. Ich freue mich darauf, mich mit euch über die unendlichen Weiten des Horror-Genres auszutauschen! 🙂
Jan Ott

...und was meinst du?