Promising Young Woman (2020) – Review

Promising Young Woman

Mit Promising Young Woman präsentiert Regisseurin Emerald Fennell einen feministischen Rache-Thriller, der mit Oscarnominierungen überhäuft wurde. Wir haben uns mit Protagonistin Cassie auf Rachefeldzug begeben.

Originaltitel:Promising Young Woman
Land:Großbritannien/USA
Laufzeit:113 Minuten
Regie:Emerald Fennell
Drehbuch:Emerald Fennell
Cast:Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie u.a.
VÖ:Ab 20.05.2021 im Kino

Hintergründe & Inhalt

Emerald Fennells Regiedebüt Promising Young Woman spielt mit seinem Titel auf die Promising Young Men an, also die vielversprechenden jungen Männer. Ein Narrativ, dass insbesondere der Boulevard gerne aufgreift, um über Beschuldigte sexueller Übergriffe zu berichten, deren ebenso vielversprechende Karrieren durch diese Behauptungen zerstört werden. Fennell richtet ihren Fokus nun jedoch auf die vielversprechenden jungen Frauen, deren vielversprechendes Leben durch die sexualisierte Gewalt zerstört wurde.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die ehemalige Medizinstudentin Cassie (Carey Mulligan, Suffragette), die ihr Studium abgebrochen hatte, nachdem ihre beste Freundin und Kommilitonin Nina auf dem Campus vergewaltigt wurde und, nachdem sich der Rechtsweg als aussichtslos erwies, Suizid begann. Cassie, die immer noch bei ihren Eltern wohnt, arbeitet seitdem in einem kleinen Coffeeshop und begibt sich jedes Wochenende auf Rachetour in die umliegenden Clubs. Dabei stellt sie sich so betrunken, dass irgendein „Nice Guy“ sich ihrer annimmt, meist mit zu sich nach Hause nimmt und dort sein „Glück“ versucht. So geht das Leben der 30-Jährigen dahin, bis sie den überaus charmanten Ex-Kommilitonen Ryan (BoBurnham, The Big Sick) wiedertrifft und ihre Vergangenheit sie einholt…

Kritik

Fennell macht sich in Promising Young Woman daran ein Statement zur Rape Culture abzugeben und gleichzeitig den Rape-Revenge-Film zu dekonstruieren, was zuweilen erstaunlich gut funktioniert. Gerade die Darstellung der Nice Guys, die äußerst effektiv mit Publikumslieblingen besetzt wurden, und deren versuchte Vergewaltigungen sind sehr pointiert inszeniert und es macht Spaß Cassie dabei zuzusehen, wie sie ihre Gegenüber mit äußerst süffisantem Ton auflaufen lässt.

Hier offenbart sich dann leider auch ein massiver Knackpunkt, der den gesamten Film durchzieht. Einerseits will Fennell einen schwarzhumorigen, an Frauen adressierten Rachethriller drehen. Das zeigt sie mit einem hippen Soundtrack von unter anderem Britney Spears und Paris Hilton oder darin, dass Makeup, Frisuren und Accessoires überstilisiert und vollkommen ironiefrei mit Slowmotion in den Fokus gerückt werden, dass selbst Michael Bays im Sonnenuntergang wehende US-Flaggen vor Neid erblassen würden; schlussendlich wird sogar noch eine überaus konventionelle RomCom-Sequenz eingewoben, die natürlich auch nicht auf die gewohnte In-Love-Montage verzichtet. Der ganz bewusst als Gegenentwurf zu einem, von Fennell als männlich gelesenen, actionhaltigen Exploitation-Rache-Thriller konzipierte Film, bedient seinerseits nahezu jedes Klischee eines femininen Feel-Good-Movies.
Doch andererseits geht es der Regisseurin darum, den überbordend blutigen Rape-Revenge-Film mit der schonungslosen Realität zu konfrontieren. Und diese beiden Stoßrichtungen zerschießen sich gegenseitig komplett.

Promising Young Woman

Das kleinere Problem daran ist noch, dass der realistischere Zugang der Rachegeschichte stark auf die Bremse tritt. Während wir uns bei handelsüblichen Rape-Revenge-Filmen zumindest an der kathartischen Selbstermächtigung erfreuen dürfen, fällt dies bei Promising Young Woman äußerst handzahm aus. Fennell erklärte hierzu in einem Interview, dass eine Frau in Wirklichkeit wohl eher nicht mit einer geladenen Waffe durch die Stadt ziehen würde, sondern ihre Methoden eher „sanfter“ ausfallen würden. Damit hat sie auch vollkommen recht, nur ist das Thema, dass Rape-Revenge-Filme eben eine Rachephantasie darstellen, gerade weil die Realität anders aussieht und wir damit eine Phantasie ausleben können, vor der uns sonst der zivilisatorische Schutzgraben bewahrt. Interessanterweise wählt Fennell für die Rachemittel insbesondere gegenüber Frauen äußerst effektive und raffinierte psychologische Kriegsführung, während die Männer mit einem ermahnenden Klaps auf die Finger davon kommen. Das Ergebnis ist demzufolge leider ein Rachethriller auf Valium.

Promising Young Woman

Traurigerweise ist das Ergebnis vice versa noch wesentlich verheerender, denn der Realitätsanspruch bricht unter den eingestreuten Genreelementen komplett in sich zusammen. Das beginnt schon mit Cassies wochenendlichen Rachetrips, bei denen für sie nie auch nur annähernd eine gefährliche Situation entsteht. Cassie lässt sich von potentiellen Vergewaltigern, in deren Wohnung mitnehmen und als diese anfangen sich sexuell an ihr zu vergehen, beginnt sie ihnen einen Vortrag zu halten, warum sie keine netten Menschen seien. Dies in einem luftig-lockeren Ton zu inszenieren, um beim Publikum auf Lacher abzuzielen, wird dem Ernst der Lage nicht gerecht und zerschießt jeglichen Anspruch auf eine realistische Darstellung. Dass sich Cassie hier in lebensbedrohliche Lagen begibt, sollte auf der Hand liegen, wovor sich der Film aber gänzlich verschließt. Richtig katastrophal wird dies beim Ende des Films, denn während Fennell ihrem realistischen Ansatz zunächst treu geblieben wäre, war dies dem Studio zu finster, wodurch wir eines der dümmsten Filmenden der letzten Jahre präsentiert bekommen, das es in der Tat schafft, alles zuvor Gezeigte für vollkommen nichtig zu erklären.

Promising Young Woman

Ohne dieses Ende hätten wir es mit einem etwas unausgegorenen Debüt zu tun gehabt, für dessen ursprüngliches Finale ich jedoch einiges an Respekt hätte. So wie Promising Young Woman jedoch schlussendlich endet, ist es einfach nur blanker Hohn. Denn hier zeigt sich dann auch noch einmal sehr deutlich wie stark sich der Film vergaloppiert hat. Deutet der Film im Titel wie schon ausgeführt noch an, dass er den Fokus auf eben jene vielversprechenden jungen Frauen legen will, so tut der Film im Endeffekt genau das nicht. Er lässt die vielversprechende junge Frau komplett gesichtslos. Sie ist nichts weiter als ein McGuffin, um die Handlung des Films voranzutreiben. Wir lernen Nina nie kennen. Nina ist nie ein Charakter in Film, sondern immer nur Motivation für andere Charaktere. Natürlich könnte man jetzt behaupten, dass Promising Young Woman damit ja nur die Mechanismus des Genres offenlegen will, aber abgesehen davon, dass selbst viele Exploitation-Werke hier wesentlich weiter sind und den Frauen einen ausgebildeten Charakter zugestehen, wäre es dennoch einfach nur eine Reproduktion des Problems, das nichts Konstruktives zum Diskurs beizutragen hat. Das gesichtslose Opfer bleibt hier außen vor. Eine ernsthafte Bearbeitung von Vergewaltigung, Trauma und Suizid findet nicht statt, es wird nicht einmal angesprochen, sondern lediglich vage angedeutet. Hierauf ein komplett überkonstruiertes Hollywood-Ende zu setzen, in dem der qualvolle Tod einer Frau als kathartischer Sieg verkauft wird, legt alle guten Intentionen des Films in Schutt und Asche.

Promising Young Woman

Fazit

Promising Young Woman ist im Endeffekt einfach ein Wohlfühlfilm, der ja niemandem auf die Zehen steigen will. Sexismus und sexualisierte Gewalt ansprechen, aber nicht so sehr, dass sich jemand angegriffen oder abgestoßen fühlt. Eine reißerische Rache-Story in den Mittelpunkt rücken, aber doch so gezähmt, dass man nicht in die schmuddelige Exploitation-Ecke verstoßen wird. Man kann sich ernsthaft und mit viel Fingerspitzengefühl mit Themen wie Vergewaltigung, Trauma und Suizid auseinander zu setzen und etwas Wichtiges zu dem Thema beizusteuern. Es ist auch legitim einen reißerischen Exploitationer hinzuknallen, in dem sich eine Frau selbst ermächtigt und sich brutal an der Welt für das ihr zuteilgewordene Unrecht rächt. Das sind beides vollkommen valide Zugänge zum Thema, die bestenfalls das Genre bereichern und einen konstruktiven Diskussionsbeitrag leisten. Promising Young Woman fehlt dafür allerdings das Feingefühl, der Mut und die Radikalität, um irgendwas davon zu sein. So weichgespült ist es dann dafür gerade richtig für die Academy Awards. Ob dies nun für den Film spricht oder eher der Academy ein Armutszeugnis ausstellt, mag jeder und jede für sich selbst entscheiden.

 

Bewertung

GrauenRating: 2 von 5
SpannungRating: 3 von 5
Härte Rating: 2 von 5
Unterhaltung rating3_5
Anspruch Rating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 2 von 5

Bildquelle: Promising Young Woman © Universal Pictures Germany

Florian Halbeisen

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