Bone Tomahawk (2015) – Review

Bone Tomahawk

Mit Bone Tomahawk gelingt Regisseur S. Craig Zahler ein herausragender Mix aus Western und Horror. Der Film löst Ohnmachts- ebenso wie Rachegefühle aus – und doch liegt hier ein ethnisches Problem zugrunde: Der tiefe Graben zwischen abgehängten Ureinwohnern und der zivilisierten Gesellschaft.

Originaltitel:Bone Tomahawk
Land:USA
Laufzeit:132 Minuten
Regie:S. Craig Zahler
Drehbuch:S. Craig Zahler
Cast:Kurt Russell, Patrick Wilson u.a.

Der Troglodyt betätigt den Abzug des Gewehrs. Der Lauf deutet direkt auf die Genitalien von Sheriff Franklin Hunt. Es klickt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch innenballistisch scheinen einige Parameter nicht zu wirken – sein Geschlecht wird verschont. Nicht so seine Bauchdecke. Der Homo Nocturnus mit bleicher Kriegsbemalung, die seinen gesamten Körper bedeckt, nimmt sein knöchernes Beil und hackt in des Sheriffs Inneres. Dem Schnitt folgt eine klaffende Wunde. Der Kannibale begreift seine Überlegenheit, erkennt die Lücke, die er in der Gesellschaft hinterlässt – die Lücke der rohen Gewalt. Er greift zum Allerheiligsten der Kolonialmacht des Westens, dem Feuerwasser. Er schließt die Lücke, nimmt den metallenen Flachmann und schiebt ihn in das offene Abdomen des geschlagenen Gesetzeshüters, der mit schmerzverzerrtem Gesicht aufschreit. Willkommen in der Wildnis, wo der Horror des Unzivilisierten um sich greift. Willkommen bei Bone Tomahawk.

Kurt Russell (Das Ding aus einer anderen Welt) spielt jenen Sheriff Hunt, der sich gemeinsam mit Arthur O’Dwyer (Patrick Wilson, Insidious), Chicory (Richard Jenkins, Shape of Water) und dem Indianerjäger John Brooder (Matthew Fox, Extinction) auf die Suche nach Arthurs Frau und zwei weiteren Verschwundenen begibt. Ein waghalsiges Unterfangen. Denn nicht nur ahnen sie den im Verborgenen wandelnden Schatten der Ureinwohner, auch die eigenen Voraussetzungen sind denkbar schlecht. Arthur müht sich mit seinem lädierten Bein ab und der Sheriff ist auch nicht mehr der Jüngste. Doch der bloße Wille und die Hoffnung, der Rohheit der Natur mit zivilem Engagement Herr zu werden und die Entführten zurückzuholen, machen sie stark. Sie trotzen dem Instinkt, setzen sich der Wildnis aus und spielen jene Karten aus, die die Menschheit zu dem gemacht haben, was sie ist: eine Gattung, die aus eigener Kraft domestiziert wurde und den Horror der Natur von sich abschirmt.

Regisseur S. Craig Zahler, der in jüngerer Vergangenheit mit Brawl in Cell Block 99 und Puppet Master: The Littlest Reich auf sich aufmerksam machte, gelang im Jahr 2015 mit seinem Erstlingswerk Bone Tomahawk eine grandiose Genrekreuzung zwischen Horror und Western. Allein der Titel des Films ist auf effektivste Weise lautmalerisch. Es werden Knochen gebrochen, Körper ausgeweidet und Knorpel zermalmt. Die Gefahr, die dabei von den Indianern ausgeht, muss als diejenige Disposition verstanden werden, die auch in dem Sheriff, Arthur, Chicory und John verankert ist. Diese wurde zwar im Laufe des Zivilisationsprozesses von rentablen gesellschaftlichen Konventionen unterdrückt und sozusagen eingezäunt, sie ist aber weiter existent. Mit fortschreitendem Weg und der vermehrten Konfrontation mit Gewalt und Natur werden die, aus unserer Sicht grausamen, Verhaltensweisen wieder zur Norm und die Crew selbst wird zu immer mehr Gewaltausübung gezwungen, um zu überleben. Hier wird Gewalt durch Gewalt bedingt. Mal mit dem Gewehr, mal mit dem Tomahawk und ein anderes Mal schließen sich die nackten Hände um den nach Luft ringenden Hals.

Bone Tomahawk

Opium, die trockene Wüste, ein Hinterhalt, die Ohnmacht der Protagonisten – Regisseur Zahler und Kameramann Benji Bakshi kreieren in den 132 Minuten Bilder, die sich zwar ins Westerngenre eingliedern, den Film mit einer in diesem Kontext wohl noch nie so dagewesenen brachialen Wucht jedoch zu etwas Einzigartigem machen. Im Stile eines Neo-Westerns à la No Country for Old Men bleibt der Blick auf die Geschehnisse gestochen scharf und beobachtend. Fast schon nüchtern und passiv werden Szenen geschaffen, die mit den von ihnen ausgelösten Emotionen im Kontrast stehen: Hilflos muss man dabei zusehen, wie Figuren bis aufs Blut gequält werden und der Wille zum Überleben angesichts der Brutalität der Natur einer Ohnmacht weicht.

Fazit

Bone Tomahawk ist ein ruhig erzähltes Stück Genrekino, das pointiert geschrieben ist und in seiner nüchternen Darstellung meist unvermittelt zutiefst schockiert. Dadurch dass hier ein ethnisches Problem aufgeworfen wird, ist die Umsetzung des Films mit seiner kritischen Prämisse eigentlich mit Risiko behaftet und in der Folge ist es umso bemerkenswerter, dass die moralische Gratwanderung gelungen ist. Der Horror tritt nicht willkürlich zutage, sondern wird dann eingesetzt, wenn er die Disparitäten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen besonders drastisch abbilden soll. Die Kluft, die zwischen ihnen liegt, ist ein Pfuhl aus nacktem Überleben, Mordlust und zertrümmerten menschlichen Hüllen. Der Wiederschauwert ist enorm, der Stil sicher und ein Kultstatus kann dem Film schon jetzt zweifelsohne zugesprochen werden. Bone Tomahawk ist dreckig, er ist blutig und grausam, er vermittelt Verzweiflung und löst Rachegefühle aus. Dabei ist er nicht nur ein grandioser Western, sondern vor allem eines: Bone Tomahawk ist Horror vom feinsten.

 

Bewertung

GrauenRating: 4 von 5
SpannungRating: 4 von 5
Härte Rating: 5 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 3 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Bone Tomahawk © Constantin Film

Jonathan Ederer
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2 Kommentare

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