„Der Horrorfilm als Liebesbrief an Außenseiter“ – Interview mit Markus Keuschnigg (Teil 2 von 3)

Markus Keuschnigg

Wir hatten letztes Jahr beim 10. SLASH Filmfestival das Vergnügen, mit Festivalleiter Markus Keuschnigg ein Interview führen zu dürfen.

Im ersten Teil unseres Interviews dreht sich alles um die Besonderheiten des SLASH, dessen Entwicklung und was Tod Brownings Freaks von 1932 für das Festival bedeutet. Im zweiten Teil ging es um besondere Genre-Empfehlungen, den berühmt-berüchtigten A Serbian Film, Zensur und Film als Kunstform.

Das 11. SLASH Filmfestival findet vom 17. bis 27. September 2020 in Wien statt. Alle Infos dazu findet ihr auf der Homepage des SLASH. Wir können es auf jeden Fall kaum mehr erwarten, bis es endlich wieder soweit ist.


Da du gerade von Schlüsselfilmen gesprochen hast, was wären deiner Meinung nach so eine Handvoll Schlüsselfilme, die unsere LeserInnen unbedingt schauen sollten?

Das ist eine sehr gute Frage. Weil da gibt es jetzt natürlich von bis. Also wenn man in der Frühzeit des Kinos anfängt, finde ich ganz notwendig, dass man Frankenstein und Bride of Frankenstein von James Whale gesehen hat; eher noch Bride of Frankenstein, weil es der bessere Film ist. Ich finde es wichtig sich sozusagen mit diesen Strömungen auseinander zu setzen. Natürlich sollte man Exploitationkino gesehen haben, einfach weil diese Rauigkeit aus vielen aktuellen Produktionen mehr oder weniger rausretuschiert wird. Das waren Gangarten in einer Radikalität und auch in einer sozusagen Unabgeglichenheit zu Moralvorstellungen der Welt, die teilweise sogar heutzutage noch schockieren. Wenn man so etwas anschaut wie Cannibal Holocaust, dann muss man den erst mal aushalten. Nichtsdestotrotz finde ich den ganz wesentlich. Ich finde, Grave of the Fireflies von Isao Takahata zum Beispiel, wenn man in den Bereich des Animationsfilms geht, einfach ein unfassbares Testament darüber, wie Abstraktion und Vereinfachung in der Facette eines Anime emotional unfassbar wuchtig werden kann. Also es gibt wirklich von bis, da tue ich mir immer schwer. Ich habe schon ganz große Probleme damit, wenn Leute mich fragen, was denn beim Festival mein Lieblingsfilm sei. Weil so funktioniere ich auch nicht. Wir haben so viele Strömungen und so viele Dinge und wenn ich jetzt einen Film rauspicke wie The Lodge, dann gibt es daneben irgendwie Filme wie Spit and Ashes oder irgendetwas anderes Kleines. Ich finde beide großartig, jeweils auf ihre Art und Weise.

The Lodge

Veronika Franz und Severin Fiala beim Screening von The Lodge

Was waren so in den letzten Jahren Filme, die ihr gerne gezeigt hättet, aber aus verschiedenen Gründen nicht die Möglichkeit dazu bekommen habt?

Ach, da gibt es immer wieder viele. Es gibt sehr viele Gründe, warum man Filme bekommt oder nicht bekommt. Es gibt finanzielle Gründe, obwohl das seltener vorkommt. Es kann sein, dass die Release-Strategie für Filme im deutschsprachigen Raum noch nicht festgesetzt ist und wir in Österreich arbeiten ja eigentlich über Deutschland; als eine Art Wurmfortsatz Deutschlands. Das heißt da gibt’s einfach Filme, bei denen die Vertriebe aus Deutschland sagen, wir bringen den Film erst 2020 raus, da ist uns eine Festivalpremiere bei euch 2019 zu früh, selbst wenn der Film bereits bei anderen Festivals auf der Welt gezeigt wurde. Die wollen den dann zurück halten. Das kann vorkommen und es passiert immer wieder, dass wir dann Filme aus diesen Gründen nicht bekommen. Oder Filme wurden bereits für ein anderes Festival, zum Beispiel die Viennale, zugesagt. Obwohl das jetzt auch nicht bei so vielen Filmen passiert. Genaueres kann ich jetzt auch nicht sagen, weil ich sonst Teile des Viennale Programms verraten würde, von denen ich weiß, dass die zu den KollegInnen gegangen sind. Ich bin kein Freund von diesem Battle, dass man jeden Film für sich beansprucht. Natürlich kämpfe ich um jeden Film, aber ich kann dann auch annehmen, wenn ein Film dann aus nachvollziehbaren oder weniger nachvollziehbaren Gründen an ein anderes Festival geht. Weil mir wichtig ist, dass diese Filme gezeigt werden. Ich finde es dann eher wesentlich, dass wir Filme zeigen, die andere Festivals mit anderen Schwerpunkten gar nicht zeigen würden.

Peaches Christ

Peaches Christ beim SLASH 2012 © Hanna Pribitzer

Du hast vom Exploitation-Kino, diesem räudigen, skandalträchtigen Kinogenre gesprochen: 2010 habt ihr A Serbian Film gezeigt, der einer der Skandalfilme einer Generation wurde und der auch heute noch wahnsinnig heiß diskutiert wird. Wie war das, den damals zu zeigen, als er noch komplett unbekannt war und wie hast du die Entwicklung dieses Films mitverfolgt?

Ich hatte schon Monate, bevor wir ihn dann auf dem SLASH hatten, von dem Film gehört und ihn dann auch gesehen. Leider nur am Bildschirm daheim, nicht in einem Kino. Und ich fand ihn sehr zweifelhaft. Ich finde ihn nach wie vor sehr zweifelhaft, muss ich ganz ehrlich sagen. Was mit diesem Film dann passiert ist, das habe ich auch international beobachten können, war, dass diverse Leiter von Filmfestivals, etwa beim bereits erwähnten Sitges Film Festival, aber eben auch andere Leute in Europa, tatsächlich staatsanwaltlich verfolgt wurden; angeklagt mit dem Vorwurf einer Quasi-Werbung für Kinderpornografie aufgrund dieser einen sehr notorischen Sequenz darin. Über diese kann man sicher endlos streiten und diskutieren. Doch auch dadurch wurde es zu einer prinzipiellen Haltung, die wir damit ausgedrückt haben: dass Kunst keinen Maulkorb verträgt. Es mag Dinge geben, die man nicht sehen möchte, es mag Dinge geben, über die man sich moralisch austauschen muss, es mag Dinge geben, die man abstoßend oder auch abartig findet. Aber was nicht passieren darf, ist, dass eine Form des künstlerischen Ausdrucks kriminalisiert wird oder eine Form des künstlerischen Ausdrucks verboten wird. Weil, wenn das bei einem sehr reißerischen und sicher diskutablen Film wie A Serbian Film beginnt, dann startet man möglicherweise bei irgendeinem Film, auf den sich 90% einigen können und das rutscht runter auf Filme, bei denen man sagen kann, dass diese auch in eine ähnliche Richtung gehen und der Logik folgend man diese auch verbieten müsste.

Wir hatten in den 80er Jahren die Video Nasties in Großbritannien, einen ganzen Katalog von Filmen, die quasi staatlich verboten wurden. In Deutschland gibt es den ganz notorischen Filmindex, an dem immer noch herum laboriert wird, also von dem aus Titel wie Tanz der Teufel plötzlich jetzt erst wieder frei verkäuflich sind. Und wie gesagt, ich finde das gab’s alles schon mal und sämtliche Bewegungen und sei es auch nur ein Zittern in diese Richtung muss meinem Empfinden nach zumindest von einem Festival wie SLASH sofort unterbunden werden. Und dann werden wir den Teufel tun und dieses Ding nicht zu zeigen. Statt zu denken „Wer weiß, was passiert“ werden wir ihn erst Recht zeigen und dann werden wir ihn auch um 20.30 Uhr zeigen, damit ihn ja möglichst viele Leute schauen. Ich fürchte mich davor – und das ist eine ganz persönliche Horrorvorstellung von mir – dass man das möglicherweise irgendwann nicht mehr machen kann.

Wodka nach A Serbian Film

Nach dem Screening von A Serbian Film wurde Wodka verteilt

Oftmals wird vor allem die Zensurpolitik der 80er kritisiert. Seitdem habe sich viel getan. Siehst du hier die Gefahr eines Backlashs?

Trial of Mike Diana

The Trial of Mike Diana © 85 North Productions

Ja, ich nehme grundsätzlich die Diskussionen wahr, die darüber geführt werden. Ob das dann wirklich in Tatsächlichkeiten überführt werden würde, ist natürlich offen. Gerade Österreich war da schon immer etwas wurstiger als andere Länder. Aber wie gesagt, ich habe einfach international Dinge beobachten können, die in die Richtung gegangen sind. Wir hatten beim SLASH 2019 Boiled Angels: The Trial of Mike Diana von Frank Henenlotter im Programm. Frank Henenlotter ist ein ganz großer Underground-Regisseur aus den USA und war immer ein großer Verfechter für die Freiheit der Kunst. Sein Film erzählt von diesem historischen Schauprozess gegen einen Underground Comic-Künstler, der mit sehr vulgären, auch sehr infantilen und teilweise blöden Abstraktionen gearbeitet hat. Doch ja, es waren Bilder und Abstraktionen, die in die falschen Hände und in die falschen Köpfe geraten sind und auf deren Basis dann mehr oder weniger tatsächlich so eine Art Schauprozess veranstaltet worden ist. Und das war erst vor 20 Jahren oder so. Ich möchte nicht sagen, dass all diese Bewegungen absolut undenkbar wären, gerade wenn man das jetzt nicht nur in Österreich sondern auch in unseren Nachbarländern verfolgt. Und selbst wenn, dann macht man es eben schon einmal prophylaktisch.

Um ein bisschen zur SLASH-Struktur zurückzukommen: Ihr habt 2012 zum ersten Mal mit einem Crowdfunding gestartet, das seitdem die unterschiedlich gesetzten Zielbeträge jeweils immer um ein Vielfaches übertroffen hat. Wie war oder wie ist das für euch, diese Treue und diesen Zuspruch der Fans zu erleben?

Ja, Wahnsinn. Tatsächlich kommt das auch für uns zu einer Zeit, in der das Festival noch relativ weit weg ist. Ich glaube wir haben das im ersten Jahr etwa im Frühjahr, im April oder Mai, gestartet. Also man hat noch fünf Monate Zeit und ist ein bisschen aufgeregt, ob einen die Leute überhaupt noch mögen. Und im ersten Jahr haben wir uns das natürlich nicht gedacht, aber die Jahre darauf haben wir uns schon gefragt, ob es wieder so sein wird. Jedes Jahr bin ich nach wie vor aufgeregt, ob wir wieder in dieser Form unterstützt werden. Das ist ein bisschen wie ein Feedback dazu, ob wir im letzten Jahr gut genug gearbeitet haben, damit die Leute jetzt, quasi im Vorhinein ohne irgendetwas vom Programm zu wissen, spenden und dafür Karten oder was auch immer bekommen. Dass das dann so passiert, ist für uns einfach emotional ein wirklich ganz wesentlicher Push geworden. Also so in dem Sinn auch mit dem SLASH einhalb, bei dem man sich halt an zwei Tagen wieder sammelt, die Menschen wieder trifft und dann auch das Ergebnis sieht. Dieses Feedback ist für die Beschaffenheit des Teams ganz wichtig, weil so gut wie niemand im Team ist, der oder die das nur macht, um die eigene Karriere voran zu treiben. Das sind alles Menschen, die sehr viel Leidenschaft da rein pumpen und es tut einfach emotional und seelisch wahnsinnig gut zu sehen, dass es nach wie vor gewollt wird, was man tut. Und das gibt dann Kraft, um die oft sehr steilen Aufgaben, die wir haben, anzugehen.

Slash Crowdfunding Videodreh

Videodreh zum Crowdfunding 2016

Um bei der Finanzierung zu bleiben: du sagst, ihr seid notorisch unterfinanziert. Wie hat sich die Förderlandschaft für euch entwickelt? Hat sich das irgendwie verbessert? Wie geht es euch damit?

Man muss deutlich festhalten: Es ist deutlich besser geworden für uns. Also es ist nicht so, dass ich immer nur sage, wir haben zu wenig Geld. Wir haben zu wenig Geld. Das hat weniger damit zu tun, dass wir nicht im Laufe der Zeit mehr Geld bekommen hätten, sondern generell mit der Förderlogik, die dahinter steht. Also das ist eher ein strukturelles Problem, weniger ein Problem des SLASH an sich, weil das SLASH ein Festival des fantastischen Films ist und Horror hasst jeder und das wird nicht öffentlich gefördert. Das stimmt tatsächlich nicht. Am Anfang war es schon so, da mussten wir die ersten Jahre sehr kämpfen. Wir waren ganz lange in einem sehr sehr kleinen Fördertopf, obwohl wir gewachsen sind, und konnten erst vor fünf oder sechs Jahren in den wirklichen Filmfestival-Fördergeld-Topf wandern. Ich finde schon, dass man da anerkannt wird. Es ist allerdings ein großer Kampf. Das Problem ist sozusagen eher, dass die gesamte Filmfestival-Landschaft in Wien und auch in Österreich wahnsinnig unterfördert ist. Auch im Vergleich zu sehr vielen anderen Kulturdisziplinen, von der darstellenden Kunst über die bildende Kunst und so weiter und so fort. Im Vergleich zu diesen ist die Filmkunst nach wie vor mit einem „Hm ja, das passt schon“ behaftet. Da leistet man sich nicht so viel. Es scheint offenbar zu reichen, in der Stadt Wien ein Filmfestival zu haben, das gut finanziert ist. Alle anderen wurschteln irgendwie herum und müssen schauen, wie sie überleben. Hier haben alle die Probleme, die wir haben und unsere Probleme sind auch die Probleme von Kolleginnen und Kollegen. Und da muss man sagen, das ist halt schon eine sehr traurige Situation.

Grundsätzlich wenn man größer wird und ein Wachstum vollzieht wie auch das SLASH, dann gibt es dafür keinen Spielraum. Wir sind jetzt auch nicht größenwahnsinnig und vergrößern uns sinnlos. Wir haben überhaupt acht Jahre in nur einem Kino gespielt und erst im neunten Jahr eine zweite Spielstätte dazu genommen, wo andere Festivals von Anfang an drei Kinos bespielen. Man hat keine Möglichkeit zu wachsen. Es gibt nur ganz viel, eben für die KollegInnen der Viennale und ganz wenig. Die KollegInnen verdienen das auch, die sind keinesfalls überfinanziert. Doch dazwischen gibt es nichts. Zwischen einem siebenstelligen Betrag und einem fünfstelligen Betrag gibt es rein theoretisch ja noch einen sechsstelligen Betrag, den hat jedoch niemand in der Form. Das ist ein Skandal, finde ich. Die Filmkultur ist nach wie vor eine sehr populäre Kunstform, die unglaublich viele Ausprägungen hat, in der an Filmkunst auf der ganzen Welt wahnsinnig viel produziert wird. Und wenn ich sage, ich habe nur ein Festival, um dieser Bandbreite an Filmkunst gerecht zu werden, dann finde ich das tatsächlich ein bisschen gefährlich. Das wäre so als wenn wir nur die Wiener Festwochen hätten und keinen Impulstanz und keinen modernen Tanz. Es ist bei anderen Kunst- und Kulturformen, die vielleicht ein bisschen stärker in einem klassischen Kunst- und Kulturverständnis verankert sind als der Film, eine Selbstverständlichkeit, verschiedenen Ausrichtungen ihren eigenen Raum zu geben. Bei uns ist es so, dass ein Festival alles machen soll und die anderen sind so ein bisschen Hobby. Und das ist ein Problem. Das ist ein strukturelles Problem und das muss meinem Empfinden nach dringend renoviert werden.

Burlesque

Burlesque-Show durch Salon Kitty Revue beim SLASH 2018

Ich habe oft das Gefühl, dass Film als Kunst einfach belächelt wird. Und dass es diese Grenze zur Hochkultur gibt. So einzelne Filme, die sich vom Genrefilme oder Mainstream-Film abgrenzen, die kann man fördern, aber der Rest ist irgendwie ein bisschen Unterhaltungskino für die Massen ohne künstlerischen Wert.

Das sowieso. Diese Einschätzung würde ich auch teilen. Ich glaube auch wir haben dazu beigetragen, um eben bei Menschen, die normalerweise nicht in Kontakt kommen mit den Filmen, die wir zeigen, einen Gedankenprozess auszulösen. Insofern würde ich mir einfach wünschen, die Logik hinter der Filmfestivalförderung generell, in Wien aber auch österreichweit, würde sich dieser Lücke annehmen. Wir sind ein Festival, das in Wien stattfindet, aber wir sind das einzige dieser Art in Österreich, insofern sind wir auch bundesweit sozusagen das einzige und wir werden entsprechend vom Bund finanziell unterstützt. Ich stelle immer wieder fest, dass wir international angesehener sind als national. Das ist relativ interessant zu beobachten. Wir hatten zum Beispiel 2019 die Möglichkeit, Robert Rodriguez zum Festival zu holen. Das kostet halt und er wäre gekommen. Robert Rodriguez fährt jetzt auch nicht überall hin. Doch wir konnten ihn nicht holen, weil es einfach zu viel Geld gekostet hat. Und das sind natürlich Dinge, die mich dann ärgern, weil ich mir denke, wir sind von dem her wie wir arbeiten und wie wir im Ausland wahrgenommen werden ganz woanders. Aber unsere Realität ist eine total andere. Man kann dann diese Dinge alle nicht machen. Wir wären eigentlich schon so gewachsen, dass wir sie machen sollten oder könnten und auch so wahrgenommen werden, ob im Inland oder auch im Ausland. Und man kann aber nicht, weil man einfach die Groschen zusammenhalten muss. Das sind dann Dinge, die mich als künstlerischen Leiter einfach ärgern. Weil es total schade drum ist.

Nic Cage und Udo Kier

Nic Cage und Udo Kier 2018 beim SLASH


Dies war auch schon der zweite Teil unseres Interviews mit Markus Keuschnigg. Im dritten und letzten Teil sprachen wir mit Markus über den hohen Anteil an Frauen im SLASH-Publikum, über spannende Festival-Gäste und die herausforderndsten, verrücktesten und schönsten Erlebnisse in zehn Jahren SLASH-Geschichte. Dieser wird am 23. August erscheinen.

Interview geführt von Heike und Florian.
Transkribiert von Heike.

Bilder © Mercan Sümbültepe (sofern nicht anders gekennzeichnet)

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