Das blutrote Kleid (2018) – Review

In Fabric

Hypnotische Giallo-Ästhetik trifft auf klassische Schauermär: In Das blutrote Kleid erzählt Peter Strickland die Geschichte eines verfluchten Kleidungsstücks und seiner unglücklichen Besitzer:innen in betörend schönen Bildern.

Originaltitel:In Fabric
Land:Großbritannien
Laufzeit:118 Minuten
Regie:Peter Strickland
Drehbuch:Peter Strickland
Cast:Marianne Jean-Baptiste, Sidse Babett Knudsen, Julian Barratt u.a.
VÖ:Ab 20.05.2021 als VoD und ab 27.05.2021 als Blu-ray und DVD

Inhalt

Die frisch getrennte Bankangestellte Sheila (Marianne Jean-Baptiste, RoboCop) lebt mit ihrem erwachsenen, aber unreifen Sohn Vince (Jaygann Ayeh) und dessen älterer Freundin Gwen (Gwendoline Christie, Game of Thrones) in einer Wohnung, die von den beiden – sehr zum Leid der Mutter – als erotische Spielwiese genutzt wird. Frustriert sucht Sheila in den Kontaktanzeigen ihr Glück und hat schon bald ein Date, für das sie sich im Schlussverkauf ein blutrotes Kleid gönnt. Doch das Schnäppchen erweist sich als verflucht und seine neue Trägerin wird fortan vom Pech verfolgt – bis das Kleid sich ein neues Opfer sucht.

Kritik

Seine Liebe zu abseitiger Filmkunst aus vergangenen Tagen hat Regisseur Peter Strickland bereits hinlänglich unter Beweis gestellt und auch Das blutrote Kleid setzt erwartbar auf Retro-Vibes – nicht nur, weil er sich mit dem verfluchten Kleid eines Motivs bedient, das schon im antiken Herakles-Mythos zum Tragen kommt. Nachdem er mit The Duke of Burgundy zuletzt einen Ausflug in die Sexploitation-Ära der 1970er Jahre unternommen hatte, kehrt der Brite nun gewissermaßen zurück zu den Wurzeln und wendet sich, wie schon in Berberian Sound Studio, wieder dem italienischen Giallo zu.

Mit dem mörderischen Kleid wählt Strickland eine der vorzüglichsten Quellen des Unheimlichen – zumindest nach Sigmund Freud, der in unbelebten Objekten, die zum Leben erwachen, einen besonderen Grusel erkannte. Wirklich schaurig geht es in Das blutrote Kleid dann aber nicht zu, obwohl der textile Antagonist das maliziöse Werkzeug eines lokalen Okkultismus-Zirkels – der Öffentlichkeit besser bekannt als Modehaus „Dentley & Soper“ – zu sein scheint.

In Fabric

Das titelgebende Textilfabrikat ist darum weit mehr als nur ein Stück Stoff, besitzen doch seine sinnliche Seide, die fließende Form und der verführerische Rotton – sofern man der Verkäuferin glauben darf – quasi metaphysische Qualitäten. Kein Wunder, dass von den Sonderangeboten im Modehaus eine geradezu sakrale Aura ausgeht, die Schnäppchenjäger:innen die Sinne verwirrt und zu wahlweise aggressiven oder erotischen Entladungen führt.

Das blutrote Kleid ließe sich daher wohl auch als Kritik an der Begehrensstruktur der Konsumgesellschaft lesen – immerhin produziert das verführerische Kleidungsstück buchstäbliche fashion victims und auch die Schnäppchenschlacht macht ihrem Namen alle Ehre – doch da subtiles Begehren seit jeher die Währung des Giallo ist, setzt Strickland dieses lieber stilvoll in Szene und garniert es mit einer ordentlichen Prise absurden Humors. So wirken die Dialoge bisweilen, als seien sie direkt aus einem Yorgos-Lanthimos-Streifen (The Killing of a Sacred Deer) importiert und lehren die Zuhörenden einiges über die erotische Qualität von Waschmaschinen, die korrekte Art und Weise einem Vorgesetzten zu winken oder Tipps für eine angeregte Konversation bei Dates („In Ihrer Anzeige stand, Sie lachen gern?“ – „Ja.“ – „Und worüber lachen Sie?“ – „Witzige Sachen.“).

In Fabric

An einer naturalistischen Darstellungsweise ist Strickland also ganz offensichtlich nicht interessiert. Den Bruch in der Dramaturgie, die nach etwa zwei Dritteln den alten zugunsten eines neuen Handlungsstrangs komplett fallen lässt, kann Das blutrote Kleid sich problemlos erlauben, da hier ohnehin das Credo „Style over Substance“ gilt und das auratische Modehaus als Knotenpunkt beider Stränge weiterhin bestehen bleibt. Die Heterotopie der Boutique wird bevölkert von Verkäuferinnen wie der bezaubernden Miss Luckmoore (Fatma Mohamed, The Field Guide to Evil), die mit ihrer viktorianischen Aufmachung und dem erratischen Sprachduktus neue Opfer bezirzen, während auch die Kamera sich lustvoll in den arabesken und kaleidoskopischen Formen des Konsumtempels verliert.

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Doch die Kamera wird nicht nur verführt, ihr Blick ist häufig genug selbst ein fetischisierender, wie die zahlreichen voyeuristischen Schlüssellochszenen, die Nahaufnahmen von roten Fingernägeln und bestrapsten Beinen oder das regelrechte Abtasten der Puppenkörper im Lager der Boutique zeigen. Die Zuschauenden werden in diesen Momenten daran erinnert, dass auch sie eines mit dem Kamerablick teilen: die Schaulust. Bei allen audiovisuellen Ausschweifungen, denen Strickland und sein Team sich in Das blutrote Kleid hingeben, fehlt einzig der (blut-)rote Faden. Die Figuren und ihre Geschichten dienen letztlich vor allem als Hintergrundkulisse für immer neue groteske Einfälle, herrlich ausstaffierte Schauplätze und cinephile Spiele in der Echokammer.

Fazit

Das blutrote Kleid zeugt wieder einmal von Peter Stricklands Herz für das Genre-Kino, auch wenn er weniger durch inhaltliche als vielmehr durch bildliche Tiefe punktet. Die aberwitzige Geschichte eines mörderischen Kleids wird mit Witz, Einfallsreichtum und einem unvergleichlichen Auge für die Bildkomposition erzählt. Filmische Verführung auf höchstem Niveau.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 3 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Ab 27.05.2021 im Handel:

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Bildquelle: Das blutrote Kleid © Koch Films

Catherin

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