Hexenjagd (1970) – Review

Hexenjagd

In dem tschechoslowakischen Filmklassiker Hexenjagd stiehlt eine Bettlerin eine Hostie – mit ebenso dramatischen wie grausamen Konsequenzen…

Originaltitel:Kladivo na carodejnice
Land:Tschechoslowakei
Laufzeit:107 Minuten
Regie:Otakar Vávra
Drehbuch:Otakar Vávra
Cast:Vladimír Šmeral, Elo Romančík, Josef Kemr u.a.

Inhalt

Mähren, im späten 17. Jahrhundert. Eine alte, leicht senile Bettlerin schluckt die heilige Hostie, die ihr der Pfarrer bei einer Messe reicht, nicht herunter, sondern steckt diese heimlich ein. Sie wird jedoch dabei erwischt. Vor einem eilig herbeigerufenen Gericht, bestehend aus der Gräfin De Galle, dem Dekan Lautner und dem jungen Pfarrer König, gibt sie zu, die Oblate für ein wenig Geld an eine Hebamme verkaufen zu wollen, da deren Kuh keine Milch mehr geben würde. Lautner will es bei einer Strafe von zwanzig Vaterunsern belassen, doch der amtseifrige Pfarrer wittert Hexerei. Er meldet es dem Konsistorium und bittet die Gräfin darum, einen Inquisitionsrichter bestellen zu dürfen. De Galle willigt ein und König ruft den abgehalfterten, bereits pensionierten Franz Boblig von Edelstadt herbei.

Dieser nimmt sich die Bettlerin und die Hebamme vor und foltert sie, um sie geständig zu machen. Noch während die Feuer geschürt werden, werden rasch die nächsten Verdächtigen, vor allem Frauen, verhaftet. Lautner sieht das als Fehler an, möchte den Prozess stoppen, bittet um Einsicht, doch er stößt bei dem Gericht auf taube Ohren. Die ersten Frauen werden verbrannt, während mithilfe von Streckbänken, Daumenschrauben und spanischen Stiefeln qualvoll weitere Geständnisse erzwungen werden. Während Dekan Lautner das Gericht erfolglos um Vernunft mahnt, greift ein mörderisches Feuer aus Lügen, Aberglaube, Angst, Neid, Missgunst und vor allem Habsucht immer mehr um sich. Und Boblig zeigt deutlich, welch wahnsinniges Vergnügen er an den Prozessen findet. Nun begreift selbst Pfarrer König, dass er vorschnell gehandelt hat. Doch als sogar die Amtsträger der Gräfin verhaftet werden, wird deutlich, dass dieses Feuer nicht mehr gelöscht werden kann…

Kritik und Hintergründe

Die Hexenjagd ist von Regisseur Otakar Vávra ebenso sparsam wie effektiv inszeniert worden. Dies zeigt sich auch in der dargestellten Gewalt, die weitestgehend auf Schockeffekte verzichtet und heute eher zahm erscheinen mag. Weder die Folterszenen noch die Verbrennungen werden plakativ ausgebreitet. Jedoch sieht man das Werk der Foltermethoden in einigen, wenigen Szenen durchaus. Und vor allem sieht man, wie aufrecht, teilweise wehrhaft, die Angeklagten bei der ersten Vorführung vor Gericht sind – und wie sie durch die Folter nach und nach zerbrechen. Vávra nutzt Gewalt, um das Geschehen zu verdeutlichen, nicht um sie ihrer selbst willen auszukosten. Der Film besitzt zwar ein gemächliches Tempo, jedoch wächst die Spannung anhand der intensiven Atmosphäre einer permanenten Bedrohung und des immer weiter um sich greifenden Terrors beständig. Vávras Film findet vor allem auf psychologischer Ebene statt und die Handlung wird von den pointierten Dialogen und Gerichtsszenen getragen.

Der Regisseur konnte dabei nicht nur auf eine authentische Kostümierung, Ausstattung und eine hervorragende Kameraführung bauen, sondern vor allem auf eine starke Leistung seiner Darsteller. Die Charaktere sind sorgsam gezeichnet. Gerade Dekan Lautner, der verzweifelt versucht, den Bannkreis aus Naivität, Aberglaube und Blindheit seiner Mitmenschen zu durchbrechen und die Vernichtungsspirale zu stoppen, ist als Figur bemerkenswert; Darsteller Elo Romančík überzeugt als Sympathieträger, weil er den Dekan als einfühlsam, gebildet und moralisch zeigt. Und die ebenso eiskalte wie berechnende moralische Verkommenheit des machthungrigen und geldgeilen Inquisitionsrichter Bobligs wird von dem tschechischen Theaterschauspieler Vladimír Šmeral glänzend verkörpert. Dabei ist der in schwarz-weiß gedrehte Film insgesamt auch sehr nüchtern gehalten, weitestgehend wird sogar auf eine musikalische Untermalung verzichtet.

Hexenjagd

In seiner Nüchternheit gleicht Die Hexenjagd dabei dem thematisch ähnlich gelagerten Der Tag der Rache von Carl Theodor Dreyer oder auch The Witch von Robert Eggers, ist mehr Historienfilm und Drama als Horrorfilm. Dass man in der Tschechoslowakei hervorragende Historienfilme drehen konnte, wurde zuvor unter anderem bereits mit Marketa Lazarova und dem zeitlich nahen Die Teufelsfalle bewiesen. Dem entgegen wurde der Film, als die Rechte von amerikanischen Distributoren gekauft wurden, in den USA als Bestandteil der Witchploitation-Filmwelle als Witchhammer vermarktet. Der tschechische Export ist im Vergleich mit Filmen wie Der Hexenjäger oder Hexen bis aufs Blut gequält der unbekanntere, läuft aber zu Unrecht unter dem öffentlichen Radar. Eine der Gründe dafür dürfte neben dem hierzulande unbekannten Cast und der Herkunft der Umstand sein, dass er kurz nach seiner Uraufführung im Januar 1970 aus politischen Gründen verboten und erst nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1989 wieder gezeigt wurde. Dies dürfte in erster Linie daran liegen, dass der Film durchaus auch als Parabel auf stalinistische Schauprozesse während der 1950er und vor allem auf den Prager Frühling gelesen werden kann.

Der Film beschreibt den Umgang mit Oppositionellen und Außenseitern, wie man ihn in zahlreichen Diktaturen, etwa dem Dritten Reich (Filmtipp: Der Leichenverbrenner von Juraj Herz) oder der französischen Terrorherrschaft (Filmtipp: Danton von Andrzej Wajda), beobachten konnte und für den sich im wahrsten Sinne des Wortes der Begriff Hexenjagd in den bürgerlichen Sprachschatz eingebrannt hat. Doch auch Demokratien wie die USA sind, etwa bei der Kommunistenhetze der McCarthy-Ära (Stichwort Blacklist, Filmtipp: Trumbo von Jay Roach), nicht davor gefeit

Hexenjagd

Die Hexenjagd beruht auf dem Roman „Hammer für die Hexen“ von Václav Kaplický, der sich auf Berichte, insbesondere die Gerichtsakten des Falls, der sich im 17. Jahrhundert in Velké Losiny im damaligen Böhmen tatsächlich ereignete, stützt. Denn, und das ist das Erschreckendste, die handelnden Personen, inklusive des Dekans Lautner, der Gräfin von Galle und auch des Richters Boblig von Edelstadt, haben tatsächlich gelebt. Bei den „Hexenprozessen von Groß Ullersdorf“, denen sie vorsaßen, wurden insgesamt 104 Menschen hingerichtet. Auch der im Volk beliebte, hochgebildete Dekan Lautner wurde auf das Betreiben Bobligs hin trotz eindeutiger Gegenbeweise verurteilt und am 18. September 1685 als Hexer verbrannt.

Und auch dies ist symptomatisch: Niemand ist während der Zeit solchen Terrors sicher, unabhängig von seiner Position, seiner Bildung oder Beliebtheit. Und, auch dies verdeutlicht der Film, ausgelöst wurde die Situation zwar in einer Kirche und der Prozess wurde durch Würdenträger der Kirche mit heraufbeschworen, doch die wichtigen Triebfedern waren vor allem weltlicher Natur. Der Inquisitionsrichter Boblig war eine weltliche Person, der, historisch verbürgt, auch trotz aller Unschuldsbeweise sein Werk immer weiter forcierte. Dabei stachen bei ihm, stellvertretend für viele andere, die es ihm gleich taten, vor allem die Gier nach Macht und Besitz hervor. Dass er seine Ausbildung zum Anwalt niemals abschloss, ist nur eine Randnotiz, fügt sich jedoch ebenso ins Bild wie ein Detail über den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) und seinen Autor. Der menschenverachtende „Hexenhammer“ wurde vom Dominikanermönch Heinrich Kramer 1486 veröffentlicht und avancierte zu einer einflussreichen Grundlage der Hexenverfolgungen. Erst ein Jahr zuvor war Kramer bei seinem ersten Hexenprozess in Tirol vom dortigen Bischoff als senil und verrückt erklärt und aus der Stadt gejagt worden. Dabei werden der menschenverachtende Irrsinn und die Kaltblütigkeit, die Kramers schriftlichem Schandwerk zugrunde liegt, in dem Film in einer Szene, in der eine Passage zitiert wird, selbst sehr gut hervorgehoben.

Hexenjagd

So, wie es in weiten Teilen Europas geschah, verhält es sich auch in diesem Film: Die Kirche als Wiege des vermeintlichen Seelenheils ist längst ein Brutplatz des schieren Bösen geworden; die Kirche als Institution Gottes eine Einrichtung des Teufels, der in dem weltlichen Boblig seinen willigen Handlanger gefunden hat. Der Film beweist dabei schonungslos, dass es keines Monsters bedarf, um Grauen zu erzeugen; es genügt vollauf, eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu zeigen. Der Horror liegt hier nicht in einer reißerischen Exposition, schrillen Exploitation oder fantastischen Elementen, sondern in seiner beklemmenden Realitätsnähe. Und so muss der Film ebenfalls als zeitlose Warnung vor einer Hexenjagd, unabhängig von Ort, Zeit und vorgeblichen Motiven, verstanden werden.

Fazit

Die Hexenjagd ist sowohl nicht nur ein herausragendes Beispiel tschechischer Filmkunst und ein wichtiger Beitrag zum Hexenfilm, wenn man ihn dort einordnen möchte, sondern als auch vor allem eine wichtige eindrückliche Mahnung gegen jegliche Form der Hexenverfolgung.

 

Bewertung

GrauenRating5_5
SpannungRating: 4 von 5
Härte Rating: 3 von 5
Unterhaltung Rating: 2 von 5
Anspruch Rating: 5 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Bildquelle: Hexenjagd © Alive Vertrieb und Marketing

Stephan Lydike

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