13 Filme von Mario Bava, die ihr gesehen haben solltet

Bava

8. Die drei Gesichter der Furcht (1963)

Die Grundidee hinter der Horror-Anthologie Die drei Gesichter der Furcht war es, die Ausformungen von Angst in unterschiedlichen Epochen darzustellen, wofür Mario Bava seine Drehbuchautoren bat, in diversen Büchern nach entsprechenden Geschichten zu suchen. Wenn man den Credits Glauben schenken darf, orientierte man sich schlussendlich für die drei Segmente an Geschichten von Guy de Maupassants, Alexeï Tolstoï und Anton Chekhov.

Stilistisch und inhaltlich reichen die Episoden vom Giallo-Kammerspiel „Das Telefon“, in dem sich ein Callgirl terrorisierenden Anrufen ausgesetzt sieht, über den Gothic-Horror „Der Wurdalak“ über einen Vampir im Russland des 19. Jahrhunderts bis hin zum Geistergrusler „Der Wassertropfen“ über eine Krankenschwester im beginnenden 20. Jahrhundert, die einer verstorbenen Patientin mit schwerwiegenden Folgen deren Ring entwendet.

Während „Das Telefon“ trotz seiner sexuell aufgeheizten Atmosphäre schnell in Vergessenheit geraten wird, fährt Bava in „Der Wurdalak“ schon groß auf und schüttelt wieder einmal ein paar unerlaubt atemberaubende Einstellungen aus dem Ärmel. Da ist es dann auch gar nicht so tragisch, dass oftmals das Gefühl aufkommt, die Protagonist:innen hätten sich in Bavas Gemälden verlaufen.

Zu wahrer Größe fährt Die drei Gesichter der Furcht jedoch erst mit seiner letzten Episode auf. Allein die zwei Sets, die Bava hier präsentiert, sind absolut prächtig. Vor allem die alte, runtergewirtschaftete Villa der Verstorbenen ist zum Verlieben. Bewohnt von unzähligen Katzen und glatzköpfigen Kinderpuppen, ausgeleuchtet in den wildesten Farben und alles zentimeterhoch mit Staub bedeckt, fühle ich mich sogleich in einen grotesken Traum versetzt, der sich alsbald als überaus gruseliger Albtraum entpuppt. Denn nicht nur sieht der Tropfen unfassbar gut und surreal aus, er ist auch noch richtig schön gruselig.

Nach diesem würdigen Ende kommt noch einmal Boris Karloff zu Wort, der hier als Gastgeber durch die Show führt, und lässt Die drei Gesichter der Furcht mit einer humoristischen Note ausklingen.

Spätestens dann sind die anfänglichen Schwächen vollkommen vergessen und Die drei Gesichter der Furcht reiht sich ein unter den vielen Glanzleistungen des italienischen Maestros. [Florian]

7. Der Dämon und die Jungfrau (1963)

Ein geächteter Adeliger (Christopher Lee, Dracula) kehrt zurück auf den Familiensitz, um sein Geburtsrecht zu beanspruchen und seine ehemalige Verlobte Nevenka (Daliah Lavi, Der Teufel) zurückerobern. Der alternde Graf hatte ihn nach der Liebschaft mit einer Hausangestellten, die mit dem Suizid der jungen Frau endete, verbannt und das Erbe sowie die Verlobte seinem zweiten Sohn Christian beschieden. Glücklich ist über diese Konstellation allein der Hauspatron, denn die masochistische Nevenka findet am sanften Christian ebenso wenig Gefallen wie er an der unterkühlten Schönheit. Als der Erstgeborene kurz nach seiner Rückkehr tot aufgefunden wird, scheinen alle Beteiligten ein Motiv zu haben – doch das Ableben des grausamen Grafensohns setzt seinem Terror kein Ende, denn er hat Rache geschworen …

„Primitiver Gruselfilm mit ungesundem Klima“ lautet das lakonische Urteil des katholischen Filmdienstes über Mario Bavas stimmungsvollen Gothic-Horror Der Dämon und die Jungfrau. Mag das italienische Schauermärchen oberflächlich betrachtet als wenig originelles Mashup klassischer E.A.-Poe-Erzählungen erscheinen, wirft es doch eigentlich einen Blick in die Kellergewölbe nicht nur des düsteren Herrenhauses, sondern auch der menschlichen Psyche. Unterdrückte Leidenschaften, gewaltsames Begehren, dunkle Geheimnisse: Eros und Tod sind in diesem abgründigen Psychogramm aufs Engste miteinander verwoben und stürzen die Figuren unaufhaltsam in die Verdammnis.

Die sadomasochistische Romanze zwischen Christopher Lee, der als hedonistischer Byronic Hero mit Peitsche gleichsam abstoßend wie anziehend wirkt, und Daliah Lavi als von unerfüllter Lust Getriebene zeigt Der Dämon und die Jungfrau als komplexes Beziehungsgefüge – auch über den Tod hinaus. Farbfuchs Bava weiß die Schauplätze dieser unglückseligen Liaison wie immer ins rechte Licht zu rücken und belebt die raue Klippenlandschaft, das unheilvoll darin thronende Schloss sowie dessen staubige Geheimgänge durch ein raffiniertes Spiel mit Schattenwürfen und kontrastreichen Kolorierungen. Im Vergleich mit anderen Bava-Filmen wirkt Der Dämon und die Jungfrau beinahe zurückhaltend, doch die alles verzehrende Leidenschaft, die lustvollen Geißelungen und die radikale Selbstzerstörung der Figuren bedürfen keiner zusätzlichen Akzente, um sich wie Peitschenhiebe in das Gedächtnis der Zuschauenden einzuschreiben. [Catherin]

6. Blutige Seide (1964)

Das Modeatelier von Gräfin Christina (Eva Bartok) und ihrem Partner Max (Cameron Mitchell, Night Train to Terror) sorgt für Aufsehen – allerdings nicht mit spektakulären Entwürfen, sondern grausamen Morden an jungen Models, die sich dort zu häufen scheinen. Als ein geheimes Tagebuch des ersten Mordopfers auftaucht, in dem sich detaillierte Aufzeichnungen über die Intrigen im Atelier finden, werden die Angestellten nervös. Doch Inspektor Silvestri stößt bei seinen Ermittlungen zwar auf ein undurchsichtiges Netz aus Korruption, Erpressung und Drogenmissbrauch, die Suche nach dem Täter bleibt jedoch erfolglos. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei beginnt, in dessen Verlauf der Mörder eine blutige Spur hinterlässt.

Ein maskierter Serienmörder mit schwarzen Handschuhen, der eine Vorliebe für blitzende Klingen hegt und damit vorzugsweise attraktive junge Frauen tötet: Blutige Seide bietet bereits das gesamte Repertoire dessen auf, was später zum Erfolgsrezept von Regisseuren wie Dario Argento, Sergio Martino oder Lucio Fulci werden sollte. Die kriminalistischen Elemente des Plots, die bei Bava häufig noch den Geist alter Edgar-Wallace-Verfilmungen in sich tragen, stehen klar hinter den kunstvoll inszenierten Morden zurück – wobei Klasse hier noch vor Masse geht.

Angesichts der zahllosen Intrigen und Verschwörungen bleibt die Frage nach der Identität des Täters zwar weiterhin spannend, dennoch spricht Blutige Seide – ohne in selbstzweckhaften Voyeurismus abzugleiten – vor allem die Sinne (und Sinnlichkeit) der Zuschauenden an. Die dekadente Kulisse des Modeateliers, die leicht bekleideten Mannequins und die fetischistische Gestaltung der Mordszenen kitzeln die Schaulust, während Bava genau weiß, wie er aus diesem Arrangement das Maximum herausholen kann. Fesselnde Kamerafahrten, rasante Schnitte und nicht zuletzt der Griff in seinen berühmt-berüchtigten Farbtopf zeichnen ihn darüber hinaus nicht nur als stilprägend, sondern als Virtuosen seines Fachs aus. Die Giallo-Ästhetik durchdringt jede Falte der Blutigen Seide, die ihren Reiz über die Jahrzehnte kein bisschen eingebüßt hat. [Catherin]

5. The Girl Who Knew Too Much (1963)

Die junge Amerikanerin Nora will eine gute ältere, leider kränkliche, Freundin der Familie in Italien besuchen. Als diese unerwartet stirbt, beginnt für Nora ein Horror-Delirium. Sie beobachtet einen Mord, doch am folgenden Tag sind alle Spuren und Hinweise wie vom Erdboden verschluckt. Niemand glaubt ihr, nicht mal der gutaussehende junge Arzt ihrer Bekannten, der sich ihrer angenommen hat. Doch Nora lässt sich nicht einfach abwiegeln, sie gibt nicht auf und verfolgt mit hartnäckiger Kreativität die Lösung dieses mysteriösen Falls, der zunehmend eine Verbindung zu anderen ungelösten Mordfällen erahnen lässt.

Der wohl erste Film, der dem Giallo-Genre zugeordnet wird, zeigt die gewohnte eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotografie Bavas. Die kontrastreiche Tiefenschärfe betont den Vintage-Hollywood-Glamour und umrahmt so eine Story im Stil alter Edgar-Wallace-Filme und Murder Mysteries. Es sind genau diese, die Nora (Letícia Román) heiß liebt und die sie motivieren sich eigenständig auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen. Überhaupt ist die Darstellung der Frauenrollen eine unerwartet freie und emanzipierte. Auch wenn die sie umgebenden männlichen Charaktere Nora einreden wollen, dass sie sich alles einbildet, bleiben die Kamera und die Sympathie immer auf ihrer Seite, betonen die Validität ihrer Perspektive und verdeutlichen so die eigentliche Absurdität ihres Umfeld.

Mario Bava gelingt mit The Girl Who Knew Too Much ein harmonisches Zusammenspiel atemberaubender Bilder, mitreißender Ermittlungsversuche, einer leichten Liebesgeschichte und nuancierter Komik, das in einem fulminanten Finale gipfelt. Absolut sehenswert! [Heike]

4. Die Stunde, wenn Dracula kommt (1960)

Die adelige Asa (Barbara Steele, Das Pendel des Todes) wird gemeinsam mit ihrem Geliebten Javuvitch von ihrem Bruder Griabi wegen Hexerei zum Tode verurteilt. Auf dem Scheiterhaufen stehend spricht sie einen letzten Fluch über Griabis Nachkommen, dass sie diese auf alle Ewigkeit heimsuchen werde. Bevor die reinigenden Flammen sie erfassen, wird ihr als Zeichen der Warnung künftiger Generationen eine bronzene Maske ins Gesicht geschlagen. Doch ein plötzlicher Regenguss löscht die tödlichen Flammen und versetzt die Umstehenden in Panik. Seitdem harrt Asas lebloser Körper in der Familiengruft auf eine Möglichkeit der Rache. Zwei Jahrhunderte später ermöglicht das Missgeschick eines vorbeireisenden Arztes, dem Geist von Asa zu neuen Kräften zu kommen und droht die letzten lebenden Angehörigen des Adelsgeschlechts sowie die umliegenden Dorfbewohner*innen in ewige Verdammnis zu ziehen.

In seinem Langfilmdebüt ist Mario Bavas Auge für das Packende und Ästhetische bereits klar erkennbar. In dieser atmosphärischen Adaption von „Wij“, einer fantastischen Erzählung Nikolaj Gogols, beeindruckt Bava mit anschaulichen Spezialeffekten und Maskenbildner-Kunst. Insbesondere die verschiedenen Phasen Asas Verwandlung wirken wunderbar überzeugend unwirklich. Dazu kommt das düstere Gothic-Horror-Setting zwischen der Burg, dem sie umgebenden immerschwarzen Wald und einer darin versteckten, unheimlichen Kapellenruine, dass der scheinbar über allem legende Schleier aus kalter Furcht geradezu in die eigenen Knochen fährt. Der Detailreichtum des Schwarz-Weiß-Films bietet den Zuschauer*innen bei jeder Sichtung neue Möglichkeiten zum Staunen und Entdecken. Auch die Darsteller*innen sind in Hochform, so verhalf Barbara Steeles Doppelrolle als bösartige Hexe Asa und gutmütige, bedrohte Prinzessin Katja ihr schlussendlich zum Durchbruch im Filmgeschäft.

Die Stunde, wenn Dracula kommt ist ein Meisterwerk des Gothic-Horrors, das sich in Bavas Werk nicht verstecken muss. [Heike]

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