H. P. Lovecraft: „Berge des Wahnsinns“ – Review

Berge des Wahnsinns

Passend zur Jahreszeit geht es heute in die schier unendlichen, äonenalten, schneeweißen Weiten der Antarktis in „Berge des Wahnsinns“ von H.P. Lovecraft.

Inhalt

Berge des WahnsinnsDorthin, genauer gesagt auf die Ross-Insel, verschlägt es in der 1931 von H.P. Lovecraft geschriebenen Novelle „Berge des Wahnsinns“ ein Forschungsteam, zu dem auch die Professoren Dyer und Lake von der Miskatonic Universität gehören. Als sie in den unerforschten Regionen Berge von zyklopischen Ausmaßen entdecken, teilt sich die Gruppe in zwei Teams. Eines rund um Dyer verbleibt an der Basis, das andere Team unter Leitung von Lake fliegt zu den Bergen. Doch ihr Flugzeug stürzt ab und die Männer bleiben zwar unversehrt, sitzen nun jedoch an der Absturzstelle fest und können nur noch über Funk mit dem Basislager kommunizieren.

Rasch beginnt Lakes Team mit Bohrungen, um Bodenproben zu sammeln, wobei sie auf ein merkwürdiges Streifenmuster möglicherweise organischen Ursprungs stoßen. Wenig später entdecken sie eine unterirdische Höhle, in der sie mehrere Exemplare einer völlig fremden Spezies vorfinden, wovon einige noch überraschend unversehrt sind. Die Fossilien scheinen mehrere Milliarden Jahre alt zu sein und die Spezies dabei doch hoch entwickelt. Eine Jahrhundertentdeckung, die sämtliche bisherige Theorien über die Erdgeschichte völlig auf den Kopf stellen wird, schwärmt Lake noch, bevor der Funkkontakt abbricht.

Dyer macht sich auf den Weg zum anderen Camp – eine Reise ins uferlose Unbekannte und abwärts ins tiefste Grauen beginnt…

Berge des Wahnsinns

At the Mountains of Madness © Gutalin

Backgroundinfos & Rezension

H.P. Lovecraft war seit jeher an der Wissenschaft interessiert, schrieb mit neun Jahren sein erstes, der Chemie gewidmetes Essay und brachte zugleich auch sein eigenes wissenschaftliches Magazin heraus, welches er zehn Jahre lang betrieb. Ein Thema, das ihn ganz besonders faszinierte, war die Erforschung der Antarktis, die als letzter Kontinent Anfang des 20. Jahrhunderts noch unerforscht war und das Ziel zahlreicher Expeditionen wurde.

Neben seiner Faszination für die Wissenschaft war Lovecraft zugleich an Mysteriösem und Fantastischem interessiert. Sein Faible für Gruselliteratur wurde schon früh durch die Erzählungen seines Großvaters geweckt, wobei er insbesondere von Edgar Allan Poe angetan war. Seine erste Horrorgeschichte sollte zwar erst 1917 veröffentlicht werden, doch bereits die zweite, „Dagon“, ebnete den Weg zu jenem legendären Mythos-Zirkel, den wir heute als den Cthulhu-Mythos kennen; eine Sammlung an Geschichten des kosmischen Horrors, zu denen auch „Berge des Wahnsinns“ zählt.

In Lovecrafts Geschichten, und insbesondere in denen des Cthulhu-Mythos, geht es um Religion und Aberglaube, düstere Ahnungen und Träume, verbotenes Wissen, die Risiken der Wissenschaft, die Menschheit am Rande des Untergangs und die schier vernichtende Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz im kosmischen Kreislauf. Häufig spielten sich seine Geschichten im fiktiven Arkham, Neuengland, ab, wo sich auch die Miskatonic Universität befindet. Häufig taucht auch das legendenumwobene, verbotene Buch „Necronomicon“ auf. All diese Dinge existierten bereits in vorherigen Geschichten, doch sie kulminierten in „Berge des Wahnsinns“. Kaum eine andere Geschichte verbindet seine zwei großen Leidenschaften, die Wissenschaft und die phantastische Literatur, derart herausragend mit seinem Kosmos des Schreckens.

Berge des Wahnsinns

At the Mountains of Madness_5_Howard Lovecraft © IvanLaliashvili

Diese Erzählung steht auch exemplarisch für seinen Schreibstil. Lovecraft war niemals ein filigraner Wortkünstler, der mit seinen Sätzen verzaubern konnte. Sein Stil ist sperrig, voller Adjektive, altmodisch, nüchtern, trocken. Der Geschichte fehlt, wie so häufig, eine Identifikationsfigur. Auch bietet sie keinen schnellen Thrill oder breit ausgespielte Schockmomente. Und, wie so häufig, braucht “Berge des Wahnsinns“ all das auch nicht.
Denn der Leser ist nur ein Beobachter und Zeuge des Geschehens, das den Protagonisten in einen Strudel von Geschehnissen reißt, die nur ein Ende haben können. Er wird zum hilflosen Zuschauer eines überirdischen Schreckens.
Lovecrafts Erzählweise gleicht dabei einer sachlichen Dokumentation von Ereignissen, wie sie ein Wissenschaftler der damaligen Zeit verfasst hätte. Das verleiht seiner Geschichte gerade in diesem Fall eine ungeheure Authentizität, auch wenn manche Details heutzutage eher phantastisch versponnen als fantastisch recherchiert wirken. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer nur so lange gültig, bis sie widerlegt sind, gerade damit spielt Lovecraft hier.

Lovecraft schickt seinen Protagonisten wie seine Leser auf eine Reise, die sich immer weiter zuspitzt, um beiden am Ende den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Kurzlebige Schocks, die darauf aus sind, den Leser zu unterhalten und ebenso schnell wieder zu verfliegen, sucht man vergebens. Stattdessen gleichen Lovecrafts Geschichten zumeist leisen, teilweise verwirrenden, düsteren, aber untergründig hypnotischen Melodien, die lange nachhallen und deren Echos existentielle Fragen aufwerfen.

Auch wenn Lovecraft zumeist dem Horrorgenre zugeordnet wird, weisen viele seiner Geschichten deutliche Science-Fiction-Elemente auf, dies gilt auch insbesondere für „Berge des Wahnsinns“.

Berge des Wahnsinns

At the Mountains of Madness_8 © IvanLaliashvili

Man beachte beispielsweise die Faszination, die auch heute die Antarktis entfacht, beispielsweise die pyramidenförmigen Strukturen. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass es sich dabei um etwas anderes als natürliche Gesteins- und Gebirgsformationen handelt. Doch was ist, wenn dort, unter dem Millionen Jahre alten Eis, tatsächlich etwas schlummert, das komplett gegen unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse verstößt? Genau diese bohrende Unsicherheit, trotz unseres Wissensstandes noch so aktuell wie 1931, ist es, die “Berge des Wahnsinns“ so faszinierend macht. Was wissen wir von der Welt, was erwartet uns im zu großen Teilen unentdeckten Universum und wollen wir das wirklich herausfinden? Lovecraft war trotz seiner altmodischen Art ein Vordenker und das macht ihn und seine Geschichten nach wie vor ebenso beliebt wie aktuell.

Etwas das zu seiner Zeit wohl niemand für möglich gehalten hätte, denn Lovecraft hatte zeitlebens keinen nennenswerten Erfolg. Einige seiner Geschichten wurden in Magazinen wie den „Weird Tales“ veröffentlicht, doch darüber hinaus blieb ihm die berufliche Anerkennung versagt. Er hatte jedoch einen Kreis von Autoren um sich versammelt, mit denen er sich regelmäßig austauschte und die gegenseitig Elemente aus den Geschichten der anderen entliehen, um sie gemeinsam weiterzuspinnen. Zum sogenannten Lovecraft-Zirkel zählten u.a. Clark Ashton Smith, Robert E. Howard, der „Conan, der Cimmerier“ und „Solomon Kane“ erschuf, Robert Bloch, der Autor von „Psycho“, und der Autor und Verleger August Derleth.

Lovecraft starb verarmt 1937 an den Folgen von Darmkrebs, der ein Jahr zuvor diagnostiziert worden war. August Derleth wurde der Nachlassverwalter und gründete zur Veröffentlichung der Geschichten seines Freundes den Verlag Arkham House, da kein anderer Verlag Interesse an dem Werk besaß. Zugleich wurde sein Cthulhu-Mythos von anderen Autoren weitergeschrieben, bis zum heutigen Tag. Und Lovecrafts Bekanntheit wuchs stetig mit den Jahren und Jahrzehnten, so dass er heute nicht mehr aus der phantastischen Literatur wegzudenken ist.

Berge des Wahnsinns

At the Mountains of Madness_4_Howard Lovecraft © IvanLaliashvili

Sein Einfluss reicht weit über die Literatur hinaus, wo Autoren wie Stephen King, Neil Gaiman, Terry Pratchett, Clive Barker, Michel Houellebecq, Wolfgang Hohlbein oder auch Walter Moers zu seinen Bewunderern zählen. Die Visionen H.R. Gigers zeichnen ihn als Lovecraft-Fan ebenso aus, wie sich die Inspiration durch den „Einsiedler von Providence“ in der Welt der Comics oder in der Musik zeigt. Ganz zu schweigen von den Massen an Brett- und Konsolenspielen, die sich mehr oder weniger direkt auf ihn berufen. Auch in TV-Serien wie Doctor Who und South Park hat sein Werk längst Aufnahme gefunden. Und es gibt Dutzende von Filmen, zuletzt etwa Die Farbe aus dem All oder The Endless, die sich seiner mehr oder weniger direkt bedienen; vor wenigen Jahren wollte Guillermo Del Toro (Pans Labyrinth) eben diese Erzählung verfilmen. Er gilt schon längst als einer der wichtigsten Autoren der Horrorliteratur des 20. Jahrhundert und wird häufig in einem Atemzug mit seinem großen Vorbild Edgar Allan Poe genannt.

Lovecraft ist heute ein Kultur-Bestandteil, wie es nur wenige andere Autoren zuteil gekommen ist. Und „Berge des Wahnsinns“ ist sein (langes) Magnum Opus.

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 4 von 5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Titelbild: at the mountains of madness © moonxels

Stephan Lydike

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