Kosmisches Grauen jenseits des Denkbaren: H.P. Lovecraft zwischen Kult und Kultur II – Monströse Mythographien

Von seinem Schreibtisch aus entfesselte ein kauziger Gentleman aus Providence in den 1920ern archaische Schrecken und avancierte zu einem der wichtigsten Autoren der modernen Phantastik. Beinahe achtzig Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers sind Nyarlathotep, Shub-Niggurath und die anderen Großen Alten umtriebiger als je zuvor. Im zweiten Teil unserer Reihe „H.P. Lovecraft zwischen Kult und Kultur“ gehen wir der Frage nach, was sich hinter dem Konzept des kosmischen Grauens verbirgt und wie Lovecraft damit seinen Lesern das Fürchten lehrt.

„Ich glaube die größte Barmherzigkeit dieser Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, dass wir diese Gewässer weit befahren sollen.“ (H.P. Lovecraft: Der Ruf des Cthulhu)

Lovecrafts mythologischer Kosmos fußt ausgerechnet auf der Wissenschaft. Mit detektivischem Spürsinn dringt sie in unbekannte Territorien vor und verhilft dem Menschen so zu immer neuen Erkenntnissen über sich selbst und die ihn umgebende Welt. Wichtigstes Werkzeug bei diesem Unterfangen sind die rationalen Fähigkeiten derjenigen, die sich aufmachen das Verborgene zu enthüllen – und die selbstbewusste Überzeugung, dass tiefere Einsichten in die Ordnung der Dinge grundsätzlich wünschenswert sind.

Dieser Wissenschaftsoptimismus gelangt in Lovecrafts Erzählungen an seine Grenzen, wenn er mit Mächten kollidiert, die der menschliche Verstand sich nicht einmal vorzustellen vermag. Er versagt angesichts der Erkenntnis, dass der Mensch keineswegs die Krone der Schöpfung ist und in den Abgründen von Zeit und Raum unaussprechliche Schrecken lauern, denen wir vollkommen schutzlos ausgeliefert sind. Die eigene Irrelevanz ist nur schwer zu akzeptieren. Noch dazu lädt die Existenz von fremden, überlegenen Wesenheiten zu allerhand unerfreulichen Gedankenexperimenten ein, denn, so Houellebecq, „um sich vorzustellen, wie sie uns behandeln würden, wenn es uns gelänge, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, genügt es, sich daran zu erinnern, wie wir mit ‚unterlegenen Intelligenzen‘ wie Kaninchen und Fröschen umgehen.“

Cthulhu-Skizze von H.P. Lovecraft

Die kosmischen Schrecken, die Lovecraft beschwört, werden für den Menschen zur Quelle einer gleich zweifachen Bedrängnis; neben der Gefahr für Leib und Leben, geht von ihnen auch eine irrationale Bedrohung aus. Sie werden zu einer Herausforderung für den menschlichen Verstand, da sich in ihnen das eigentlich Unmögliche, das, was nicht sein kann, sichtbar manifestiert, ohne dass es im Rahmen der Erfahrung rational eingeordnet werden könnte. Die Eindringlinge erschüttern den Glauben an eine sinnvolle Einrichtung der Welt ebenso wie das Vertrauen in traditionelle Ordnungssysteme, die dem Menschen zuvor als sichere Bastion gegen das Chaos dienten. Es ist die ohnmächtige Begegnung mit dem existentiell Fremden, die im Kern von Lovecrafts erzählerischem Werk steht.

„Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“ (H.P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur)

Das Verhängnis besteht nun darin, dass diese archaische Angst vor dem Unbekannten, das in unsere vertraute Alltagswelt einbricht, gepaart ist mit einer Neugierde, einer regelrechten Faszination für das Fremde. Und gerade Lovecrafts Protagonisten besitzen außerordentliches Talent darin, sich auf die Weise selbst zugrunde zu richten. Sie sind Intellektuelle, oftmals Forscher und Wissenschaftler, die einen kühlen Kopf bewahren und den Dingen lieber auf den Grund gehen, statt sich Bange machen zu lassen. Gerade dieser Wissensdurst ist es, der sie aus der Sicherheit ihres gewohnten Lebens reißt und mit namenlosen Schrecken konfrontiert, wenn sie Träumen im Hexenhaus nachhängen, Expeditionen in die Berge des Wahnsinns unternehmen oder Städte ohne Namen erkunden.

Illustration zu H.P. Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“ aus dem Pulp-Magazin „Amazing Stories“ von 1927

Abgesehen von dieser Voraussetzung, die alle Protagonisten Lovecrafts zu teilen scheinen, bleiben sie relativ eindimensionale Wahrnehmungsorgane. Sie interessieren ihren Schöpfer nur als Beobachter des kosmischen Schreckens, die aufgrund ihres zumeist akademischen Hintergrunds das Erlebte adäquat wiedergeben können und zugleich wissenschaftlich beglaubigen. Lovecraft verwendet dafür eine sezierende Schreibweise, die das Grauen präzise beschreibt, anstatt es zu verschleiern. Dieses analytische Vokabular dient den Protagonisten als Rüstzeug angesichts der Konfrontation mit dem Unerklärlichen, zeugt jedoch vor allem von der Ohnmacht des Rationalisten gegenüber der fremden Bedrohung. Denn eine konkrete Vorstellung von der Beschaffenheit der obskuren Artefakte oder der Erscheinung der fremden Wesenheiten erhält der Leser trotz aller Bemühungen nicht. So entdeckt der Erzähler in „Stadt ohne Namen“ mumifizierte Lebewesen, die sein wissenschaftliches Interesse wecken, doch

„Irgendeine Vorstellung von diesen Monstrositäten zu vermitteln ist unmöglich. Sie gehörten der reptilischen Gattung an, wobei ihre Körperformen zuweilen an ein Krokodil, dann wieder an einen Seehund erinnerten, häufiger jedoch an nichts, wovon der Zoologe wie auch der Paläontologe jemals gehört hatte. (…) Nichts lässt sich etwas Derartigem gegenüberstellen – blitzartig schossen mir so verschiedenartige Vergleiche wie zur Katze, zur Bulldogge, zum sagenhaften Satyr und zum Menschen durch den Sinn.“

Die grotesken Funde sprechen den uns bekannten Naturgesetzen Hohn und Spott. Sie liegen jenseits rationaler Erklärungen, selbst die bemühteste Schilderung vermag nicht die Beschreibung des Unbeschreiblichen. Häufig genug macht Lovecraft sich diese Tatsache zunutze und setzt sie als Stilmittel ein, wenn es den Protagonisten angesichts ihrer Entdeckungen die Sprache verschlägt.

„Das Ding kann nicht beschrieben werden – es gibt keine Worte für solche Abgründe kreischenden und uralten Wahnsinns, solch grausigen Widerspruch zu aller Materie, Energie und kosmischer Ordnung.“

heißt es in „Der Ruf des Cthulhu“. Angesichts solcher Erfahrungen verwundert es kaum, dass Lovecrafts Figuren entweder dem Wahnsinn verfallen oder den Freitod wählen.

Illustration zu H.P. Lovecrafts „Der Ruf des Cthulhu“ aus dem Pulp-Magazin „Weird Tales“ von 1928

Der Genuss, den die Lektüre Lovecrafts dem geneigten Leser gewährt, ist nicht zu haben ohne eine tiefe Irritation. In seinen Erzählungen zeigt er auf schreckliche Weise die Brüchigkeit der zivilisierten Welt auf. Fernab rationaler Gewissheiten müssen die Protagonisten erkennen, dass ihr Streben nach Wahrheit und Wissen sie ins Verderben geführt hat. Sie sehen sich konfrontiert mit Mächten, die jenseits des Vorstellbaren liegen und sich der von uns geschaffenen Ordnung nicht einverleiben lassen. In den Visionen Lovecrafts liegt kein Heilsversprechen, aus ihnen spricht kein Funken der Hoffnung, der das menschliche Selbstbewusstsein wiederaufrichten könnte. Es gilt, das Chaos auszuhalten oder daran zugrunde zu gehen – eine Erlösung gibt es nicht.

Im dritten Teil der Reihe beschäftigen wir uns mit einigen der zahlreichen Filme, die unter dem Label „Lovecraftian Horror“ laufen und schauen uns an, wie sie das kosmische Grauen auf die Leinwand bannen.

Titelbild: Lovecraft: The Namelesse City © leothefox (CC BY-SA 3.0)

Catherin

Horrorfilme… sind die Suche nach Erfahrungen, die man im echten Leben nicht machen möchte. Sie bilden individuelle wie kollektive Ängste ab, zwingen uns zur Auseinandersetzung mit Verdrängtem und kulturell Unerwünschtem – und werden dennoch zur Quelle eines unheimlichen Vergnügens.
Catherin

Letzte Artikel von Catherin (Alle anzeigen)

...und was meinst du?