Multidimensional und multimedial: H.P. Lovecraft zwischen Kult und Kultur I – Monströse Mythographien

Mit Die Farbe aus dem All fügt Regisseur Richard Stanley (M.A.R.K. 13 – Hardware, Dust Devil) dieses Jahr der langen Reihe der  Lovecraft-Adaptionen eine weitere Verfilmung hinzu. Beinahe achtzig Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers scheinen Cthulhu, das Necronomicon und die anderen kosmischem Schrecken präsenter als je zuvor. In unserer Reihe „H.P. Lovecraft zwischen Kult und Kultur“ spüren wir dem Sonderling aus Providence und seinem monströsen Einfluss auf die Popkultur nach.

„Wer das Leben liebt, liest nicht. Und geht erst recht nicht ins Kino. Was immer auch darüber gesagt wird, der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für jene reserviert, die ein wenig die Schnauze voll haben. Lovecraft hatte ein wenig mehr als nur die Schnauze voll.“ (Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben)

Nicht nur in der Nerdkultur ist der amerikanische Schriftsteller H.P. Lovecraft (1890-1937) mittlerweile omnipräsent. Kaum ein Gang durch die Filialen der großen Buchhandelsketten geschieht heutzutage, ohne dass einem der verarmte Gentleman aus Providence, Rhode Island in Form illustrierter Schmuckausgaben, Comics oder tentakelbewehrter Merchandiseartikel quasi um die Ohren gehauen wird. Cthulhu, Yog-Sothoth und die anderen außerirdischen, ungreifbaren Schrecken seiner Geschichten können als Plüschtier, Sammelkarte und, Bekleidungsmotiv, oft in cartoonesker Form, ganz greifbar erworben werden; die misstönenden Inkantationen ihrer kultischen Diener („Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!“) sind längst zum Meme geworden. Ebenso wenig wie Lovecrafts Protagonisten dem unwirklichen Grauen, das sie heimsucht, zu entkommen vermögen, entgeht man heutzutage dem Hype, denn die Popkultur hat Lovecraft längst ihren Stempel aufgedrückt.

Cthulhu-Plüschtier auf dem Grabe Lovecrafts

Cthulhu-Plüschtier auf dem Grabe Lovecrafts © James Spurrier (CC BY-SA 2.0)

Dennoch umgibt Lovecrafts Werk bis heute ein Nimbus des Fremden und Unnahbaren. Trotz mannigfaltiger, nicht immer ernsthafter Rezeption erscheint er nicht komplett durchdrungen, nicht vollständig erfasst worden zu sein. Auch aufgrund seines lange zurückliegenden Lebens erscheint die Person Lovecrafts geheimnisumwittert und rätselhaft, ganz im Gegensatz zu gegenwärtigen Genregrößen wie Stephen King, dessen Alltag (und vor allem den seines Hundes) man heutzutage auf Twitter live verfolgen kann. Lovecraft und sein Werk derart getrennt zu betrachten, erscheint immer noch unmöglich, was nicht zuletzt seinem ersten Biographen L. Sprague du Camp geschuldet sein dürfte. Dessen einflussreiche Abhandlung aus dem Jahre 1975, welche Lovecraft als unreflektierten, asexuellen und eigenbrötlerischen Sonderling inszeniert, prägt dessen Bild bis heute. Obgleich die Lovecraft-Forschung in den letzten Jahrzehnten förmlich explodierte, verbleibt der Schreiberling aus Providence ein grauer, unscharf umrissener Fleck auf der literarischen Landkarte.

Selbst in der Cartoon-Serie South Park hat der große Cthulhu einen Gastauftritt

Selbst in der Cartoon-Serie South Park hat der große Cthulhu einen Gastauftritt © Comedy Central Germany

Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher fasst treffend zusammen, was darüber hinaus die Ungreifbarkeit des Lovecraft´schen Werkes ausmacht: Es ignoriert seine eigene Fiktionalität. Anstelle eines kohärenten, phantastischen Universums besteht es aus dutzenden, wenn nicht hunderten kleinen Vorstößen in nihilistische, jenseitige Dimensionen, in denen sich immer nur Fragmente eines allgegenwärtigen Schreckens andeuten. Der sogenannte Cthulhu-Mythos ist keinesfalls als listenartiger Katalog einer begrenzten Anzahl an Geschichten, wie etwa Tolkiens Schilderungen Mittelerdes, zu verstehen. Die Faszinationskraft – ob bewusst oder unbewusst wahrgenommen – bezieht das Werk wohl vielmehr aus seinem offenen, komplementär zusammengesetzten Charakter: Eine Vielzahl von Erzählungen die oft nur lose, wenn überhaupt, zusammenhängen, in der Gedankenarbeit des Lesenden jedoch eine Vorahnung, einen unerhörten Verdacht ob der Fragilität des ganzen menschlichen Daseins erzeugen.

„Lovecrafts Werk kann mit einer riesigen Traummaschine verglichen werden, die eine noch nie dagewesene Größe und Wirkungskraft hat. […] Eine erneute Lektüre führt zu keiner bemerkenswerten Veränderung, es sei denn, daß man sich fragt: Wie hat er das bloß gemacht?“ (Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben)

Gleich dem Mythenkomplex einer tatsächlichen archaischen Kultur, ist dieser erzählerische Wust kaum noch auf einen eindeutigen Urheber zurückzuführen: Bereits zu Lebzeiten ermunterte Lovecraft befreundete Autoren dazu, am kosmischen Grauen mitzuschreiben. Wohl hunderte Schriftsteller sind bis heute diesem Aufruf gefolgt und auch gegenwärtige Genrevertreter wie Ramsey Campbell und Neil Gaiman (American Gods) haben ihren Beitrag zum Mythos geleistet. Zudem arbeitete Lovecraft die Werke früherer Autoren, wie Edgar Allan Poe und Robert W. Chambers, mit ein, womit er die Verzweigung des Geschichtenkomplexes bis weit in die Vergangenheit hin ausbaut. Dem Streben anderer Schriftsteller, authentische Texte voller Originalität zu produzieren, setzt er eine Montagetechnik gegenüber, die mehr an der Verschleierung konkreter Urheberschaft interessiert zu sein scheint.

Großer Andrang bei einer Vorführung des Lovecraft-inspirierten Films Dark Waters

Großer Andrang bei einer Vorführung des Lovecraft-inspirierten Films Dark Waters (Mariano Baino 1994)

Und diese mythische Sogwirkung zieht Genrefans bis heute in ihren Bann. Der französische Skandalautor Michel Houellebecq, der Lovecraft 1991 mit Gegen die Welt, gegen das Leben eine biographische Liebeserklärung widmete, war überrascht davon, wie viele junge Menschen sich außerordentlich gut mit Lovecraft und dessen Universum auszukennen scheinen, ohne ihn jemals gelesen zu haben. Regisseur Stuart Gordon (Re-Animator, From Beyond – Aliens des Grauens) zeigte sich in der Videodokumentation Lovecraft: Fear of the Unknown (2008) davon begeistert, dass der Cthulhu-Mythos offenbar weit über die eigentlichen Schriften des Altmeisters aus Providence hinausreicht. Autor Neil Geiman betont, dass auch die parodistischen Auseinandersetzungen mit Lovecrafts Stoffen dessen immensen kulturellen Stellenwert nur untermauerten – was einem nichts bedeute, parodiere man auch nicht. Cthulhu-Plüschtiere und Tentakelmützen seien also kein bloßer Witz, sondern ein Ausdruck dessen, dass die Mythologie die Menschen bis heute beschäftige. Horrorlegende John Carpenter (Halloween, Das Ding aus einer anderen Welt) ist anderer Meinung: Eine derartige Behandlung des literarischen Stoffes erscheint ihm zu trivial, der Ernsthaftigkeit von Lovecrafts Motiven nicht angemessen.

H.P. Lovecraft Büste

© Kenenth C. Zirkel (CC BY-SA 3.0)

Und so erinnern die zahlreichen Debatten, die bis heute von Wissenschaftlern wie S.T. Joshi und Mark Fisher, Horrorprominenz wie Carpenter, Gordon und Jordan Peele (Wir) und selbst hochumstrittenen Künstlern wie Houellebecq geführt werden fast an theologische Debatten – oder eher an metaphysische Spekulationen? Vielleicht ist es dieses pendelnde Kreisen um den Autor Lovecraft, sind es die zahlreichen Möglichkeiten, die Umlaufbahnen seines Werkes zu befahren, welche die magische Faszinationskraft der Erzählungen ausmacht. Ihre Auslegung wird bis heute heiß diskutiert, sie werden in vielfache Stoßrichtungen hin interpretiert und ihre Zahl wächst stetig – der Mythos lebt.

Im zweiten Teil der Reihe gehen wir der Frage nach, was Lovecraft unter dem Kosmischen Grauen versteht und wie er damit seinen Lesern das Fürchten lehrt.

Titelbild: Lovecraft: Fear of the Unknown © Wyrd

Alexander

Horrorfilme… sind die audiovisuelle Adaption des gesellschaftlich Abgestoßenen, Verdrängten und/oder Unerwünschten, das in der einen oder anderen Gestalt immer wieder einen Weg zurückfindet.
Alexander

...und was meinst du?