Filminterpretation: Der Babadook (2014) und psychische Erkrankungen

Filminterpreation Babadook

Jennifer Kents Debütfilm Der Babadook ist ein äußerst intensives Horrordrama rund um Trauer, Überforderung und Depression wie man es bisher selten gesehen hat. Nehmt Platz. Dies ist die Geschichte von Mr. Babadook…

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

The Babadook
Australien/Kanada
94 Minuten
Jennifer Kent
Jennifer Kent
Essie Davis, Noah Wiseman u.a.

Einleitung

Der Babadook ist der Debütfilm der Australierin Jennifer Kent. Falls ihr den Film noch nicht gesehen habt, könnt ihr euch hier unsere euphorische Review durchlesen und nach der Sichtung wieder zurückkommen, denn wir starten hier in Kürze mit SPOILERN.

Der Film erzählt die Geschichte der alleinerziehenden Amelia, deren Ehemann bei einem Autounfall auf dem Weg zur Geburt des gemeinsamen Sohnes Samuel starb. Sie kämpft immer noch schwer mit dem Verlust und auch mit Samuel, ihrem äußerst fordernden Sohn. Eines Tages findet sich ein rotes Kinderbuch mit dem Titel „Mister Babadook“ in Samuels Bücherregal. Es stellt sich heraus, dass mit dem Buch ein böses Wesen ins Haus kommt, welches die Familie fortan tyrannisieren wird.

Filminterpretation Babadook

Was passiert im Film wirklich?

Jennifer Kent selbst lässt offen, ob es den Babadook als Monster wirklich gibt oder ob er nur dem Geist der ProtagonistInnen entspringt. Ich bin ein großer Freund der Interpretation, dass Amelia den Babadook wortwörtlich selbst erschaffen hat. Denn wie wir im Film erfahren, war sie früher selbst Kinderbuchautorin und es liegt nicht fern, anzunehmen, dass sie diese sogar selbst illustriert hat. Die nötige Zeit, um das Kinderbuch selbst herzustellen, hätte sie auf jeden Fall gehabt. Seit geraumer Zeit leidet Amelia nämlich an Schlaflosigkeit, wodurch sie ganze Nächte vor dem Fernseher verbringt, bevor die Erschöpfung sie irgendwann übermannt. Doch was genau zwischen dem Ende der nächtlichen TV-Szenen und ihrem Erwachen passiert, wissen weder Amelia noch das Publikum. Es wäre also gut möglich, dass sie in dieser Zeit das Buch rund um den Babadook angefertigt hat. Ein weiteres Indiz für diese These ist das handgemachte Aussehen des Buches, für das höchstwahrscheinlich Zeichenkohle verwendet wurde und an dessen Ende noch etliche Seiten leer sind. In manchen Szenen sehen wir Amelia mit schmutzigen schwarzen Händen, was sehr gut auf die Verwendung jener Zeichenkohle zurückzuführen wäre.

Filminterpretation Babadook

Der Babadook und Depression

Ungefähr die erste Hälfte des Films nehmen wir aus Amelias Perspektive wahr, die offenkundig unter einer Depression leidet. Die internationale Klassifikation für Krankheiten der WHO (ICD-10) gibt für Depressionen folgende Symptome an:

  1. Gedrückte Stimmung
  2. Verminderter Antrieb / erhöhte Ermüdbarkeit
  3. Interessen- und Freudlosigkeit
  4. Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  5. Vermindertes Selbstwertgefühl
  6. Schuldgefühle
  7. Pessimistische Zukunftsperspektiven und ein Gefühl der Hoffnungs- sowie Hilflosigkeit
  8. Suizidgedanken
  9. Schlafstörungen
  10. Verminderter Appetit

In der ersten Hälfte des Films können wir fast alle diese Symptome beobachten. Wie bereits angesprochen leidet Amelia an Schlafstörungen, ist durchgehend in gedrückter Stimmung und es ist eindeutig, dass sie sich für nichts wirklich begeistern kann. Auch aus dem Bett kommt sie nur schwer und kann sich anschließend kaum motivieren, ihren alltäglichen Betätigungen nachzugehen. Ihre verminderte Konzentrationsfähigkeit führt in einer Szene sogar zu einem kleinen Autounfall. Dazu leidet sie unter einem verminderten Selbstwertgefühl und Schuldgefühlen.

Filminterpretation Babadook

Allgemein gelingt es dem Babadook, ein außergewöhnlich realistisches Bild einer Depression zu zeichnen. Gerade in der ersten Hälfte, die Amelias Perspektive zeigt, liegt ein starker Fokus auf der Beziehung zu Samuel, der für seine Mutter und damit auch für das Publikum nur schwer zu ertragen ist. Die Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen kann ein weiteres Symptom von Depressionen sein und genau das erleben wir auch im Film. Jeder Muckser, den Samuel von sich gibt mutiert für Amelia und die ZuschauerInnen zu einem unerträglichen Geschrei. Jennifer Kent gelingt es dadurch grandios, die triste, hoffnungslose Welt der depressiven Amelia für uns erfahrbar zu machen.

Die Ursachen für eine Depression sind bis heute nicht vollständig ergründet, jedoch ist klar, dass traumatische Erlebnisse ein wichtiger Faktor als Auslöser sein können. In Amelias Fall handelt es sich dabei um den Autounfall, bei dem ihr Mann grässlich enthauptet wurde. Ein Ereignis, das sie mit aller Kraft ins Unbewusste verdrängt hat, wo es sich zum Babadook manifestiert hat und ihre Depression nährt. Gerade bei Traumata ist es nicht unüblich, dass Erinnerungen daran aus dem aktiven Bewusstsein verbannt werden und ein Eigenleben entwickeln, was in der Psychologie als Dissoziation bezeichnet wird. Traumatisierte leiden oft unter Angstattacken, sozialer und emotionaler Isolation sowie unter temporärem Realitätsverlust.

Filminterpretation Babadook

Amelia gesteuert vom Babadook

Samuels Perspektive und das Ende

Ab der zweiten Hälfte des Films verschiebt sich die Perspektive. Nach einem Nervenzusammenbruch gibt Amelia ihren Kampf gegen den Babadook auf und er übernimmt die Kontrolle. Von diesem Moment an sehen wir die Welt mehr aus Samuels Augen. Wir erleben Amelia als fahrige und äußerst reizbare Person. Als ihr Sohn sie eines Tages auf den leeren Kühlschrank anspricht, schreit sie ihn an, wenn er denn so hungrig sei, solle er doch Scheiße fressen. Oder sie steht plötzlich mit gezücktem Messer über ihm. Es ist anzunehmen, dass Samuel mit diesem eruptiven Verhalten seiner Mutter aufgewachsen ist und daher unter einer Bindungsstörung leidet, was sich wiederum in einer erhöhten Ängstlichkeit und gesteigertem Aggressionspotential widerspiegelt.

Filminterpretation Babadook

Samuel mit seinem selbstgebauten Mini-Katapult

Samuel versucht mehrfach seine Mutter vor dem Monster zu beschützen, indem er ihr verspricht, es zu töten. Am Ende ist es auch Samuels unverwüstliche Liebe zu seiner Mutter, die Amelia die Kraft gibt, sich mit ihren eigenen Dämonen auseinanderzusetzen.
So dreht sich quasi das gesamte Ende des Filmes darum, dass man sich mit traumatischen Erlebnissen auseinandersetzt. Genau das ist es auch, was in einer Trauma-Therapie passiert: das behutsame Heranführen an angstbesetzte Ereignisse sowie die langsame Aufarbeitung und Bewältigung derselben. Genau dies sehen wir, wenn der Babadook in den Keller flüchtet. Er ist nie endgültig besiegt und wird immer da sein, aber Amelia lernt mit ihm in friedlicher Koexistenz zu leben und setzt sich aktiv mit ihm auseinander, was durch die regelmäßige Fütterung symbolisiert wird.

Filminterpretation Babadook

Der Babadook wird fortan mit Würmern gefüttert

Schlussworte

Psychische Störungen werden in Filmen immer wieder aufgegriffen, doch geht es oft nicht über einen Tick oder eine Charaktereigenschaft, die für ein paar Lacher eingesetzt werden, hinaus. Jennifer Kent hingegen nimmt das Thema in Der Babadook sehr ernst und zeichnet ein realistischeres Bild einer Depression, wie es im Genre seinesgleichen sucht. Mit viel Empathie führt sie uns in die Welt von Amelia ein und lässt uns an ihrem Leiden teilhaben. Überaus intelligent konstruiert zeigt Kent auf, wie man sich solchen Themen mit den Mitteln des Horrorfilms annehmen und sie für ein Publikum erfahrbar machen kann. Somit schafft es Der Babadook nicht nur zu gruseln, sondern auch ein wichtiges Licht auf psychische Störungen zu werfen, die nach wie vor mit einem Stigma belegt sind. Kent macht hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Filminterpretation Babadook

Amelia kann wieder Nähe zu Samuel zulassen

Bildquelle: Der Babadook © Capelight Pictures

Florian Halbeisen

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