Zwischen Wahn und Wirklichkeit. Guy de Maupassants „Der Horla“ und sein filmisches Nachleben

Tagebuch eines Mörders

Namenloses Grauen überkommt den Protagonisten in Guy de Maupassants berühmter Erzählung „Der Horla“, glaubt er sich doch in manchen Momenten von einem unsichtbaren Wesen verfolgt, das seinen Willen steuert und ihm im Schlaf die Lebenskraft entzieht. Ein Abstieg in den Wahnsinn beginnt, bei dem auch der Leser bald nicht mehr zu sagen vermag, was wirklich ist und was nicht. Wir haben uns auf Zeitreise ins 19. Jahrhundert begeben und stellen euch nicht nur eine der bedeutendsten phantastischen Erzählungen, sondern auch ihre bekannteste Verfilmung vor.

„Dann lege ich mich zu Bett und warte auf den Schlaf, wie auf den Henker. Ich warte auf ihn mit Entsetzen, daß er kommt; mein Herz schlägt, meine Kniee zittern, mein ganzer Körper bebt trotz der Wärme des Bettes, bis zu dem Augenblick, wo ich plötzlich in Schlaf falle, wie einer, der sich in ein Wasserloch stürzt, um sich zu ertränken. Ich fühle den Schlaf nicht allmählich kommen wie früher. Dieser Schlaf ist niederträchtig, er versteckt sich vor mir, er lauert mir auf. Plötzlich packt er mich beim Genick, drückt mir die Augen zu, und mir vergehen die Sinne.“

Inhalt

Die Erzählung besteht aus den Tagebucheinträgen eines namenlosen Erzählers, dessen gesundheitlicher Zustand sich im Verlauf der Zeit zunehmend zu verschlechtern scheint. Er berichtet von einem unsichtbaren Wesen, dem Horla, das sich nachts wie ein Alb auf seine Brust hockt und ihm die Lebenskraft stiehlt, während es tagsüber seinen Willen zu manipulieren sucht. Anfangs selbst noch davon überzeugt, ein Opfer seiner Einbildungskraft geworden zu sein, unternimmt der Erzähler einige Versuche, mit denen er die Existenz des Horlas zu beweisen trachtet – was ihm zu seinem eigenen Erschrecken glückt. Halb wahnsinnig vor Angst beschließt er, sich seines unsichtbaren Feindes zu entledigen und beschwört damit eine Katastrophe herauf …

Der Horla

Der Horla als gespenstische Heimsuchung in einer Illustration von William Julian-Damazy

Kritik & Hintergrund

Maupassant wählt für seine Handlung keinen exotischen Schauplatz. Wo andere Autoren ihre Protagonisten in marode Burgen, unerforschte Grabkammern oder auf mysteriöse Inseln schicken, darf der namenlose Erzähler im „Horla“ weiterhin seinem behäbigen Alltag inmitten der malerischen Landschaft der Normandie nachgehen. Die unheimlichen Vorkommnisse verlagern sich ins eigene Heim, was eine psychologische Deutung mehr als nahelegt. Sind die seltsamen Vorkommnisse also lediglich die manifesten Ängste des Erzählers, ein Produkt seines überspannten Geistes?

Der Horla

Eine Rose, gepflückt von unsichtbarer Hand, schwebt durch die Luft (Illustration von William Julian-Damazy)

Mit wachsender Spannung verfolgt man als Leser die Entwicklung der Geschichte, die ausschließlich auf den Tagebucheinträgen basiert. Aus ihnen spricht eine Wort- und Bildgewalt, die ihresgleichen sucht und die Geschehnisse mühelos lebendig werden lässt. Dadurch vermittelt sich eine intensiv-bedrohliche Atmosphäre, aber auch ein Einblick in die immer desolatere geistige Verfassung des Erzählers.

Die Suche nach konkreten Anhaltspunkten für die Existenz des Horlas wird zur Zerreißprobe – auch für den Leser, der die Wahrnehmungen des Erzählers ungefiltert miterlebt und dabei selbst in einen Taumel zu geraten droht. Eine objektive Instanz existiert nicht, zwischen glasklaren Selbstanalysen und paranoiden Wahnvorstellungen verliert sich jede Gewissheit. Ob der Tagebuchschreiber sich in geistiger Umnachtung verliert oder der Horla wirklich, wie er andeutet, ein höherentwickeltes Wesen ist, das die Herrschaft über den Menschen anstrebt, bleibt offen. Eine Ambivalenz, die der Leser hinnehmen muss – und die zum Kern der Erzählung führt.

Maupassants Erzählung erscheint erstmals 1886, inmitten des „positivistischen“ Jahrhunderts. Der unbedingte Glaube an den technischen Fortschritt und die restlose Erklärbarkeit der Welt mit den Mitteln des Verstandes sind die trauten Begleiter der Industrialisierung und verschaffen dem menschlichen Selbstbewusstsein neue Höhenflüge. Mit detektivischem Spürsinn und wissenschaftlichem Sachverstand will darum auch der Erzähler seinem unsichtbaren Feind auf die Schliche kommen, stöbert in Bibliotheken und versucht die einzelnen Puzzlestücke sinnvoll zusammenzusetzen. Doch wie das Unerklärliche erklären? Im „Horla“ zeigen sich die Abgründe eines Denkens, das ganz dem rationalen Geist verpflichtet ist. Als sein dunkler Doppelgänger wird das Irrationale zu einer neuen Quelle des Unheimlichen, die sich machtvoll ihren Weg zurück ins Bewusstsein bahnt.

Tagebuch eines Mörders

Vincent Price als Opfer des Horlas in „Tagebuch eines Mörders“

Als Klassiker der phantastischen Literatur lud „Der Horla“ immer wieder dazu ein, den unsichtbaren Schrecken auch auf die Leinwand zu projizieren und inspirierte im Laufe der Zeit mehrere Filmemacher zu eigenen Interpretationen. Die wohl bekannteste Adaption ist Reginald Le Borgs Tagebuch eines Mörders von 1963 mit Horror-Ikone Vincent Price (Das Pendel des Todes) in der Hauptrolle. Hier springt der Horla von einem verurteilten Mörder auf seinen Richter über, welcher fortan unter dem Bann des fremden Wesens steht und selber zum Mörder wird. Universal-Regisseur Le Borg nimmt Maupassants Vorlage wörtlich und inszeniert den Horla als dämonisches Kerlchen, das für allerlei diabolische Sensationen sorgt. Die eindringliche Performance von Price, der seinem Hang zum Overacting ausnahmsweise einmal nicht nachgibt, und die spukhaften Bilder verleihen dem Film dennoch die nötige Ernsthaftigkeit. Da stört es wenig, dass es sich mit der Werktreue ähnlich verhält wie bei Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Adaptionen: Wer im Tagebuch eines Mörders blättert, den erwartet wohlig-gruselige Unterhaltung.

Guy de Maupassant

Porträt des Schriftstellers

Maupassants eigenes Schicksal gleicht dem seiner Figur auf erschreckende Weise. Bereits in jungen Jahren hatte er sich als Folge diverser amouröser Abenteuer mit Syphilis infiziert und ahnte seinen frühen Tod darum voraus. Zeitlebens litt er außerdem immer wieder unter Halluzinationen, Verfolgungswahn, Selbstmordgedanken sowie der Furcht, auch er könne dem Wahnsinn anheimfallen, wie sein Bruder Hervé zuvor. Man mag seine Erzählungen als einen Versuch ansehen, die eigenen Ängste auf Papier zu bannen; genutzt hat es ihm am Ende nichts. Der große französische Schriftsteller starb in geistiger Umnachtung, gerade einmal 42-jährig, in einer psychiatrischen Klinik.

 

Bildquelle: Tagebuch eines Mörders © Aberle-media

Catherin
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