Bird Box (2018) – Buchvergleich, die Monster und das Ende

Bird Box

Der Endzeit-Thriller Bird Box mit Sandra Bullock gehört zu den erfolgreichsten Filmen auf Netflix. Wir machen den Vergleich mit der Buchvorlage und schauen uns Monster und Ende noch einmal genauer an.

Wer sich für eine spoilerfreie Review von Bird Box interessiert, wird unter diesem Link fündig; hier wollen wir uns genauer mit der Buchvorlage, dem Wesen der Monster und dem Ende auseinandersetzen. Dafür werden wir um einige Spoiler nicht umhin kommen. Solltet ihr Bird Box also noch nicht gesehen haben, würde ich empfehlen, ihn zuerst anzuschauen und danach wiederzukommen.

Die Buchvorlage – 6 Unterschiede

Grundlage für den Film von Susanne Bier (Brothers) ist der gleichnamige Roman von Josh Malerman von 2014. Für das Drehbuch war Eric Heisserer (Arrival, Lights Out) verantwortlich. Bei der Adaption wurden einige Details abgeändert, um dem Medium gerecht zu werden. Hier sind sechs wichtige Unterschiede zwischen Film und Roman:

  1. Der Handlungsort: Während der Roman in Detroit spielt, verlagert der Film die Handlung in den Norden Kaliforniens und beglückt uns damit mit einigen wunderschönen Naturaufnahmen.
  2. Die Charaktere: Grundsätzlich gibt es einige Änderungen bei den Personen, die sich im Haus verschanzen. Doch eine der größten Änderungen ist der Charakter Douglas, grandios gespielt von John Malkovich, der im Film eine wichtige Rolle einnimmt. Dieser kommt im Buch überhaupt nicht vor.
    Auch die Rolle von Tom ist in der Literaturvorlage um einiges kleiner. Im Buch führt er die Gruppe im Haus an und geht regelmäßig auf Touren, um neue Vorräte zu besorgen. Tom und Malorie fühlen sich zwar zueinander hingezogen, jedoch fangen sie im Buch nie was miteinander an. Während Tom im Film Malorie hilft, ihre Kinder großzuziehen, wird er im Buch von Gary ermordet, während Malorie ihren Sohn gebärt.
    Darüber hinaus müssen wir im Film auf einen weiteren wichtigen Charakter verzichten: Malories Hund Victor.
  3. Die Timeline: Die Geschehnisse im Buch entwickeln sich aufgrund des Mediums allgemein langsamer und werden mehr ausgebreitet. So breiten sich zum Beispiel die Massensuizide nur langsam aus, im Gegensatz zu dem plötzlichen Ausbruch im Film. Wir lernen im Buch auch Malories Schwester, die dort Shannon und nicht Jessica heißt, besser kennen, da sich beide zuerst zuhause verbarrikadieren, bevor Shannon Suizid begeht.
    Im Buch erhält Malorie außerdem den Anruf von Rick aus dem Zufluchtsort erst, nachdem sie mit den Neugeborenen allein zurück bleibt. Fortan trainiert sie vier Jahre lang sich selbst und die Kinder für die Reise dorthin. Im Film lebt Malorie zusammen mit Tom und den Kindern, und ohne das Bedürfnis, irgendwo hinzufahren – auch wenn die Diskussion im Raum stand. Erst nach Toms Tod beschließt sie, aufzubrechen.
  4. Die Kinder und die Augenbinden: Im Gegensatz zum Film werden die Kinder von Malorie von Geburt an mit Augenbinden großgezogen, um deren andere Sinne zu stärken und sich an ein Leben ohne Augenlicht zu gewöhnen.
  5. Die Vögel: Im Buch wie auch im Film dienen die Vögel grundsätzlich als Warnzeichen, jedoch werden sie im Buch wesentlich stärker instrumentalisiert. Tom nutzt diese als Warnsystem im Haus und nach dessen Tod dienen sie derartig Malorie auf ihrer Reise. Diese Funktion haben sie im Film eher selten. Hier kommt ihnen ein eher symbolischer Wert zu. Zudem werden im Buch die Vögel schlussendlich auch wahnsinnig und sterben. Im Film werden sie am Zufluchtsort im Innenhof freigelassen.
  6. Das Ende: Auch hier gibt es eine wesentliche Änderung, aber sehen wir uns doch dafür die Monster und das Ende allgemein genauer an.

Die Monster

Bird Box

Zeichnungen der Monster?

In Bird Box bekommen wir die Monster nie zu sehen und auch sonst bleibt der Film viele Erklärungen schuldig, was teilweise etwas Verwirrung stiftete. Die Herkunft der Monster und ihr Wesen werden nie ausführlich erläutert, aber wir können zumindest aus einigen Szenen ein paar Informationen herauskitzeln.
Wir wissen, dass einige Menschen wahnsinnig werden und sich umbringen, wenn sie die Monster sehen. Charlie sagt in einem Gespräch, dass die Wesen die Gestalt deiner schlimmsten Ängste, deiner tiefsten Traurigkeit oder deines größten Verlustes annehmen. Jessica begann von ihrer Mutter zu sprechen, bevor sie starb, genauso wie Lydia. In einer gedrehten Szene, die der Schere zum Opfer gefallen ist, sah Malorie ein grauenhaftes babyähnliches Geschöpf, was offenbar ihre Angst vor ihrem ungeborenen Kind darstellen sollte. Dieser Anblick scheint zu diesem Zeitpunkt alle anderen Gefühle zu verdrängen, wodurch es für die Menschen nichts Lebenswertes mehr gibt und sie sich in den Tod stürzen.
Zudem lernen wir im Film, dass die Wesen auch Menschen manipulieren können.  Indem es ihnen möglich ist, jede Stimme zu imitieren, wollen sie die Menschen dazu bringen, ihre Augen zu öffnen.

Die Monster wirken jedoch nicht auf alle Menschen gleich. Während einige ob der grausamen Sichtung sich sofort in den Tod stürzen, kommt es für andere einer Gotteserscheinung gleich. Diese Erfahrung wollen diese dann auch sofort mit allen Menschen teilen – religiöser Missionierungseifer ist die Folge. Es wird im Film angedeutet, dass dies auf Menschen mit einer psychischen Störung zutrifft. Ob damit eine Aussage über Religiosität gemacht werden soll, sei mal dahingestellt.

Wenn die Monster von niemandem gesehen werden, bleiben sie für die Menschen zumindest unsichtbar, interagieren aber mit ihrer Umwelt. So bewegen sich Büsche und Bäume durch ihre Bewegungen und Laub wird von ihnen aufgewirbelt. Sie können oder wollen Menschen aber offenbar nicht direkt physischen Schaden zufügen und sind nicht stark genug, durch Fenster, Türen oder Wände in ein Haus einzudringen.

Über die Herkunft lässt der Film wie gesagt keine handfesten Schlüsse zu, auch wenn die Charaktere im Film darüber spekulieren. Für Douglas sind sie das Ergebnis biochemischer Kriegsführung, während für Charlie die Apokalypse vor der Tür steht. Er bringt diese mit allerlei alter Mythen in Verbindung, wie zum Beispiel dem Dämon Aka Manah aus dem Zoroastrismus oder dem christlichen Dämon Surgat, den chinesischen Fuchsgeistern Huli Jing oder den keltischen Pûca.
Ob die Wesen nun von Menschenhand erschaffen wurden, übernatürliche Dämonen oder Aliens sind, bleibt jedoch offen und es darf fleißig gemutmaßt werden.

Das Ende

Bird Box Ending

Der Innenhof der Zufluchtsstätte

Im Film wie auch im Buch kommen Malorie und ihre Kinder schlussendlich nach einer Reise voller Strapazen an ihrem sicheren Ziel an. Das Ende wurde jedoch für den Film etwas entschärft. Denn im Buch treffen sie dort nicht auf Personen, die vorher schon blind waren, sondern sich selbst und ihre Kinder blendeten, um vor den Monstern sicher zu sein. Zu Beginn sei dies verpflichtend gewesen, erklärt ihnen Rick im Roman, inzwischen hätten sie jedoch die Wahl.
Im Film hingegen leben in der Blindenschule Blinde und Sehende gemeinsam, und in einem überdachten und zugewachsenen Innenhof dienen etliche Vögel den Sehenden als Vorwarnung. Eine Schutzvorrichtung, die allerdings reichlich unsicher wirkt. Soweit wir wissen, sind die Monster relativ schnell und so ziemlich überall, das heißt der Innenhof müsste sehr oft evakuiert werden. Wie oft das gut gehen wird, sei dahingestellt.

Abgesehen von diesem grundsätzlich optimistischen Ende stellt sich mir die Frage, wie sich die Welt von Bird Box wohl weiterentwickeln wird. Wir haben zum einen die Blinden, die immun gegen die Monster sind und wohl über die ganze Welt verteilt kleine Gemeinschaften gebildet haben.
Andererseits haben wir jene, die scheinbar schon wahnsinnig waren und sich offenbar ebenfalls zusammentun. Steht der Welt nun also ein Kampf zwischen den Wahnsinnigen und den Blinden bevor? So hoffnungsvoll Bird Box auch enden mag – die Welt, in der die Menschen leben, dämmt diese Hoffnung doch wieder sehr.


Was meint ihr zu Bird Box? Wie interpretiert ihr die Monster? Woher kommen sie? Und was wird aus der Welt? Wir freuen uns auf eure Gedanken dazu!

Bilder: Bird Box © Netflix

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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