Bloody Japanese World: Guinea Pig und der japanische Splatter-Film der 1980er-Jahre – Kimchi & Kadaver

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Sex, Blut und Gewalt – Heute dreht sich bei Kimchi & Kadaver alles um die berüchtigte Splatter-Reihe Guinea Pig im Kontext der japanischen Splatter-Filme der 1980er-Jahre.

An manche Ereignisse erinnert man sich einfach, als wäre es gestern gewesen. Denn ich weiß noch genau, wie ich in der Jagdhütte meiner Eltern saß und gespannt den Ausführungen eines Freundes lauschte, der von einem japanischen Film erzählte, der „übel brutal und krass“ sein sollte. Zu dieser Zeit trafen wir Freund*innen uns oft bei mir, um heimlich verbotene Filme zu schauen, die damals noch unter der Ladentheke gehandelt wurden. Bei dem Film, den dieser Freund umständlich heruntergeladen und dann in schlechter Qualität auf DVD gebrannt hatte, handelte es sich um Hideshi Hinos Flowers of Flesh and Blood (1985), den zweiten Teil der berüchtigten Guinea-Pig-Filmserie. Zugegeben, damals mit 15 oder 16 Jahren ließ mich der Film mit vielen Fragen zurück, da ich zu diesem Zeitpunkt weniger Filme aus dem Splatter-Genre gesehen hatte und viel lieber die japanischen Geistergeschichten aus den 2000ern konsumierte. Nach Flowers of Flesh and Blood war ich dann auch erst einmal bedient und es dauerte sicherlich fast zehn Jahre, bis ich wieder auf die Serie aufmerksam wurde.

Die Geschichte des japanischen Splatter-Films ist genauso bunt wie die seines westlichen Pendants. Unter Fans gilt normalerweise Nobuo Nakagawas Jigoku (1960) allgemeinhin als erster japanischer Splatter-Film, auch wenn er vielleicht nach heutigen Maßstäben nicht ganz als solcher bezeichnet werden würde – übrigens zweimal neu verfilmt: 1979 unter gleichnamigem Titel von Tatsumi Kumashiro und Japanese Hell von Teruo Ishii 1999. Die Wurzeln des japanischen Splatters liegen derweil nicht im Horror-Genre, sondern in den einzigartigen japanischen Pinku Eiga oder „Pink-Filmen“, Softcore-Sexfilmen, die in den 1960er und 1970er-Jahren etwa die Hälfte der einheimischen Kinofilmproduktionen ausmachten.

Natürlich gibt es auch weiter zurückliegende Einflüsse wie die Werke des Ukiyo-e-Meisters Tsukioka Yoshitoshi aus der späten Edo- (1603-1868) und frühen Meiji-Zeit (1868-1912). Nicht nur er, sondern auch andere Künstler beschäftigten sich mit den damaligen kriegerischen Konflikten, in denen Japan involviert war, und geizten nicht mit Verstümmelung, Zerstückelung, Selbstmord und Mord. Es besteht unbestreitbar eine erkennbare Verbindung zwischen Yoshitoshis stilisierten Darstellungen der Samurai, die kunstvoll gefesselte Frauen foltern und Hideshi Hinos Flowers of Flesh and Blood, in dem ähnliche Handlungen dargestellt werden.

Liebe mich, töte mich

Nacktheit und offene Sexualität fanden bereits Mitte der 1950er-Jahre den Weg in japanische Filmproduktionen. Vorerst nur sporadisch in bestehenden Genres wie Polizei-Thriller und Yakuza-Filmen, dann allmählich als Zentrum der Geschichte (z.B.: die „Perlentaucherinnen-Filme“). Die meisten dieser Trends waren allerdings sowieso nur von kurzer Dauer und diese Filme zirkulierten am unteren Ende des Marktes, ohne die Unterstützung der großen Studios.

Mitte der 1960er-Jahre änderte sich mit dem Aufkommen der Pink Films (pinku eiga) die Situation. In diesen Filmen gab es jedoch auch Tabus, so war die Darstellung von Genitalien und der Schamregion verboten und die Regisseur*innen verhüllten diese anstößigen Zonen mit wohlüberlegten Platzierungen von Blumentöpfen, Möbeln und anderen Gegenständen. Pink Films wurden im enormen Umfang und für die Kinoleinwand produziert und erhielten so die Aufmerksamkeit, die Sexploitation und Softcore-Pornos in keinem anderen Land zuteilwurden, auch wenn das Genre durch die Einführung des VHS-Heimvideomarktes einen herben Schlag erlitt und sich nie wieder richtig erholen konnte.

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Szene aus Tokugawa – Gequälte Frauen (1968)

Neben expliziter Erotik (zumindest für die damalige Zeit) beinhalteten Pink Films auch mitunter drastische Gewalt. Teruo Ishii widmete in seinem Tokugawa – Gequälte Frauen (1986) körperlicher Folter und Sex gleichermaßen Aufmerksamkeit, Leidtragende sind auch hier zumeist attraktive junge Frauen. Diese deutlich brutaleren Filme werden auch gerne als Ero Guro (erotic-grotesque) bezeichnet. Typisch ist hierbei die Mischung vulgärer Motive mit erotischen, um eine Ästhetik des Grotesken zu erschaffen. Einige von euch werden das sicherlich auch aus dem Manga- und Animebereich kennen, denn zu dieser Gattung gehören auch die oft zitierten „Tentakelpornos“. Neben Teruo Ishiis Filmen und Masumura Yasuzōs Die blinde Bestie (1969) sind mir persönlich zwei Filme aus dem Ero guro trotz oder gerade wegen ihrer Grausamkeit ganz besonders im Gedächtnis geblieben: Kazuo Komizus Guts of a Virgin (1986) und Violated Angels (1967) von Kôji Wakamatsu. Letzterer thematisiert die Verbrechen von Massenmörder Richard Speck, der 1966 zwölf Krankenschwestern in Chicago ermordete. Gleichzeitig werden Splatter- und Gore-Elemente immer beliebter in Samurai-Filmen (Chanbara) und historischen Dramen (Jidai-geki). Bestes Beispiel hierfür sicherlich Shogun Assassin (1980) aus der Lone-Wolf-&-Cub-Serie.

Fakt ist, drastische Gewalt tauchte zu diesem Zeitpunkt in vielen anderen Filmgenres auf, aber durch die Pink Films (und besonders im Ero guro) wurde sie am weitesten verbreitet. Denn dort war und ist das Publikum jederzeit bereit, alles zu akzeptieren, solange es das erforderliche Maß an Sex und Gewalt nicht überschreitet. Während eines Großteils seiner Geschichte war der Splatter-Film weitgehend untrennbar mit den Pink Films verküpft, und keine Untersuchung des japanischen Splatters ist möglich, ohne seine Verbindung zum Pinku eiga anzuerkennen.

Da spritzt das Blut

Viele der wichtigsten Splatter-Filme der 80er wurden von Veteranen des Pink Films inszeniert, darunter Toshiharu Ikedas exzellenter Evil Dead Trap (1988). Obwohl durchaus nicht so beliebt und einflussreich wie beispielsweise Hideo Nakatas Ring – Das Original, ist er dennoch ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des modernen japanischen Kinos und steht außerdem stellvertretend für eine Reihe Filme aus diesem Jahrzehnt. Wie Kiyoshi Kurosawa (Cure) und Shûsuke Kaneko (Gamera – Guardian of the Universe) begannen sowohl Ikeda als auch Nakata ihre Karriere mit der Arbeit an Pink Films für Nikkatsu, und beide waren Mitarbeiter von Masaru Konuma (Hana to Hebi), einem der wichtigsten Regisseure des Studios.

Es sind nicht nur die kreativen und brutalen Todesszenen, die Evil Dead Trap zu einem blutigen Spaß machen, sondern auch die atmosphärische Arbeit von Kameramann Masaki Tamura (Lady Snowblood) und dem eindringlichen Soundtrack von Tomohiko Kira. Das Drehbuch stammt übrigens von Mangaka und Regisseur Takashi Ishii (Freeze Me). Als begeisterter Fan von Western-Horror enthält Ishiis Drehbuch eine Reihe von Verweisen auf bekannten Genrebeiträgen, darunter mehrere Anspielungen auf Dario Argentos Suspiria und Sam Raimis Tanz der Teufel. Wessen Interesse jetzt geweckt wurde, Evil Dead Trap zog zwei unabhängige Fortsetzungen nach sich – Evil Dead Trap 2 wurde anfangs auch manchmal fälschlicherweise als Teil der Guinea-Pig-Reihe bezeichnet. Allgemein warne auch an den beiden Sequels viele Genregrößen aus Japan beteiligt, darunter Regisseur und Drehbuchautor Izô Hashimoto (Akira) und Chiaka Konaka (Marebito), ebenfalls Drehbuchautor.

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Szene aus Evil Dead Trap (1988)

Abgesehen von den berüchtigten Guinea-Pig-Filmen haben es nur wenige japanische Horrorfilme geschafft, so dermaßen kontrovers diskutiert zu werden. Obwohl… es gibt da ein paar Kandidaten aus den 1980er-Jahren wie beispielsweise der bereits erwähnte Guts of a Virgin als auch die beiden Nachfolgerfilme Guts of a Beauty (1986) und Female Inquisitor (1987), letztere ebenfalls von Kazuo „Gaira“ Komizu. Allein die Titel verraten, worauf sich das Publikum einstellen sollte: Eingeweide, in einer grauensamen Mischung mit Blut, sexualisierter Gewalt und Verstümmelungen. In etwas weniger als anderthalb Stunden schafft es Komizu, genug Verderbtheit und Blut zu servieren, um die Quoten von einem Dutzend Ero-guro-Filmen zu füllen. Passenderweise begann Komizu seine Karriere in den frühen 70er-Jahren, indem er Drehbücher für gefeierte Genre-Regisseure wie Kôji Wakamatsu und Masaru Konuma schrieb. Es überrascht nicht, dass diese einschließlich Konumas Woman in a Box: Virgin Sacrifice (1985) und Yasuro Uegakis Female Market: Imprisonment (1986), von exzessiver Gewalt geprägt waren.

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Szene aus Guts of a Virgin (1986)

Inhaltlich ähnelt Guts of a Virgin einem typischen Backwood-Horror über eine Gruppe junger Menschen, die in der Wildnis unterwegs sind und von einem Mutanten-Dämonen-Etwas mit einem riesigen Penis verfolgt werden. Aber eigentlich sind doch Genitalien auf Zelluloid verboten, oder? Nun ja, Komizu hat ein paar interessante Wege gefunden, die heimische Zensur zu umgehen. Für viele wird Guts of a Virgin vielleicht zu langweilig sein, denn mindestens die Hälfte des Films besteht aus Sexszenen. Sobald der Horror und der grobe Humor in Erscheinung treten, wird es etwas interessanter, aber Guts of a Virgin wird wahrscheinlich immer noch nur ein sehr selektives Publikum ansprechen, da die Mischung aus japanischen Sexfilmchen und Backwood-Horror hier nicht ganz aufgeht. Mit den Fortsetzungen Guts of a Beautiful Woman und Female Inquisitor nähert sich Komizu u.a. dem westlichen Rape-and-Revenge-Filmen von Wes Craven und Meir Zarchi, weicht aber grundsätzlich nicht von seinem Muster ab, das er mit seinem Vorgänger vorgegeben hat.

Die berüchtigten Versuchskaninchen

Der Höhepunkt der Splatter-Welle der 1980er-Jahre ist und bleibt aber die Guinea-Pig-Filmserie. Bestehend aus sechs Originalfilmen – einer ist eine Kombination aus neuem und recyceltem Filmmaterial aus dem Rest der Serie, während ein anderer im Wesentlichen ein Blick hinter die Kulissen wirft – ist die Serie für Gore-Hounds zu einer Art heiligen Gral geworden. Und Guinea Pig ist auch heute noch so umstritten wie damals, auch wenn einige der populären Legenden nicht ganz korrekt sind.

Die Geschichte von Charlie Sheen, der dummerweise einen der Filme mit einem echten Snuff-Film verwechselte und die Behören verständigte, ist mindestens zweifelhaft. Gesichert hingegen ist, dass Mangaka und Regisseur des zweiten Films Hideshi Hino mit der japanischen Polizei in Kontakt kam, da es dort ebenfalls besorgte Menschen gab, die die Filme für echt hielten. Obwohl die Polizei Hino nicht weiter verfolgte, tauchte die Kontroverse erneut auf, als die Presse behauptete, der Serienmörder Tsutomu Miyazaki besäße eine Kopie von Flowers of Flesh and Blood. Auch diese Geschichte stimmte nicht, aber die Bekanntheit von Guinea Pig war damit gesichert.

Der erste Teil der Reihe, The Devil’s Experiment (1985), ist vielleicht der härteste. Zugegeben, ich persönlich habe ihn nur einmal gesehen und die ungefähr handlungslosen 45 Minuten sind zwar unangenehm anzusehen, aber werden durch die ständigen Wiederholungen auch schnell langweilig. Trotz der Behauptung, der Film sei ein Snuff-Film oder erinnere zumindest an einen, schafft Regisseur Satoru Ogura kein realistisches Filmerlebnis. Dafür wirkt der Film einfach viel zu künstlich.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Hideshi Hinos Flowers of Flesh and Blood und konzentriert sich vor allem auf die Ermordung einer jungen Frau, die vorher von einem Mann mit Samurai-Helm und einer Lederschürze gefoltert und anschließend zerstückelt wird. Die Effekte und allgemein der Produktionswert sind sicherlich höher als bei seinem Vorgänger, aber auch Flowers of Flesh and Blood krankt am Tempo. Obwohl ich den Film zuerst in billiger Qualität auf einem alten Laptop gesehen habe, passt dieser unscharfe Zustand sehr gut zur Atmosphäre des Films.

In den nachfolgenden Beiträgen zur Reihe gibt es dann auch (absichtlich) eine deutliche Abkehr vom bisherigen handlungsarmen Weg und es werden surreale, fantastische Themen gewählt. Der dritte Teil, He Never Dies (1986), fügt dann auch eine ordentliche Portion skurrilen Humor dazu, den man auch in Splatter-Filmen der 2000er-Jahre wiederfindet und ist dadurch wesentlich einfacher anzusehen als seine nihilistischen Vorgänger. Es ist auch die erste Folge der Filmserie, die als „echter“ Film fungiert, komplett mit etablierten Charakteren und einer sich entwickelnden Handlung. Nicht alle diese Elemente sind völlig zufriedenstellend – die Charaktere sind kaum zweidimensional und die Geschichte ist praktisch eine Albernheit, der sich über fünfzig Minuten erstreckt – aber sie sind eine Verbesserung gegenüber den isolierten Szenen der Brutalität, die The Devil’s Experiment und Flowers of Flesh charakterisierten.

Für Mermaid in a Manhole (1988) kehrt Hideshi Hino abermals als Regisseur zurück, dessen Film mehr mit seinem Manga gemeinsam hat als noch Flowers of Flesh and Blood. Übrigens wird der Film immer als vierter Teil angeführt, allerdings handelt es sich tatsächlich um den sechsten. Hinos Beitrag ist eine klassische Liebesgeschichte – Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen, dass sich allmählich in seine Einzelteile auflöst. Unnötig zu sagen, dass es sich bei dem Mädchen um die titelgebende Meerjungfrau handelt, deren Schönheit allmählich im Verfall endet. Hier steht auch weniger Folter und Brutalität im Vordergrund, sondern vielmehr eklige Spezialeffekte, die aber durchaus sehenswert sind. Auf jeden Fall ist Mermaid in a Manhole meine persönliche Lieblingsfolge.

Lieder ist dagegen Kazuhito Kuramotos Android of Notre Dame (1988) weniger erwähnenswert. Like Frankenstein ist der Film die Geschichte eines Wissenschaftlers, der nach einem Heilmittel für seine kranke Schwester forscht. Natürlich gerät alles furchtbar außer Kontrolle. Genauso wie Devil Woman Doctor (1990) ist der Film eigentlich nur was für Komplettist*innen der Reihe. Hajime Tabes Film ist dann auch der am wenigsten ernsthafte von allen, praktisch eine Kombination aus peinlichen Overacting und übertriebenen Splatter-Szenen. Interessant für einige Genrefans sind vielleicht die Gastauftritte einiger, mittlerweile etablierten Schauspieler*innen wie beispielsweise Tomorowo Taguchi (Tetsuo: The Iron Man), Mio Takaki (Wizard of Darkness) und Naoto Takenaka (Tokyo Fist).

Und nun?

Die Kontroversen um Guinea Pig und der Niedergang der Pink-Films-Industrie in den 1990er-Jahren brachten den japanischen Splatter-Film in eine schwierige Lage, da sich viele Regisseure dafür entschieden, sich auf kommerziell rentablere und weniger umstrittene Bereiche zu konzentrieren. Der schwindende Erfolg des Pink-Kinos hatte jedoch den überraschenden Nebeneffekt, der Filmschaffenden viel mehr kreative Freiheit ließ, als sie sonst vielleicht gehabt hätten. Obwohl die Tage der blutgetränkten nihilistischen Brutalität der Guinea-Pig-Reihe vorbei zu sein scheinen, ist der japanische Splatter noch lange nicht tot und erlebt insbesondere seit den 2000er-Jahren, angefangen mit Battle Royale (2000), Ichi the Killer (2001) und Versus (2000), ein Revival.

 

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