Der Fluch des Wendigo – Monströse Mythographien

Der Fluch des Wendigo

„Diese Nacht war besonders finster, finsterer als die dunkle Seite des Mondes, finsterer als der Tod. Die Kälte erschien bitter und bedrohlich, angefüllt mit einer Boshaftigkeit, die weit über die harsche Realität der Natur hinausging. ‚Der Hauch des Wendigo,‘.“ (G.C. Diezel & G. Linzner: „Spawn of the North“)

Die unheilvolle Präsenz, welche die bedauernswerte Familie Creed in Stephen Kings Bestseller „Friedhof der Kuscheltiere“ (1983) heimsucht, wird vom alten Jud als Wendigo identifiziert – zumindest sei sie unter diesem Namen bei den Ureinwohnern bekannt und gefürchtet. In Mary Lamberts Verfilmung von 1989 taucht der Wendigo nicht auf, die Bedrohung hinter den Kulissen bleibt namen- und gesichtslos. Ganz anders in Kevin Kölschs und Dennis Widmyers aktueller Neuverfilmung: Hier verweist Jud auf die Illustration eines Geschichtswerkes, in dem der Wendigo als gehörntes, satyrhaftes Mischwesen erscheint. Und auch in der schwelenden Atmosphäre der Kleinstadt Ludlow scheint er ständig präsent, wenn die Kamera über die trügerische Stille der Wälder fliegt, der schneidende Wind durch die Baumwipfel braust oder Louis einem riesenhaften Schemen im Dickicht zu begegnen glaubt.

Pet Sematary - Wendigo

Zeichnung des Wendigo in Friedhof der Kuscheltiere (2019), © Paramount Pictures

King greift bei seinem Antagonisten auf eine Figur zurück, die 1983 durchaus kein Unbekannter mehr in der Horrorliteratur war. Schon 1910 widmete Algernon Blackwood ihr seine Kurzgeschichte „The Wendigo“, in der ein Jagdausflug in die kanadischen Wälder für den Schotten Dr. Cathcart und seinen jungen Neffen zum Albtraum wird. Défago, ihr frankokanadischer Führer, verfällt scheinbar dem Wahnsinn, verschwindet nächtens in der Wildnis und kehrt mit deformiertem Gesicht und verstümmelten Füßen zurück. Die Gruppe ist sich sicher: Défago ist nicht mehr er selbst. Doch nur der alte Indianer Punk hat eine Ahnung ob dessen Verhängnis: Er ist in der abgelegenen Ödnis dem Wendigo begegnet. Cathcart, nicht bereit an den Spuk zu glauben, hält diesen für eine Schimäre: „der Wendigo ist einfach der personifizierte Ruf der Wildnis“. Er entspringe der gleichermaßen faszinierenden wie erschreckenden Wirkmacht, welche die Einsamkeit der unberührten Natur auf sensiblere Menschen – wie Défago und die abergläubischen Indianer – ausübe.

Der Windgeist wird von Blackwood folgendermaßen charakterisiert: Er schleicht nachts umher, unförmige, runde Fußspuren und einen beißenden Geruch hinterlassend. Seine Stimme klingt im Sturm und er bewegt sich so schnell, dass seine Füße durch die Reibung verbrennen und nachwachsen müssen – ein Merkmal, welches bei der Jagdgesellschaft angesichts der Verletzungen Défagos nacktes Grauen auslöst. Vor allem anderen aber ist es die Abgeschiedenheit, mit der der Wendigo immer wieder assoziiert wird: Ob Kings verwunschener Mi’kmaq-Friedhof tief in den Sümpfen Maines, die eingeschneiten Nebelwälder und Seenplatten bei Blackwood oder die Einsamkeit der winterlichen Sierra Nevada in Antonia Birds Ravenous – Friss oder Stirb, in der Regel kreist die Motivik des Wendigo um Konflikte, die weitab der menschlichen Zivilisation ihren Anfang nehmen. Ethnographisches Material – wie „Indianerlegenden“ – inspirieren seit jeher zur künstlerischen Bearbeitung und die Figur des Wendigo ist keine Ausnahme.

Ravenous - Wendigo

Darstellung des Wendigo in Ravenous – Friss oder Stirb, © 20th Century Fox

Wenn die Literatur auch den Wendigo vielfach recht sorglos mit anderen Ethnien, wie etwa den Mi’kmaqs im Falle Kings, in Verbindung bringt, entstammt er eigentlich den Geschichten der Algonkin Kanadas. Name, Erscheinungsform und sonstige Attribute können je nach Variante beträchtlich variieren: Mal wird er als riesengroß, mal als menschlich proportioniert beschrieben, auch das Verhältnis von tierischen und menschlichen Merkmalen variiert – stets jedoch ist er ein Menschenfresser. Ihm zu begegnen birgt jedoch nicht nur die Gefahr, gehetzt und getötet zu werden, sondern die Algonkin fürchteten vor allem die Verwandlung, welche der Kontakt mit dem Wendigo im Menschen auslöst. Gleich dem armen Défago Blackwoods erleiden jene, die seinem Einfluss unterliegen, physische und/oder psychische Veränderungen – körperliche Deformation, rasender Wahnsinn und ein unstillbarer Hunger auf Menschenfleisch. Die Angst, das Gegenüber könnte insgeheim zum Wendigo geworden sein oder dessen Fluch unterliegen, führte im achtzehnten Jahrhundert in manchen Gemeinden zu einer Atmosphäre allgegenwärtiger Paranoia und resultierte in zahlreichen Fällen von Selbstjustiz.

Im Zentrum des Wendigo-Glaubens stehen häufig Aspekte der sozialen Isolation sowie der Lebensbedrohung durch Kälte und/oder Hunger – ständige Gefahren für die Angehörigen der nordamerikanischen Ureinwohner. Kannibalismus, obwohl verabscheut und tabuisiert, war in Extremsituationen oft genug der einzige Weg, das eigene Überleben sicherzustellen – und die Zeiten der Not wurden mit zunehmender Kolonialisierung, Kriegen und Vertreibungen heftiger und häufiger. Extreme Lebensbedingungen, harte Zeiten und Ausnahmesituationen sind die Domäne des Wendigo; und die Erzählungen der Algonkin fungieren vor allem als mahnende Warnung davor, Normen zu missachten, seinen Stamm zu hintergehen oder alleine ins Unbekannte aufzubrechen. Sein Fluch sucht jene heim, welche dem Schutz der Gemeinschaft entweder räumlich oder weltanschaulich, durch Fehlverhalten und Tabubruch, den Rücken kehren. Bei Blackwood ist es erst die Aufteilung der Gruppe, welche den armen Défago ins Verhängnis führt, und in Kölschs und Widmeyers Friedhof der Kuscheltiere steht Louis Entscheidung, moralische wie natürliche Tabus zugunsten einer Macht, die er nicht versteht, zu brechen, am Anfang der Familientragödie. Der Fluch des Wendigo ist der personifizierte Ausnahmezustand. Er bricht, begleitet von Sturm und Not, in das geordnete Leben der Gemeinschaften ein, zerschlägt soziale Einheit und familiäre Bande – und konfrontiert die Menschen mit der rauen, gnadenlosen Seite der Existenz.

Alexander

Horrorfilme… sind die audiovisuelle Adaption des gesellschaftlich Abgestoßenen, Verdrängten und/oder Unerwünschten, das in der einen oder anderen Gestalt immer wieder einen Weg zurückfindet.
Alexander

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