Jack Ketchums „Psychotic“ – Review

Old Flames

In seinem posthum im Festa Verlag erschienen Roman Psychotic begibt sich Horror-Kultautor Jack Ketchum in gewohnt düstere Gefilde und schildert den Rachefeldzug einer verschmähten Frau. Eine literarische Tour de Force, ebenso unterhaltsam wie erschreckend.

Originaltitel:
Autor:
Übersetzung:
Umfang:
VÖ:

Old Flames
Jack Ketchum
Klaus Schmitz
192 Seiten
21.02.2020 im Festa Verlag

Inhalt

In ihrem Leben hat Dora viele Männer kennengelernt und ebenso viele schlechte Erfahrungen gemacht. Anders war es nur bei ihrer Jugendliebe Jim – bis er sie im Stich ließ. Jahre später, nach einer weiteren Enttäuschung, beauftragt Dora aus einer Laune heraus einen Privatdetektiv mit der Suche nach Jim. Der ist inzwischen allerdings glücklich verheiratet und lebt gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern den Traum vom perfekten Familienglück. Als Dora vermeintlich zufällig den Weg ihres ehemaligen Freundes kreuzt, lädt dieser sie arglos zum gemeinsamen Abendessen mit seiner Familie ein. Niemand von den Vieren ahnt, welche dunklen Absichten Dora verfolgt – und was ihnen noch bevorsteht.

Jack Ketchum bei einer Autogrammstunde (2009)

Kritik

„Hat die Frau, mit der ihr zusammenlebt, euch schon einmal gefragt, ob ihr bereit wärt, ihren Ex-Freund umzubringen? Und ihr wusstet, dass sie es halb ernst meint?“ Den amerikanischen Meister des Horrors, Jack Ketchum (The Woman), brachte diese Frage einer ehemaligen Lebensgefährtin nicht nur dazu, seine Partnerwahl noch einmal zu überdenken, sondern inspirierte auch einen seiner letzten Romane. Im Original unter dem vielsagenden Titel Old Flames erschienen, bricht die deutsche Übersetzung es auf das Wesentliche herunter: Psychotic.

Auch Ketchum hält sich nicht lange auf; keine langwierige Exposition, keine umständlichen Erklärungen – stattdessen tauchen wir direkt ins Geschehen ein. Die Hauptfigur, Dora, wurde gerade von ihrem Freund Owen verlassen – per Notiz. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Mann sie derart schlecht behandelt, doch Dora hat gelernt sich zu behaupten. Anstatt vor Kummer zu vergehen, legt sie erst sein Appartement in Schutt und Asche, bevor sie Owen in dessen Büro eine filmreife Szene macht. Die Wahl ihrer Mittel mag diskutabel sein, dennoch erweckt Owen keineswegs den Eindruck, er habe ihre Rache nicht verdient. Im Verlauf der Handlung wird stattdessen eines immer klarer: Eine vorbildliche Heldin ist Dora zwar nicht, doch auch die Männer um sie herum sind keineswegs Ritter in strahlender Rüstung.

Dora ist intelligent, erfolgreich und attraktiv; eine taffe Frau, die sich in jeder Situation behaupten kann. Als Identifikationsfigur taugt sie allerdings nur solange, bis ihre psychotische Ader sich wieder einmal zeigt. Was anfangs noch wie die übellaunige Reaktion einer verschmähten Frau wirkt, und auf Verständnis trifft, macht dem Titel des Romans bald alle Ehre. Diese Ambivalenz macht auch den Reiz der Figur aus, unter deren kühl-distanzierter Oberfläche ein Feuer brodelt, das sie selbst und alle anderen zu verschlingen droht. Bei ihren impulsiven Ausbrüchen kommt es schon mal zu gebrochenen Gliedmaßen, während sie in einem anderen Moment – abgeschottet von den Augen Anderer – unerwartet ihre Verletzlichkeit zeigt.

Old Flames

Uns erwartet indes kein psychoanalytischer Abstieg in die Kindheit der Protagonistin; es wird nicht jede einzelne Demütigung aus ihrer Vergangenheit, nicht jede schlechte Erfahrung, die sie gemacht hat, nochmals hervorgeholt. Ganz ohne Schnörkel zeigt Ketchum stattdessen das Produkt all dieser Schmerzen – und das ist beileibe erschreckend genug. „Dir ist gar nicht klar, was dir zustoßen kann. Wenn du sie [die Männer] lässt. Wenn du immer nur gibst und gibst und darauf wartest, dass etwas zurückkommt. Und es kommt nie etwas zurück.“ Es sind solche Augenblicke der Reflexion, die die verletzte Frau in Doras Innerem erkennen lassen, die sich nur eines wünscht: geliebt zu werden. Ketchum spielt mit diesen kleinen Brüchen und erregt auf diese Weise immer wieder Sympathie für seine Hauptfigur, zumindest bis zu ihrer nächsten Wahnsinnstat.

Das unbehagliche Gefühl, das sich beim Lesen unweigerlich einstellt, erzeugt Ketchum aber wider Erwarten nicht mit blutigen Details oder überbordenden Gewaltexzessen. Als kühler Beobachter verliert er sich nicht in reißerischen Schilderungen, sondern setzt auf wohldosierte Spitzen, die gerade darum ihren Effekt nie verfehlen und in einem rasenden Finale ihren Höhepunkt finden. Schuldgefühle sind eine Qual, die Dora nahezu unbekannt ist, und entsprechend nüchtern gerät das Ende ihres Abenteuers. Aus ihrer Sicht ist ihr Handeln logisch und konsequent, wiewohl es die Leser*innen ob der ebenso unerwarteten wie bitterbösen Wendung eiskalt erwischen dürfte. Ketchum muss keine Blutbäder veranstalten, um für Gänsehaut zu sorgen.

FazitOld Flames

In seinem posthum erschienenen Roman Psychotic widmet sich Jack Ketchum wieder einmal seinem Lieblingsthema und nimmt uns mit auf eine ebenso fesselnde wie kurzweilige Reise durch die menschlichen Abgründe. Die Hauptfigur weckt ambivalente Empfindungen, die von Verständnis bis hin zu Entsetzen reichen, und obwohl – oder gerade: weil – die Katastrophe unvermeidlich ist, fiebert man bis zuletzt atemlos mit.

Psychotic ist gradliniger Horror, der mit einigen fiesen Spitzen aufwartet und wieder einmal zeigt, dass Ketchum genau wusste, wie man seine Leser*innen verstört.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 5 von 5
Härte Rating: 3 von 5
Unterhaltung Rating: 5 von 5
Anspruch Rating: 2 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Psychotic © Festa Verlag

Catherin

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