Martyrs (2015) – Review

Martyrs

oder: wie man ein Remake am besten nicht macht.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

Martyrs
USA
86 min
Kevin und Michael Goetz
Mark L. Smith

Inhalt

Wer sich auch immer dieses Remake des legendären französischen Originals von 2008 anschaut, wird die Story vermutlich schon kennen. Für alle anderen will ich nicht zu viel verraten.

Im Grunde geht es um ein Mädchen namens Lucie, welches von einer Gruppe über eine längere Zeit misshandelt wurde, aber schlussendlich entkommt. Sie wächst daraufhin in einem kirchlichen Waisenhaus auf, wo es ausschließlich dem Mädchen Anna gelingt zu ihr durchzudringen.

Jahre später glaubt Lucie ihre Peiniger wieder gefunden zu haben und will blutige Rache nehmen.

 

Kritik

Das obige Zitat ist aus einem Gespräch zwischen Lucie und Anna und das Remake nimmt sich dieses Prinzip sehr zu herzen, denn überall wo das Original hin will, will auch das Remake hin. Es fällt dementsprechend schwer diese beiden Filme voneinander zu trennen, weshalb ich es erst gar nicht versuchen werde.

Insbesondere die erste Stunde der beiden Filme ist ziemlich ident. Teilweise werden Einstellungen sogar 1:1 übernommen. Hier merkt man dann leider auch schnell wie unfassbar gut das Original inszeniert ist, dem das Remake nur hinterherhecheln kann. Allein schon die ersten Szenen wie Lucie entkommt und die Geschichte im Original über eine TV-Sendung nacherzählt wird, ist phantastisch und schafft es viel an Vorgeschichte und Emotionen rein über Bilder zu erzählen.
Das Remake ist ab der ersten Szene schon wesentlich glatt polierter, sauberer und anstatt unsauberen Doku-Bildern sehen wir in Hochglanz wie eine Spezialeinheit der Polizei eine Fabrikhalle stürmt.

Auch die tiefe, melancholische und abhängige Beziehung zwischen den zwei Protagonistinnen im französischen Original muss einer banalen Annäherung weichen, die in obigem Zitat als Höhepunkt mündet. Die absolute Verlorenheit beider Charaktere, die sich nur noch gegenseitig halt geben können, ist im Remake zu keiner Zeit spürbar.

Auch wenn zu Beginn vieles kopiert wird, so gibt es doch einige Änderungen, die mich kopfschüttelnd zurück ließen. Streitet sich die Familie von 2008 darüber, dass der Sohn die teure Privatschule hinschmeißt, geht es 2015 um den Schwarm und das unaufgeräumte Zimmer. Ist es 2008 die Mutter, die sich handwerklich im Garten betätigt, so wird 2015 diese Rolle wieder umgedreht und der Vater ist der Handwerker, während die Mutter sich um das Frühstück kümmert. Wenn man ansonsten schon an den Hacken des Originals klebt, wieso werden gerade solche Dinge verändert? Wer soll damit angesprochen werden? Was soll damit erklärt werden? Es bleibt ein Rätsel – wie so vieles.

Martyrs Jampanoi & Alaoui

Jampanoi & Alaoui (Bild: M. Turner, CCBY-SA 2.0)

Wenn das Tempo zulegt, ist die virtuose Inszenierung des Originals ohnehin kaum zu toppen, aber wie stümperhaft hier Kevin und Michael Goetz vorgehen ist erschreckend. Die vorher unzureichend eingeführten Charaktere werden durch Troian Bellisario (Pretty Little Liars) und Bailey Noble (True Blood) auch nicht sonderlich mit Leben gefüllt.

Insbesondere was Noble hier abliefert hat mehr mit Schlafwandeln als mit Schauspielerei zu tun. Mit den herausragenden Perfomances von Morjana Alaoui und Mylène JampanoÏ auf jeden Fall nicht ansatzweise vergleichbar.

Gegen Ende dieser Phase kommt es dann auch zu größeren Abweichungen, wobei die für mich härteste Szene der französischen Version komplett gestrichen wurde. Mehr will ich jetzt aber auch nicht auf die inhaltlichen Änderungen eingehen, soll ja schließlich möglichst spoilerfrei bleiben. Eines aber noch vorweg: die Änderungen sind sowas von abgrundtief dämlich und strunzdumm, wie ich es selten erlebt habe – es kommt doch selten vor, dass ich ein etwas einseitiges Streitgespräch mit meinem Fernseher über die Idiotie des Gezeigten beginne.

Die besagte Szene angesprochen muss auch gesagt werden, dass das Remake um Welten handzahmer daherkommt. Die dreckige, ausweglose Brutalität ist komplett verschwunden. Im Original waren diese Brutalität und die Folter zudem nie sexualisiert, was ich als großen Pluspunkt empfand, da sich solche Filme oft exploitativ in ihren Sex-Gewalt-Phantasien weiden, was ich nicht wirklich brauche. Hier war nackte Haut nie selbstzweckhaft zu sehen, sondern immer nur, wenn es der Erzählung diente.
Nein, das Remake geht jetzt nicht plötzlich in diese Richtung, sondern streicht von dem entsexualisierten Original noch jegliche nackte Haut raus. Die Prüderie dieses Filmes ist schlichtweg sagenhaft.

Spoiler
Die gefangenen Frauen kriegen eine züchtige Kartoffelsackkleidung verpasst und selbst Menschen die gehäutet werden, dürfen ihren Slip anbehalten.

Auf weitere Detail-Punkte werde ich verzichten, da sich diese zu sehr auf die Story beziehen, nur eines noch

Spoiler
Das Ende wird zwar komplett auf den Kopf gestellt, um uns dann aber dieselbe fade Pointe des Originals noch einmal aufzutischen. Allerdings so peinlich, dass mir zumindest ein Schmunzler entlockt werden konnte.

Als das Remake für Martyrs angekündigt wurde, war das Raunen wie üblich groß. Wie kann man nur? Remakes sind sowieso grundsätzlich scheiße. Das kann ja nichts werden. Fällt denen nichts mehr ein… und was da sonst so immer aus dem Jammertal kommt.
Im Gegensatz dazu mag ich Remakes sehr und freue mich immer eine Geschichte aus einer anderen Perspektive, mit einem anderen Fokus präsentiert zu bekommen. Da ich auch nicht der größte Fan des Originals bin, war ich sehr gespannt, ob der Geschichte neue Facetten abgewonnen werden können.

Tja, was soll ich sagen? Ich hatte Hoffnung, aber sie hatten Recht. Dieses Remake ist so grottenschlecht, dass es weh tut. Ich kann nur empfehlen einen weiten Bogen um diesen Unsinn zu machen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt… aber sie stirbt.

 

Bewertung

SpannungRating: 1 von 5
AtmosphäreRating: 0 von 5
SplatterRating: 1 von 5
EkelRating: 1 von 5
Storyrating0_5

Bildquelle: Martyrs © Anchor Bay Entertainment

Florian Halbeisen
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