Das Artefakt (2019) – Hörspielreview

Mit Das Artefakt legt der Kleinverlag Yellow King Productions ein Horrorhörspiel vor, das Lovecraftschen Horror mit oberpfälzischem Lokalkolorit und detailliertem historischen Kontext anreichert. Ob das funktionieren kann? Wir haben Das Artefakt für euch genauer untersucht.

Sprache:
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Laufzeit:
Regie:
Buch:
Sprecher:
VÖ:

Deutsch
Yellow King Productions
88 Minuten
Mario Weiss
Jörg Fischer
Werner Wilkening, Gregor Schweitzer u.a.
Seit 05.04.2019 bei Audible, als limitierte Doppel-CD u.a.

Inhalt

Oberpfalz, 1977: Bei Restaurationsarbeiten werden im Archiv der Stadt Amberg handschriftliche Dokumente Anton Dollackers, eines lokal bekannten Heimatkundlers, gefunden – sorgsam versteckt in einem Bucheinband. Anton, der im Winter 1914 an der archäologischen Ausgrabung eines vorchristlichen Hügelgrabes beteiligt war, legt darin eine Alternative zum offiziellen Grabungsbericht vor. Was er und seine Männer tatsächlich unter der Herrnstraße mitten in Amberg gefunden hätten sei zu fürchterlich gewesen, um es der Öffentlichkeit preiszugeben. Anton und sein Bruder Josef, so kündet die Handschrift, gerieten Stück für Stück ins Zentrum einer unerhörten Verschwörung, die nicht nur ihr Fortleben ganz und gar veränderte, sondern auch die Stadtgeschichte Ambergs in ein völlig neues, erschreckendes Licht rückte…

(c) Yellow King Productions

Kritik

Das Artefakt stellt für seine Produzierenden wohl eine Art „Heimspiel“ dar: Nicht nur stammt die Hörspielschmiede Yellow King Productions selbst aus der Oberpfalz, Autor Jörg Fischer ist auch noch Mitarbeiter des Stadtarchivs Amberg – ebenjener Institution, mit der im Hörspiel auch die Dollackers zu tun haben. Und diese tiefe Verwurzelung in Lokalkolorit und heimatkundlicher Betätigung merkt man Das Artefakt absolut an: Bildlicher könnten die Beschreibungen, die Anton über das nebelverhangene, winterliche Amberg des ersten Weltkrieges abgibt kaum ausfallen. Historischer Kontext, real existierende Orte und sogar Personen stehen im Hörspiel auffällig im Vordergrund. Mal dokumentarisch anmutend, mal überaus detailverliebt erweckt Fischer Zeit und Ort seiner Erzählung so zum Leben.

Josef Dollackers Haus steht im Hörspiel direkt an der historischen Stadtmauer Ambergs. (c) RobRoskopp, CC BY-SA 3.0

Die Inszenierung fällt quantitativ sparsam aus. Beunruhigende, elektronische Klänge untermalen einige Szenenwechsel, Soundeffekte oder umfangreichere Musik werden jedoch nicht geboten. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine völlig andere Art von Horrorhörspiel als etwa jene der flapsig-fulminanten Gruselserie von EUROPA. Das Artefakt, bestehend aus verschiedenen Berichten über und Perspektiven auf die zentralen Geschehnisse, erinnert viel mehr an die schauerlichen Erzählungen H.P. Lovecrafts. Wie auch in vielen Werken des Großmeisters aus Providence, liegt der Horror hier in den zahlreichen, undurchsichtigen Andeutungen, die dem Zuhörer die Präsenz eines lauernden Grauens vermitteln ohne dass dieses klar zu greifen oder verstehen wäre. In die Tradition Lovecrafts stellt sich Das Artefakt außerdem ganz konkret, denn eines der blasphemischen Grimoires, das Anton zu seinem Entsetzen in der Bibliothek Josefs entdeckt, ist Fans des Autors bereits wohlbekannt.

Die Herrnstraße. Unter ihr schlummert im Hörspiel das unheilvolle Artefakt. (c) Tilman2007, CC BY-SA 4.0

Vor diesem Hintergrund erfreut die Besetzung Gregor Schweitzers umso mehr, der mit seinem erfolgreichen Youtube-Kanal GM Factory bereits diverse Geschichten Lovecrafts auf beeindruckendem Niveau vertonte. Hörspielfreunde, die bereits in diese akustische Welt kosmischen Grauens, die neben Lovecraft auch Erzählungen etwa Robert E. Howards oder Clark Ashton Smiths umfasst, eingetaucht sind, werden sich im Artefakt direkt zu Hause fühlen. Auch die Leistung Werner Wilkenings (Die Drei ???, TKKG uvm.) ist hervorzuheben, der dem gealterten Anton Dollacker seine knarzige, volle Stimme leiht und damit absolut überzeugt.

Den Clou der Produktion stellt wohl die mehrperspektivische Erzählweise dar. Die Geschehnisse des Novembers 1914 werden nämlich parallel vom sterbenden Anton retrospektiv, als auch von seinem damaligen Selbst aus der Gegenwartsperspektive geschildert. Alter und jüngerer Anton wechseln sich dabei ab, die erschreckenden Vorkommnisse rund um die Grabungen in der Herrnstraße zu erzählen, zu kommentieren und für sich selbst zu verarbeiten. Und dieser Clou funktioniert ausgezeichnet: Wo dem jungen Anton ob der Unbegreiflichkeit des Grauens, mit dem er sich konfrontiert sieht, die Worte fehlen, rekonstruiert der alte Anton aus seiner Erinnerung. Die Perspektive des jungen Anton hingegen ergänzt den distanzierten Bericht seines gealterten Selbst durch lebendige Illustration.

„Das ist nicht tot, was ewig liegt…“ Die physische Version von Das Artefakt kommt als limitierte, handgestaltete und -beschriftete Doppel-DC.

Wirklich viel passiert in Das Artefakt freilich nicht. Action und Gewalt sucht man in den nebeligen Gassen Ambergs vergeblich, rein inhaltlich ließe sich die gebotene Handlung in wenigen Sätzen erzählen. Auch entlädt sich düstere Vorahnung, welche den Zuhörer mehr und mehr in Beschlag nimmt, keinesfalls in einem feurigen Finale – eine vollständige Auflösung der Geheimnisse bleibt aus. Sie ist jedoch auch gar nicht notwendig. Denn es ist nicht nur das verfluchte Artefakt aus dem Hügelgrab, welches die beiden Inkarnationen Antons heimsucht – es ist das Spiel von Erinnerung und Verdrängung, der verzwickte Lauf der Geschichte selbst. Über seinen Plot hinaus stellt Das Artefakt eine anspruchsvolle Reflexion über die Verstrickungen von Zeitlichkeit und Kausalität dar, in deren fragmentarischem Schichtwerk der arme Anton beinahe zu zerbrechen droht. Traum und Realität, Lüge und Wahrheit verschwimmen für ihn – und für den Zuhörer – in einem gespenstischen Mahlstrom, der kein Entkommen zulässt. Denn, wie Anton selbst bemerkt: „Die Vergangenheit zu bannen ist unmöglich, erst recht dann, wenn man sich ihrer nicht mehr sicher sein kann.“

 

Bewertung

GrauenRating: 4 von 5
SpannungRating: 3 von 5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 5 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Seit 05.04.2019 im Handel:

 

Alexander

Horrorfilme… sind die audiovisuelle Adaption des gesellschaftlich Abgestoßenen, Verdrängten und/oder Unerwünschten, das in der einen oder anderen Gestalt immer wieder einen Weg zurückfindet.
Alexander

ein Kommentar

  • Werner Wilkening
    Avatar

    Ja, lieber Alexander

    – das trifft den Nagel auf den Kopf! Schöne Rezension, die wohl genau das umschreibt, was mit dieser Produktion gemeint ist: der Horror liegt gleich nebenan – oder in den Bildern, die langsam im Kopf verblassen.

    Dollacker (alt), das war eine Rolle der ganz besonderen Art für mich und gehört auf jeden Fall zu den besseren Stücken – wenn nicht zum besten, was ich bisher gesprochen habe. Also: 1000 Dank und …

    Nur #Werner Wilkening – könntest Du den auch noch taggen? 🙂

    LG wer.n wilke

...und was meinst du?