Jack Ketchum: „Übler Abschaum“ – Review

Weed Species

True-Crime-Erzählungen besitzen einen ganz eigenen Schrecken – und zugleich eine eigentümliche Faszination. In „Übler Abschaum“ macht sich Jack Ketchum, seinerseits ein Connaisseur des Abgründigen, diese Anziehungskraft zunutze und nimmt seine Leser*innen mit in den verdrehten Geist von Sherry, deren reales Vorbild Karla Homolka zu den berüchtigtsten Serienmörderinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Im Festa Verlag erscheint Ketchums beängstigend reale Kurzgeschichte jetzt als deutsche Erstausgabe.

Originaltitel:Weed Species
Autor:Jack Ketchum
Übersetzung:Klaus Schmitz
Umfang:96 Seiten
Auflage:Deutsche Erstausgabe
Verlag:Festa
VÖ:19.08.2020

Hintergrund & Inhalt

Die beiden blonden, jungen Leute lächeln verliebt in die Kamera, schmiegen sich eng aneinander und sehen dabei aus, wie die attraktiven Protagonisten einer Highschool-Romanze. Doch der Schein trügt. Das Foto zeigt Paul Bernardo und seine Ehefrau Karla Homolka, die in den 1990er Jahren bekannt wurden als „Ken and Barbie of Murder and Mayhem“. Mit der Vergewaltigung und Ermordung mehrerer junger Mädchen, darunter Karla Homolkas minderjähriger Schwester, sorgte das kanadische Serienmörder-Paar für weltweites Entsetzen. Ihre Taten hielten sie auf Videobändern fest.

Der Kriminalfall klingt selbst schon wie eine Schauergeschichte, die Ketchum aus der Perspektive der Täterin rekapituliert. Sherry, wie die Protagonistin in „Übler Abschaum“ heißt, und ihr Freund Owen stehen kurz vor der Hochzeit, als sie ihrem Liebsten ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk macht: die Jungfräulichkeit ihrer 13-jährigen Schwester Talia. Den gemeinschaftlichen Missbrauch nehmen sie auf Video auf, ebenso den Tod des mit Drogen ruhig gestellten Mädchens, das sich während der Vergewaltigung erbricht und kurz darauf an ihrem Erbrochenen erstickt. Trauer und Schuld treiben die beiden jedoch nicht um, stattdessen suchen sie sich weitere Opfer, bis ihnen eines Tages die Polizei auf die Schliche kommt. Doch Sherrys Geschichte ist noch nicht zu Ende …

Kritik

Jack Ketchum

Ketchum bei einer Autogrammstunde

Die Romane und Kurzgeschichten von Jack Ketchum haben ihren ganz eigenen Stil, den man beinahe schon als Anachronismus von Inhalt und Form bezeichnen muss. Trotz seines tiefen Interesses für die individuellen und gesellschaftlichen Abgründe, seiner erstaunlichen Resistenz gegenüber moralischen und ethischen Bedenken und seines schnoddrigen Charmes schafft er es wie kaum ein anderer Autor, sich ungeachtet all des menschlichen Unrats, durch den er sich in seinen Geschichten gräbt, niemals in exploitativem Selbstzweck zu ergehen. Das soll nicht heißen, dass „Übler Abschaum“ ohne Blut, Sadismus und Perversionen auskäme, doch die Stärke von Ketchums Auseinandersetzung mit dem Abgründigen liegt nicht in der lustvollen Sezierung der Taten in all ihre grausigen Details, sondern in der nüchternen, geradezu beiläufigen Art und Weise, wie er über diesen kaum vorstellbaren Horror schreibt. Noch unbehaglicher wird es, wenn man sich bewusst macht, dass Ketchum sich großzügig aus den Polizeiakten bedient hat und die Dialoge im Buch zu weiten Teilen aus dem Mund des mörderischen Ehepaars selbst stammen.

Für den wahren Schrecken sorgen aber ohnehin nicht die blutigen Einzelheiten der Morde, sondern die emotionale Kälte von Sherry, die vor nichts zurückschreckt und sogar als treibende Kraft erscheint. Lust scheint sie dabei keine zu empfinden, auch dazu ist sie zu abgestumpft. Wie ihr reales Vorbild, handelt auch Sherry einen Deal mit Polizei und Staatsanwaltschaft aus, indem sie gegen ihren Mann aussagt und sich als ein weiteres seiner Opfer stilisiert. Als die Videobänder ans Tageslicht kommen und sie als willfährige Komplizin zeigen, ist es bereits zu spät. Hier liegt auch einer der stärksten Punkte der literarischen Adaption, denn eine Frau als bestialische Sexualstraftäterin schien den damaligen Anklägern unvorstellbar zu sein, während Ketchum das monströse weibliche Begehren dem männlichen an die Seite stellt – sexuelle Gleichberechtigung, auch bei den perversen Anomalien.

Weed Species

Blick ins Buch mit Illustrationen von Julia Gerlach

Mit knapp achtzig Seiten zählt „Übler Abschaum“ zu den kürzeren Ketchum-Veröffentlichungen. Die bündige Form kommt seinem schnörkellosen Erzählstil zwar entgegen, dennoch verliert die Handlung gerade im zweiten Teil – der die Geschichte von Sherry nach ihrer Entlassung weiterspinnt – ihren Fokus und driftet in mehrere Erzählstränge auseinander, die etwas fragmentarisch wirken. Auch die Charakterzeichnung leidet unter der gestauchten Seitenzahl, so dass das Buch insgesamt einen unabgeschlossenen Eindruck erweckt. Obwohl das pessimistische Menschenbild von Gossen-Philosoph Ketchum sich auch in „Übler Abschaum“ andeutet, bleibt kaum Zeit, die Dynamik zwischen den einzelnen Figuren näher zu beleuchten. Der Schrecken bleibt letztlich zu eindimensional.

Fazit

Der Fall von „Ken and Barbie of Murder and Mayhem“ scheint direkt aus der Hölle zu entstammen und wird von Jack Ketchum mit gekonntem Pinselstrich zu Papier gebracht. „Übler Abschaum“ punktet mit ungeschöntem Realismus, einer schrecklich faszinierenden Hintergrundgeschichte und einem fesselnden Schreibstil, reicht aber in seiner Kürze nicht einmal entfernt an die psychologische Wucht anderer Erzählungen wie „Psychotic“ oder „Evil“ heran.

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 4 von 5
Unterhaltung Rating: 1 von 5
Anspruch Rating: 1 von 5
GesamtwertungRating: 2 von 5

Seit 19.08.2020 im Handel:

Weed SpeciesWeed Species

Bildquelle: Übler Abschaum © Festa Verlag

Catherin

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