What Keeps You Alive (2018) – Review

What Keeps You Alive

Nach Grave Encounters und It Stains the Sands Red schickt uns Colin Minihan in eine abgelegene Jagdhütte im Wald. In What Keeps You Alive stellt er die Frage, ob die Gläser der rosaroten Brille vielleicht nur durch Blutspritzer gefärbt sein könnten.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

What Keeps You Alive
Kanada
98 Minuten
Colin Minihan
Colin Minihan
Hannah Emily Anderson, Brittany Allen u.a.

Im folgenden Abriss der Story gebe ich ungefähr den Inhalt des Trailers wieder, welcher allerdings schon Spoiler enthält. Solltet ihr bisher noch nichts über den Film gelesen und auch den Trailer noch nicht gesehen haben, empfehle ich es so zu belassen.

Jackie (Hannah Emily Anderson) und Jules (Brittany Allen) entfliehen zum Hochzeitsjubiläum der Hektik und dem Lärm der Stadt zur familieneigenen Hütte am See. Die abgedeckten Möbel werden entstaubt, der malerische Wald erkundet und den Abend verbringen sie gemütlich vor dem knisternden Kaminfeuer.  Die Idylle ist perfekt. Unerwartet taucht eine Nachbarin auf und spricht Jackie mit einem anderen Namen an. Jules stellt Jackie/Megan zur Rede und so erzählt diese von ihrer Kindheit und ihrer besten Freundin, die viel zu jung gestorben ist. Für Jules ist es eine Möglichkeit endlich mehr über ihre Frau zu erfahren, die sonst kaum etwas über die Zeit vor ihrem gemeinsamen Leben erzählt. Die kleinen Risse in der perfekten Fassade scheinen vergessen. Der nächste Morgen führt beide durch das weite Gelände zu einer Klippe. Die Aussicht ist atemberaubend. Plötzlich schreit Jackie und stößt Jules in den Abgrund. Doch wie durch ein Wunder hat Jules den Sturz überlebt. Der Beginn eines mörderischen Katz-und-Maus-Spiels…

Die Entwicklung dieser Story nahm eine ähnlich unerwartete Wendung wie das romantische Wochenende für Jules. Drehbuchautor und Regisseur Colin Minihan (It Stains the Sands Red) wurde von Berichten über serielle Beziehungsmörder inspiriert. Er stellte sich die Frage, was einen Menschen dazu treiben kann, die eigene Partnerin zu töten. Und nach ihr die nächste. Und immer wieder davon zu kommen, bis  bei einer allgemeinen Verkehrskontrolle außer einem kaputten Rücklicht noch auffällt, dass es rot aus dem Kofferraum tropft. Aber er war doch immer so ein freundlicher Nachbar. Wie gut kannst du einen Menschen kennen? Dies ist der Stoff für einen packenden Beziehungsthriller.

Die Darstellung von Brittany Allen (It Stains the Sands Red) und Hannah Emily Anderson (Jigsaw) überzeugt von der ersten Minute an. Immer wieder setzt Minihan Gestik und Mimik in Szene, spielt mit Nähe und Distanz, mit Raum und Zeitgefühl, webt scheinbare Nebensächlichkeiten ein, deren Bedeutung und Gewicht erst im Zusammenhang deutlich werden. Der Score – von Brittany Allen selbst komponiert – stützt sich auf eine Mischung aus emotional packenden Klavierkompositionen, die von schweren, verstörenden Synth-Klängen durchbrochen und damit aus ihren Sphären geholt werden. Das gibt dem Film etwas Echtes aber gleichzeitig auch Entrücktes. Im Zusammenspiel mit der schlichten, zurückhaltenden Szenerie meint man die Gedankengänge von Jules körperlich greifen zu können.

What Keeps You Alive

Äußerst angenehm fand ich die Normalisierung der Paarbeziehung der beiden Hauptcharaktere.

Spoiler
Die zwar nicht umhin kommt, den Trope zu erfüllen, dass „lesbische Figuren sterben“,  doch die Figuren sterben nicht, weil sie lesbisch sind. Es wäre eine interessante Fragestellung, ob das Klischee dadurch aufgebrochen wird, oder ob es lediglich Überschneidungen mit dem Klischee gibt, wenn allgemein nicht so viele Charaktere überleben und es sind halt auch Lesben dabei.

Minihan hatte laut einem Interview großen Respekt davor, wie es auf das Publikum wirken könnte, wenn ein heterosexueller Mann lesbische Rollen schreibt. Doch das Feedback war durchgängig positiv und auch ich schließe mich dem an, dass gerade die ehrlichen und ungekünstelten Dialoge den Charme von What Keeps You Alive ausmachen. Das zeugt von einem spezifischen Talent, sich in Personen hinein versetzen zu können, von dem ich allgemein gerne mehr sehen würde.

Wir haben also eine imposante Szenerie, mitreißende Darstellerinnen und die passende musikalische Untermalung. Was soll da noch schief gehen?

Unglücklicherweise schafft es Minihan tatsächlich, die mitfiebernden Zuschauer*innen innerhalb weniger Minuten vor den Kopf zu stoßen. Über so manche abstruse Darstellung medizinischer Themen könnte ich hinweg sehen, es ist schließlich keine Verfilmung von Gunther von Hagens  Körperwelten. Aber ich konnte es tatsächlich kaum mit ansehen, als nach einem mühsam inszenierten und auch gelungenen Katz-und-Maus-Spiel die scheinbare Katharsis aus fadenscheinigen Gründen erneut gebrochen wird. All die kleinen Ungereimtheiten und Fragezeichen der Handlung werden durch die letzten Minuten unnötig hervorgehoben und unschön betont.

What Keeps You Alive besticht durch sein malerisches Setting, den atmosphärischen Score und die grandiose Darstellung von Hannah E. Anderson und Brittany Allen. Selbst die schwächelnden letzten Minuten können die Begeisterung nicht trüben. Es bleibt die Hoffnung auf noch viele weitere Projekte von Minihan, Allen und Anderson.

 

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: What Keeps You Alive © TIberius Film

Heike

Heike

Horrorfilme… sind die Spannung und das Spiel mit menschlichen Abgründen, ein Spiegel der Gesellschaft, Zeugnis namentlicher Grauslichkeiten und Erkundung grauslicher Namenslosigkeiten. Mal tief und schwer und dann gern auch mal ein bisschen Zombie-Musical oder Blutbad dazwischen. Denn Horror und Lachflash schließen sich nicht zwingend aus.
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