The Gracefield Incident (2017) – Rant

The Gracefield Incident

Egal was ihr tut, schaut euch The Gracefield Incident nicht an. Wirklich nicht. Lasst es einfach sein. Ehrlich.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

The Gracefield Incident
Kanada, USA
89 Minuten
Mathieu Ratthe
Mathieu Ratthe

Das Kreuz mit Found Footage

Ich muss vorweg sagen, dass ich nicht der größte Found-Footage-Fan bin, das heißt Filme wie The Gracefield Incident haben bei mir schon einmal von Haus aus einen schweren Start. Was nicht am Genre an sich liegt. Die zwei Meilensteine des Genres Cannibal Holocaust und The Blair Witch Project liebe ich über alles und auch neueren Produktionen wie Rec, Cloverfield, Trollhunter oder zuletzt The Visit kann ich einiges abgewinnen. Die Krux an der Sache ist, dass Found-Footage ein schwieriges Stilmittel ist, welches nur wenige wirklich geschickt einsetzen können. Da hilft es natürlich wenig, dass jeder talentfreie Regisseur ohne Budget bevorzugt dazu greift ohne auch nur irgendwas von dem Genre zu verstehen.

Es ist daher schon einmal kein gutes Zeichen, dass Regisseur Mathieu Ratthe sich nach eigenen Aussagen nur aus Budgetgründen für Found-Footage entschied. Auch die Story macht leider nicht viel Hoffnung. Drei Paare in einer abgelegenen, wenn in diesem Fall auch luxuriösen, Hütte mitten im Wald und plötzlich bekommen es diese mit seltsamen Ereignissen zu tun, was sie natürlich fleißig mitfilmen, da ohnehin niemand etwas besseres zu tun hat…

Von Found-Footage zu Pornos

Interessanterweise überzeugt The Gracefield Incident schlussendlich dort am meisten, wo ich es am wenigsten erwartet hätte – bei der Umsetzung des Found-Footage-Stilmittels. Dies betrifft in erster Linie die gelungene Kameraarbeit. Kameramann Yan Savard gelingt meist die Gratwanderung zwischen unerträglichem Rumgewackel und zu statischen Bildern. Die Kamerabewegungen sind meist sehr stabil, werden aber immer wieder mal von hektischen Bewegungen unterbrochen, um das Found-Footage-Feeling aufrecht zu erhalten. Das vermindert das Kopfschmerzpotential schlussendlich immens.

Dass Ratthe sich dem Subgenre dann aber doch nicht wirklich verpflichtet fühlt, merkt man besonders am Sound. Nicht nur werden einige Szenen mit Musik unterlegt, nein auch bei Telefonaten ist die Person am anderen Ende glasklar zu hören. Dazu kommen noch ein paar technische Details, die keinen Sinn ergeben und gerade Found-Footage-Puristen stören werden.

Damit ist dann aber leider auch schon so ziemlich alles Positive über den Film gesagt. Denn ist die Kameraarbeit noch gelungen und das unrealistische Sounddesign noch gut verkraftbar wird es richtig ärgerlich bei Ratthes Unvermögen mit dem Stilmittel Spannung zu erzeugen. Man darf sich das wirklich so vorstellen, dass sich ein bedingt begabter Schauspieler eine Kamera in die Fresse hält, während ihm plötzlich eine böse CGI-Monsterklaue an die Schulter fasst und dann laut kichernd davon läuft. Ok, das mit der kichernden Klaue, habe ich so eben erfunden. Die Szenen im Film sind selbst dafür zu langweilig. Daneben wird wie gewohnt mit Wackelkamera durch den Wald und durch Maisfelder gerannt. Die Kamera mal auf schemenhafte CGI-Gestalten am Horizont gerichtet, mal auf wild keuchende Gesichter. Es wird mal dahin gelaufen, mal dahin. Dann sucht man Kurt, weil der verloren ging während er Helga nachgelaufen ist, die auf der Suche nach Günter war.

Nein, die Personen heißen wahrscheinlich nicht wirklich so, aber ich könnte das auch nicht mit Sicherheit dementieren, da ich mir mit Müh‘ und Not die Anzahl der Sauerstoffverschwender gemerkt habe. Charaktere haben in Horrorfilmen ja grundsätzlich oft einen schweren Stand und dienen allein dem Anatomieunterricht. Aber in vielen Filmen freu ich mich wenigstens auf deren Ableben, selbst das war mir hier egal. Wären die einfach nach Hause gefahren oder auf dem Klo eingeschlafen, ich hätte es wohl nicht einmal gemerkt.

Wie wichtig Mathieu Ratthe seine Charaktere sind, merkt man übrigens schon an einem folgenschweren Unfall zu Beginn des Films, der hauptsächlich dazu dient ein wahnsinnig originelles, will heißen außergewöhnlich peinliches, Kamera-Gimmick einzuführen. Der Protagonist verliert nämlich zu Beginn ein Auge und baut sich in sein Glasauge eine Kamera ein. Ich muss Ratthe zumindest lassen, dass auf die Idee bisher glaube ich noch niemand kam – und hoffentlich auch keine Nachahmer finden wird.

The Gracefield Incident

Mathieu Ratthe mit Kameraauge

Ok, später versucht Ratthe aus dem Unfall noch ein Ehedrama zu konstruieren, was aber leider auch nicht zu einer Vertiefung der Charaktere, aber dafür zu umso mehr Fremdscham-Momenten führt.

Dies liegt vor allem auch daran, dass die Darsteller in einer Schulaufführung bestenfalls einen Baum spielen könnten. In der Hauptrolle übrigens Regisseur und Drehbuchautor Matthieu Ratthe höchstpersönlich. Es ist schlichtweg unmöglich sich für diese Charaktere auch nur ein klein wenig zu interessieren. Das Drehbuch unterstützt sie dabei nach Leibeskräften und legt ihnen die dümmsten Dialoge seit „Warum liegt hier überhaupt Stroh rum“ in den Mund. Und nachdem bei dem Film ohnehin nichts passiert, war es auch hoffnungslos auf deren blutigen und grausamen Tod zu warten.

Falls sich jemand jetzt noch irgendein originelles Ende erwartet, bitte, tut es nicht. Die Auflösung ist exakt das, was man ohnehin die ganze Zeit erwartet und schon in dutzenden anderen Filmen gesehen hat. Allerdings selten so unfassbar beschissen wie hier.

Da bleibt am Ende nur eine einzige Frage offen: Und warum hast du eine Maske auf?

 

Bewertung

SpannungRating: 0 von 5
Atmosphärerating1_5
Gewalt Rating: 0 von 5
Ekel Rating: 0 von 5
Story rating0_5

Bildquelle: The Gracefield Incident © Eurovideo

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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