#133: Inside (2007) – Review

Inside

oder: der grimmige Höhepunkt des französischen Terrorkinos

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

À l’intérieur
Frankreich
82 Minuten
Alexandre Bustillo, Julien Maury
Alexandre Bustillo, Julien Maury

Das französische Terrorkino

Inside gehört neben Alexandre Ajas High Tension (2003), Xavier Gens Frontier(s) (2007) und Pascal Laugiers Martyrs (2005) zu den großen Vier des französischen Terrorkinos des neuen Jahrtausends. Teilweise noch um David Moreau und Xavier Paluds Them (2006) ergänzt gaben diese Filme die Tonalität für das kompromisslose, humor- und ironiefreie Horrorkino Frankreichs vor. Bezüglich der Grundstimmung lassen sich durchaus auch Parallelen zum grimmigen US-amerikanischen Folterkino à la Saw (2004) und Hostel (2005) ziehen und sogar zum Terrorfilm der 70er mit Filmen wie The Texas Chainsaw Massacre, The Last House on the Left oder The Hills Have Eyes. Es ist dementsprechend auch nur stimmig, dass Alexandre Aja die Regie beim Remake von The Hills Have Eyes übernahm.

Diese Formen des Horrorfilms entbehren jeglichen übernatürlichen Elements. Die Bedrohung bricht nicht von außen herein, sondern sie ist mitten unter uns. Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. So zitiert der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes den römischen Dichter Plautus und darauf basiert im Kern auch der Terrorfilm: der größte Feind des Menschen ist der Mensch. So schöpfen die Macher dieser Filme Kreativität mitunter aus der Wut über die Zustände in der Welt. Sei es der Vietnamkrieg, die Folterskandale von Abu Ghuraib und Guantanamo oder die Unruhen in der Pariser Banlieues – um nur eine Hand voll prägender Ereignisse zu nennen.

Brennende Autos in den Vororten

So finden Bilder von brennenden Autos in den Banlieues Eingang in Inside wie auch in Frontier(s). In Alexandre Bustillo und Julien Maurys Debütwerk spielen diese allerdings keine vordergründige Rolle, sie bilden allein den gesellschaftlichen Kontext für eine Auseinandersetzung im kleinsten Verbund: der Familie. Genau gesagt geht es um die schwangere Sarah, die bei einem Autounfall ihren Freund verliert und sich vier Monate später an Heiligabend, einen Tag vor der erwarteten Geburt, einem Eindringling stellen muss. Was sich nach einem sehr geradlinigen Home-Invasion-Horror anhört, ist auch genau das. Dennoch haben Bustillo und Maury ein paar Feinheiten in petto, die Inside von der Konkurrenz abheben.

Warum ich Inside liebe

Es ist den Produzenten, Franck Ribière und Vérane Frédiani, zu danken, dass sie einerseits das tolle Drehbuch von Bustillo und Maury überhaupt annahmen und ihnen so viel kreativen Spielraum gaben und dass sie andererseits dem unerfahrenen Duo eine versierte Crew zur Seite stellte, wie zum Beispiel Kameramann Laurent Barès (Frontier(s)), Komponist François-Eudes Chanfrault (High Tension) oder Editor Baxter (The Other Side of the Door).

Dies macht sich schon beim großartig in Szene gesetzten Intro bezahlt. Die schöne langsame Kamerafahrt über die Trümmer einer Existenz ohne hektische Schnitte gibt dem Publikum genug Zeit das Ausmaß der Tragödie sickern zu lassen. Bei Bustillos/Maurys Stil fällt allgemein sehr positiv auf, dass sich die Form immer in den Dienst der Geschichte stellt – selbstzweckhafte Spielereien wird man vergeblich suchen. So wird nach dem Unfall Sarahs Welt in ein regnerisches blau-grau getaucht und entspricht damit perfekt Sarahs trost- und emotionslosem Gesichtsausdruck. Alles wirkt sehr herbstlich, ist symbolisch im Sterben begriffen, wie auch unsere Protagonistin schon mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheint. So schaffen es die Macher Form und Inhalt in Einklang zu bringen.

Darüber hinaus schätze ich an Inside auch sehr den Aufbau der Atmosphäre und der Bedrohung. Durch die von vornherein düstere Welt der Protagonistin kommt die Bedrohung in diesem Fall aus dem Zwielicht ins Zwielicht. Hier gibt es keine heile Welt in die die Bedrohung von außen eindringen könnte. Die Kernfamilie als Symbolbild für die Gesellschaft ist schon zu Beginn des Films stark beschädigt, was sich wie gesagt auch in den gesellschaftlichen Unruhen widerspiegelt. Diese gestörte Gesellschaft wird schon im Krankenhaus an Hand einer entrückten, unberechenbaren Krankenschwester, die Twin Peaks entsprungen sein könnte, spürbar gemacht. Durch solche und ähnliche Szenen wird der angesprochenen trostlosen, düsteren Atmosphäre schon zu Beginn ein albtraumhafter Hauch verpasst, was auch wundervoll von Chanfraults Elektro-Industrial-Klangteppich und dem oft etwas stumpf und unsauber wirkenden Bild unterstützt wird.

Inside

Alysson Paradis gezeichnet

Die Bedrohung kreist dabei stetig um ihr Opfer. Taucht aus dem Schatten auf und verschwindet wieder dorthin. Im Gegensatz zu ihrem weiß gekleideten Opfer, welches sich nach der ersten Gewaltspitze im weiß gekachelten Badezimmer mit klinisch weißem Licht verschanzt, welches allerdings im Laufe der Zeit immer mehr einem blutigen Rot weichen muss. Es ist wohl auch diesem sehr beengten Setting geschuldet, dass die Szenen eine unglaubliche Intensität entwickeln.

Diese Intensität wäre jedoch nicht möglich ohne die starken Performances von Alysson Paradis und Béatrice Dalle (Wolfzeit), die beide eine wahre Tour de Force abliefern. Beide schaffen es ihren Figuren unglaublich viel Leben einzuhauchen und diese ohne viel Dialog facettenreich darzustellen.

Wenn am Ende alles einem dunklen Rot gewichen ist, brennen sich noch die zwei Schlusseinstellungen immer wieder tief in mein Hirn ein, denn diese gehören für mich zu den besten Szenen, die das jüngere Horrorkino zu bieten hat und allein dafür gebührt diesem atemberaubenden Debütwerk ein Platz in der Liste der besten Horrorfilme aller Zeiten.

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewaltrating4_5
EkelRating: 1 von 5
StoryRating: 3 von 5

Bildquelle: Inside © Senator Home Entertainment

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Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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