Shape of Water (2017) – Review

Shape of Water

Mit Shape of Water ist Guillermo del Toro wieder voll in seinem Element und zaubert uns ein düsteres Fantasy-Märchen – das jedoch nur so vor Liebe strahlt.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

The Shape of Water
USA
123 Minuten
Guillermo del Toro
Guillermo del Toro, Vanessa Taylor

Es war einmal… im Jahre 1962 in Baltimore. Elisa Esposito (Sally Hawkins, Paddington) ist ein Findelkind. Sie ist stumm, hat seit ihrer Geburt seltsame Narben an ihrem Nacken, lebt allein in einem Apartment und liebt Filme. Zu den wenigen Menschen, mit denen sie Kontakt hat, gehören ihre Kollegin Zelda (Octavia Spencer, Hidden Figures) und der Maler Giles (Richard Jenkins, Let Me In). Sie arbeitet als Putzfrau in einem Geheim-Labor der amerikanischen Regierung. Der ranghöchste Mitarbeiter in diesem Labor ist Colonel Strickland (Michael Shannon, Boardwalk Empire), der eines Tages in einem südamerikanischen Fluss einen Amphibienmenschen (Doug Jones, Pans Labyrinth) fängt und in einen gut bewachten Raum des Labors bringt, um die Kreatur dort eingehend zu untersuchen. Die US-Regierung verspricht sich von diesem Fang Erkenntnisse in der Weltraumforschung, die ihnen den Russen gegenüber Vorteile verschaffen. Nach einem Zwischenfall, in dem Strickland zwei Finger verliert, müssen Elisa und Zelda den Raum wischen. Dabei macht Elisa die Bekanntschaft des offensichtlich intelligenten Kiemenmenschen. Sie vertieft ihre Beziehungen, als sie in der Folge den Raum regelmäßig säubern. Ganz ähnlich wie die Amerikaner denkt der Feind aus dem Osten, der in dem Wissenschaftler Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, Boardwalk Empire) bereits einen Spion in das Labor eingeschleust hat. Während Elisa tiefere Gefühle für das fremdartige Wesen entwickelt, erhält Strickland den Befehl, dieses zu sezieren. Hoffstetler plädiert dafür, das Lebewesen am Leben zu erhalten. Allerdings erhält er von seinen russischen Vorgesetzten eine ganz ähnliche Anweisung – er soll es vergiften. Elisa erfährt von den Plänen der Amerikaner und beschließt, den Amphibienmenschen zu befreien…

Mit sechs Jahren sah Guillermo Del Toro (Pans Labyrinth, Crimson Peak) zum ersten Mal Der Schrecken vom Amazonas. In diesem von Jack Arnold (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C, Tarantula) gedrehten Filmklassiker aus dem Jahr 1954 stößt eine Wissenschaftsexpedition im Gebiet des Amazonas auf einen Kiemenmenschen. Zu der Expedition gehört auch eine attraktive Frau, auf die es der Kiemenmensch abgesehen hat. Del Toro hätte sich ein Happy End für die Frau und den Kiemenmensch gewünscht, was er aber nicht bekam. Damals wurde jedoch die Grundidee für Shape of Water geboren die Liebe zwischen einer Frau und einem Kiemenmenschen.

Bei einem gemeinsamen Frühstück mit dem Autor Daniel Kraus (Trollhunters) im Jahr 2011 entwickelte er die ausführlichere Grundidee für Shape of Water. Kraus sah Jahre zuvor das Theaterstück Let Me Hear You Whisper und Gerüchten zufolge stammen weite Teile von Shape of Water aus diesem Stück. Inwieweit tatsächlich beide Geschichten übereinstimmen, ist derzeit Bestandteil einer juristischen Auseinandersetzung. Das mindert jedoch nicht die hohe Qualität, die Shape of Water in jeglicher Hinsicht besitzt. Del Toro schrieb das Drehbuch dann zusammen mit Vanessa Taylor (die u.a. auch für Game of Thrones schrieb).

Shape of Water

Der Film funktioniert als Märchen, als Drama um Einsamkeit, innere Werte und sexuelle Erfüllung, als Kalter Krieg-Thriller und auch als Creature Feature. Die fantastisch gespielten Charaktere sind echte Charaktere mit Sehnsüchten, Lebenszielen und eigenen Problemen und nicht nur irgendwelche Schema-F-Figuren. Del Toro reichen wenige Szenen, um ihnen Tiefe zu verleihen, so benötigt er eine einzige Szene, um die Ehe-Problematik eines Charakters darzustellen. Del Toro gesteht den Charakteren im Handlungsverlauf auch eine Entwicklung zu, die sie tatsächlich zu Figuren aus Fleisch und Blut werden lässt, sodass selbst der Film-Bösewicht wenn auch nicht sympathisch so doch zumindest nachvollziehbar wird. Strickland hat einen beruflichen Auftrag und ein Lebensziel den eigenen Aufstieg, dementsprechend handelt er.

Michael Shannon spielt diesen Charakter absolut routiniert, es gibt nicht viele Schauspieler, die derart „böse“ derart „gut“ verkörpern können. Man kann sich keine bessere Rollenbesetzung für Colonel Strickland vorstellen. Dasselbe gilt für alle anderen Schauspieler. Die Besetzung ist nicht nur bis in die kleinste Nebenrolle treffend, darüber hinaus noch prominent besetzt, sondern spielt auch hervorragend. Neben den genannten sind u.a. David Hewlett (Cube), Nick Searcy (Justified) und Lauren Lee Smith (Trick ‚r Treat  Die Nacht der Schrecken) zu sehen. Folgerichtig sind Sally Hawkins, Octavia Spencer und Richard Jenkins für den Oscar nominiert. Man sieht ihnen an, wie sehr sie ihre Rollen angenommen haben und mit dem Herzen ausfüllen. Sally Hawkins, die bislang hauptsächlich durch exzellent gespielte Charakterrollen in Dramen und Komödien wie Happy Go Lucky, Blue Jasmine und Fingersmith auffiel, ragt heraus. Elisa ist trotz aller Zerbrechlichkeit ein starker Charakter, der umso stärker wird, je deutlicher ihr das eigene Ziel wird. Dabei spart Del Toro auch nicht an einem in die Handlung integrierten Humor, wenn Elisa z.B. eine ganze Wohnung unter Wasser setzt, ohne jedoch seine Figuren dabei der Lächerlichkeit preiszugeben.

Überhaupt ging Del Toro mit einer großen Sensibilität an seine Geschichte, so platzierte er sie z.B. bewusst im Jahr 1962, um damit für die Zuschauer den Zugang zu erleichtern und der Handlung und ihren Charakteren die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. Dabei sparte er jedoch nicht mit Zeitkolorit und einer absolut liebevollen, detailversessenen Ausstattung und Kostümierung. Zu den 13 Oscar-Nominierungen zählen denn auch die für die beste Ausstattung und die besten Kostüme. Bereits gewonnen wie Del Toro einen Golden Globe hat der wunderbare Film-Score von Routinier Alexandre Deplat (The Grand Budapest Hotel), welcher wesentlich zur Atmosphäre des Films beiträgt. Überhaupt ist die Atmosphäre seit jeher eine der Stärken von Del Toro.

Shape of Water

Es gibt aus meiner Sicht in der gesamten Filmgeschichte nicht viele Regisseure, die es derart verstehen, vor allem durch die Farbgebung, aber auch durch Raum und Licht eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen. Ursprünglich war Shape of Water jedoch als Schwarz-Weiß Film konzipiert. Del Toro verwarf diesen Gedanken, als er die Farbaufnahmen sah und kreierte eine den Themen angepasste eigene Farbgebung. So dienen rote Farben der Liebe, während Elisas Wohnung eine wasser-gleiche Farbgebung erhielt. Ursprünglich sollte der Film auch einen Twilight Zone-ähnlichen Look erhalten, den Kameramann Dan Laustsen (Pakt der Wölfe) beibehielt. Dieser Look wurde um diese ausufernd breit gedachte Farbpalette erweitert, welche sogar die Fahrzeuge mit einbezog. Eines der räumlichen Highlights des Films ist z.B. das Filmtheater unter der Wohnung von Elisa, das der Massey Hall in Toronto nachempfunden wurde. Der Film steckt so voller kleiner Details, dass man diese kaum alle erfassen kann, wenn man den Film nur einmal sieht.

Ich bin in den letzten Jahren häufig mit einem eher gemischten, manchmal enttäuschten Gefühl, selten mit einem Gefühl, das sofern man dies bei Filmen spüren kann Liebe ähnelte, aus dem Kino gekommen. In Shape of Water geht es nicht nur vor allem um Liebe, sondern dieser Film hat eben dieses Gefühl auch hervorgerufen. Zu sagen, dass dieser Film Del Toros bester ist, würde jedoch seinen anderen herausragenden Werken, The Devils Backbone und Pans Labyrinth, unrecht tun. Auch wenn er nicht nur eine Rückbesinnung zu diesen Werken ist, sondern auch eine Verfeinerung seiner Technik, Film zu erzählen, darstellt. Deshalb sage ich: Ein großartiger Film eines großartigen Regisseurs.

 

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt Rating: 2 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: Shape of Water © 20th Century Fox

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