#132: Shrew’s Nest (2014) – Review

Shrew's Nest

oder: Spitzmäuse sind bedrohlicher als du geglaubt hast

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

Musarañas
Spanien/Frankreich
91 Minuten
Juanfer Andrés, Esteban Roel
Juanfer Andrés, Sofia Cuenca

Spanische Spitzmäuse

Musarañas, wie der Film im Original heißt, ist das Spielfilm-Regiedebüt und bisher auch einzige Regiearbeit von Juan Fernando Andrés und Esteban Roel. Produziert wurde das Ganze von keinem geringeren als Álex de la Iglesia (The Last Circus, Witching & Bitching), der sich bisher durch seine makabren, schwarzhumorigen Horror-Grotesken einen Namen machen durfte. Ihm ist auch zum Teil der hervorragende Cast zu verdanken, da ein großer Teil schon mit ihm zusammengearbeitet und er diese empfohlen. Vor allem, dass der wundervoll vielseitige Luis López Tosar (Sleep Tight) in einer Nebenrolle verpflichtet werden konnte, freut mich sehr.

Als Associate Producer waren übrigens auch Franck Ribière und Vérane Frédiani beteiligt, die schon beim französischen Home-Invasion-Hit Inside beteiligt waren.

Gartenspitzmaus

Gartenspitzmaus (Foto: Sebastian Ritter, CC BY-SA 2.0)

Der Film folgt dem Leben zweier Schwestern in den 1950ern, die sehr zurückgezogen im titelgebenden Shrew’s Nest leben. Das deutschsprachige Pendant zum spanischen Musarañas und englischen Shrew ist die Spitzmaus. Während die jüngere Schwester regelmäßig das Haus verlässt, ist ihre ältere Schwester Montse die nestpflegende und -schützende Spitzmaus.

Spitzmäuse sind Einzelgänger und verkriechen sich in eigene Baue, Felsspalten oder Erdlöcher in denen sie mittels getrockneter Blätter und Gräser ein Nest anlegen. Spitzmäuse gehören zu den wenigen giftigen Säugetieren, was ihnen auch ermöglicht größere Beutetiere zu erledigen. Bei anderen Spitzmäusen, Salamandern und Fröschen kann das Gift tödlich sein, in den meisten Fällen lähmt es allerdings nur die Beute und versetzt es in einen komaähnlichen Zustand, wodurch sich Spitzmäuse einen Vorrat aus unverdorbener tierischer Nahrung anlegen können.

Dementsprechend sollte klar sein, dass man ein Spitzmausnest nicht einfach so stören sollte. Wenn ihr wissen wollt, was passiert, wenn man es doch tut, dann solltet ihr euch den Film anschauen.

Warum ich Shrew’s Nest liebe

Das spanische Horrorkino hat über die Jahrzehnte schon viele Horrorperlen hervorgebracht und ist, wie die jüngsten Veröffentlichungen zeigen, nach wie vor quicklebendig. So hat es mir in jüngerer Vergangenheit neben REC, Das Waisenhaus und Sleep Tight vor allem Shrew’s Nest angetan.

Dieses als Horror-Psycho-Drama angelegtes Kammerspiel besticht hauptsächlich durch die schauspielerischen Leistungen. Im Vordergrund steht hier ohne Zweifel Montse (Macarena Gómez) und ihr toter Vater (Luis Tosar), der wie ein bedrohlicher Schatten die Sünden der Vergangenheit mahnt. Montse erweist sich im Laufe der Geschichte als unheimlich vielseitiger und komplexer Charakter, der auch ganz im Mittelpunkt der Geschichte steht. Die Performance von Gómez ist dabei beachtlich nuanciert. Vom perfiden psychotischen Wahnsinn hin zur ruhigen, in sich gekehrten Verletzlichkeit schafft es Gómez nicht nur ihre Figur mit Leben zu füllen, sondern den Film fast alleine zu tragen. Daher ist es auch nicht weiter tragisch beziehungsweise vielleicht sogar notwendig, dass die anderen Charaktere mehr in den Hintergrund rücken. Sind sie doch schlussendlich oft nicht viel mehr als Projektionsflächen für Montses Psychose.

Shrew's Nest

Diese Psychose enthält auch Verweise auf die klerikalistische Herrschaft Francos, wie ihre Rolle allgemein als Symbol für Frauen nach dem spanischen Bürgerkrieg gesehen werden kann: „soziale und kulturelle Unterdrückung durch das Patriarchat kombiniert mit einem extremen Sinn für den Katholizismus“, wie es die Regisseure in einem Interview bezeichnet haben. Dadurch eröffnet sich auch ein durchaus interessanter, gesellschaftlicher Blick auf Spanien zu dieser Zeit. Insbesondere dann wenn man Montse ihre junge, weltoffene Schwester gegenüberstellt. Bei dieser Lesart wirft das Ende einen besonders düsteren Schatten auf Spanien.

Womit der Film schlussendlich allerdings mein monsterliebendes Herz gewinnen konnte, ist der Umgang mit der wahnsinnigen Protagonistin. Wie in meinem Definitionsversuch des Genres aufgeführt, geht es im Horrorfilm immer bis zu einem gewissen Grad um die Angst vor dem Fremden, vor dem Anderen und ich schätze es sehr, wenn dieses Andere nicht nur als reine Bedrohung dargestellt wird. Nicht umsonst verweisen Andrés und Roel auf Whales Frankenstein, wenn sie von Montse sprechen und so bitte ich um Verständnis für die verängstigte, giftige Spitzmaus – denn haben wir nicht alle komatöse Beute in unseren Erdlöchern liegen?

 

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: Shrew’s Nest © Edel Germany

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Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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