Kannibalenfilme: Eine Gebrauchsanweisung

Ihr kennt noch kaum einen Kannibalen-Film, wollt das aber dringend ändern? Wir haben für euch die perfekte Gebrauchsanweisung, wo ihr anfangen und was ihr noch aufschieben solltet. Viel Spaß!

Einleitung

Wir nehmen euch mit auf die Reise durch grüne, geheimnisvolle Regenwälder, schippern den Amazonas entlang und begeben uns in die Obhut alter indigener Völker, die uns mit ihrer Gastfreundschaft verwöhnen. Herzlich willkommen im italienischen Kannibalen-Film der 1970er und 1980er Jahre! Diese spezielle Strömung des Subgenres ist ebenso berühmt wie berüchtigt, die Gründe dafür sind vielfältig. Der Dschungel wird oftmals als eine Art grüne Hölle inszeniert, ein Ort, an dem die moderne westliche Gesellschaft auf vorgeblich wilde, primitive Völker und deren barbarische Riten trifft. Tiertötungen werden bei der zumeist selbstzweckhaften Gewalt als Instrument zur Vortäuschung angeblicher Authentizität bei der Inszenierung der „Wilden“ eingesetzt, während bisweilen ein pseudodokumentarischer Inszenierungsstil die Legitimation dafür liefern soll.

Dabei konzentrieren sich die Filme hauptsächlich auf die Darstellung unvertrauter Kulturen, Tabuthemen wie Sex und Tod, aber eben auch auf drastische Gewalt und Tierquälerei, die im Kontrast zur zivilisierten, fortschrittlichen westlichen Gesellschaft porträtiert wird. Außerdem beziehen sich einige Vertreter auf angeblich wahre Ereignisse, um so ihren Authentizitätsanspruch zu untermauern. Es gibt aber auch klassische Spielfilme im Reich der Menschenfresser, wovon einige in der Horrorgemeinde Kultstatus genießen und die wir euch ebenfalls vorstellen werden. Das Ziel dieser Gebrauchsanweisung soll sein, euch eine Reihe von Filmen wie einen Leitfaden vorzustellen, an dem ihr euch chronologisch langhangeln könnt und an dessen Ende ihr durch die Auswahl stellvertretender Filme einen breiten Überblick über das Genre bekommt. Steigt also auf unser Boot und begleitet uns auf eine Reise quer durch die brutale und kontroverse Welt der Kannibalen.

Warnung:

Viele dieser Filme sprengen nicht nur Grenzen in der Darstellung von Brutalität und sexualisierter Gewalt, sondern sind außerdem eklatant rassistisch und zeigen reale Tötungen echter Tiere. Wir wollen solche Darstellungen weder gutheißen noch ignorieren, aber sie zunächst hinzunehmen und schließlich einzuordnen ist ein notwendiges Übel, wenn man sich mit diesem Subgenre beschäftigen möchte.

Wo soll ich anfangen?

Entgegen etwaigen Erwartungen empfehlen wir als perfekten Einstieg nicht den berühmt-berüchtigten Nackt und zerfleischt von Ruggero Deodato, sondern Mondo Cannibale seines Landsmannes Umberto Lenzi. Bereits 1972 veröffentlicht, gilt dieser als Startpunkt des Genres und als Inspiration für nachfolgende Filme. Mondo Cannibale bezieht sich dabei explizit auf Elliot Silversteins Ein Mann, den sie Pferd nannten, der nur zwei Jahre zuvor erschien und übernimmt fast eins-zu-eins die Handlung des Westerns, ersetzt allerdings die indigene Bevölkerung Nordamerikas durch eine unbestimmte, kannibalistische Gemeinschaft in Südostasien. Lenzi selbst spricht davon, dass der Kannibalismus nicht das zentrale Thema des Films darstellen sollte; vielmehr versuchte er Elemente des pseudodokumentarischen Mondo-Kinos der 1960er und 1970er Jahre nachzuahmen. Und tatsächlich spielt expliziter Kannibalismus in Mondo Cannibale nur am Rand eine Rolle. Obwohl der Film dadurch deutlich zahmer daherkommt als seine Nachfolger, vereint er bereits die typischen Motive des Kannibalen-Films in sich.

Mondo Cannibale

Mondo Cannibale @ NSM

Und auch wenn Lenzis Film allgemeinhin als Grundstein des Genres gilt, entfachte erst Ruggero Deodatos Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch von 1977 endgültig das Feuer für das Genre, dem bis knapp Mitte der 1980er Jahre ein Film auf den anderen folgte. Der Titel des Films ist irreführend, denn obwohl er ursprünglich als Fortsetzung zu Lenzis Kannibalen-Film gedacht war und auch so vermarktet wurde, inszeniert Deodato eine unabhängige Geschichte im pseudodokumentarischen Stil über einen Geschäftsmann, der versucht, von einer philippinischen Insel zu flüchten, die von einem kannibalistischen Volk bewohnt wird. Während Mondo Cannibale mehr oder weniger behutsam an das Genre heranführt und vielmehr in der Tradition vorangegangener Mondo-Filme steht, lässt Deodato in seinem Film keinen Zweifel daran, wohin sich das Genre in Sachen Gewalt und Exploitation entwickeln wird. Oft wird Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch daher auch als Vorläufer zu Deodatos späteren Nackt und zerfleischt angesehen. Demnach eignen sich sowohl Mondo Cannibale als auch Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch hervorragend als Einstieg in die Filmographie der unerforschten Anthropophagi in Südamerika bzw. Südostasien.

Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch @ NSM

Wo soll ich weitermachen?

Wer nach Umberto Lenzis Mondo Cannibale und Ruggero Deodatos Mondo Cannibale, 2. Teil  – Der Vogelmensch auf den Geschmack gekommen und bereit ist, weiter in die Tiefen der Urwälder einzudringen, dem steht eine Fülle an Genrebeiträgen zur Verfügung. Wir haben für euch vier Filme ausgewählt, die euch optimal mit der Welt des Kannibalenfilms vertraut machen und die ihr für das beste Seherlebnis in genau dieser Reihenfolge schauen solltet.

Zunächst empfehlen wir ein Wiedersehen mit „Genreschöpfer“ Lenzi und seinem Titel Die Rache der Kannibalen, auch bekannt als Cannibal Ferox, mit dem sich der Italiener aller Zügel entledigt und seinen Fokus ganz auf die exploitativen Gewaltinszenierungen legt, die dem Subgenre in den 80er-Jahren – ob positiv oder negativ – zu großer Popularität verhalfen. Die Rache der Kannibalen, der wohl zu den berühmtesten wie berüchtigtsten Vertretern der italienischen Kannibalen-Welle zählt, überzeugt dabei weniger aufgrund ausgebufften Storytellings, eindrucksvoll geschriebener Charaktere oder dem Versuch eines gesellschaftskritischen Subtextes, sondern vielmehr aufgrund seiner visuellen Stärken wie dem eindrucksvollen Setting oder der markerschütternden Brutalität, die auch heute noch jedem Jungendschützer den Schweiß auf die Stirn treiben würde. Mit Die Rache der Kannibalen prüft Lenzi eure Geschmacksnerven aufs Äußerste und spätestens hiernach wisst ihr nun ganz genau, was euch in der Kannibalen-Welle in Sachen ausufernder Brutalität erwarten kann. Falls ihr jetzt noch nicht die Flucht ergriffen habt und es statt reißerischer Gewalt zunächst lieber mit etwas mehr Substanz weitergehen soll, haben wir als nächstes den perfekten Kandidaten zur Hand.

Die Rache der Kannibalen @ XT Video

Wer der schonungslosen Brutalität, die das Subgenre mit sich bringt, nicht abgeneigt ist, aber dennoch Wert auf einen spannenden Abenteuerfilm legt, sollte zu Sergio Martinos Die weiße Göttin der Kannibalen greifen. Nicht minder grausam als Die Rache der Kannibalen, dafür aber besser dosiert, geleitet euch Martino auf Expedition in den Urwald. Mit Bondgirl Ursula Andress und Stacy Keach (Flucht aus L.A.) durchaus hochwertig besetzt, entpuppt sich Martinos Film als hochwertiger Beitrag zum italienischen Menschenfresser-Kino. Klassische Abenteuergeschichte und exploitatives Kannibalen-Kino wiegen hier fast gleichauf und tatsächlich setzt der italienische Filmemacher gerade zu Beginn rein auf die Natur als Gefahrenquelle. Mit der Bedrohung, die sich aus der natürlichen Umgebung der dichten Wälder speist, erzeugt Die weiße Göttin der Kannibalen gerade in der ersten Hälfte einen stetig ansteigenden Spannungsbogen, ehe euch mit zunehmender Laufzeit allerhand Grausamkeiten um die Ohren geschleudert werden, die ihr inzwischen hoffentlich liebgewonnen habt. Die weiße Göttin der Kannibalen ist ein ausgewogener Genrebeitrag, der mit seiner hochwertigen Inszenierung, seinem tollen Cast und seinem famosen Score ein perfekter Wegbegleiter durch die Tiefen des italienischen Kannibalen-Kinos darstellt.

Die weiße Göttin der Kannibalen @ XT Video

Im Anschluss empfehlen wir zum bekanntesten Vertreter des Subgenres zu greifen, der zweifelsfrei den schöpferischen Höhepunkt des Kannibalen-Kinos markiert: Ruggero Deodatos Nackt und zerfleischt. Das Werk des italienischen Regisseurs unterscheidet sich inhaltlich beträchtlich von seinen Exploitation-Kollegen und überzeugt aufgrund seiner sozialkritischen Subebene, die sogar die bis heute skandalösen Tiersnuffszenen selbstreflexiv in Frage stellt. Mit vorwurfsvollem Zeigefinger gen medialer Sensationslust liefert Deodato mit seinen pseudodokumentarischen Aufnahmen eines verlorenen Kamerateams nicht nur ein Meisterstück des Kannibalen-Films ab, sondern stößt gleichzeitig auch die Türen zum Found-Footage-Subgenre auf, das sich bis heute großer Beliebtheit erfreut. Indem der Film das Leid, sowohl der Tiere als auch der Menschen, als Ergebnis der Sensationslust eines nach brutalem Spektakel gierenden Publikums offenbart, hält der Film seiner Zuschauerschaft unweigerlich den Spiegel vor. Mit dem finalen Satz „Ich frage mich, wer die wahren Kannibalen sind?“ enthüllt er schließlich die Heuchelei der in den Filmen immer als ach so fortschrittlich dargestellten modernen westlichen Welt, die sich den vermeintlich wilden indigenen Stämmen überlegen fühlt, letztlich jedoch durch ihre pervertierte Schaulust der primitiven Barbarei deutlich näher ist, als der Zuschauer zu Beginn glauben soll. Trotz aller Cleverness, die der Film vielen seiner Kollegen voraushat, darf man hier keine weniger harte Kost erwarten. Nackt und zerfleischt ist nicht minder grausam als seine Artgenossen und bietet knüppelharte und schonungslos dargebotene Brutalität, die ihm auch heute noch ein Verkaufsverbot in mehreren Ländern zueignet.

Nackt und Zerfleischt @ XT Video

Green Inferno, auch bekannt als Cannibal Holocaust II, ist der letzte Film in dieser Auswahl, da er den Abschluss der europäischen Kannibalenfilm-Welle der 1970er-/1980er-Jahre markiert, auch wenn das Genre bei seiner Veröffentlichung 1988 bereits praktisch tot war. Dabei wurde der Film als inoffizielles Sequel zu Nackt und zerfleischt vermarktet, um vom Erfolg und der Bekanntheit des früheren Films zu profitieren. Wie zu erwarten kann Regisseur Antonio Climati, der in den 60er-Jahren bereits als Kameramann bei einigen Mondo-Filmen tätig war, nicht an den Erfolg und die Qualität des Originals anknüpfen. Streng genommen gibt es in dem Film nicht einmal expliziten Kannibalismus, aber es gelingt Climati dennoch, mit der Verwendung der üblichen Genre-Tropen einschließlich des wunderschönen Settings im Amazonas-Regenwald, dem archaischen Brauchtum der einheimischen Bevölkerung sowie grausamer Gewaltanwendung gegenüber den westlichen Eindringlingen einen sehenswerten Abschluss des Kannibalen-Films der 1970er- und 1980er-Jahre zu kreieren.

Green Inferno @ 88 Films

Wo sollte ich besser nicht anfangen?

Obwohl Zombies unter Kannibalen sicherlich zu den bekannteren Titeln des Genres gehört, würden wir von ihm als Einstieg in die italienische Menschenfresser-Welt abraten. Sicherlich finden sich zwei der zweifelhaftesten Eigenschaften des Kannibalen-Films auch hier wieder: Zombies unter Kannibalen ist genauso rassistisch wie er brutal ist. Dennoch ist der von Marino Girolami inszenierte Film ein dermaßen chaotischer Reißer, dass er falsche Erwartungen an die übrigen Filme des Genres wecken könnte. Zombies unter Kannibalen fungiert wie ein Schmelztiegel, der alle seinerzeit populären Motive und Zutaten anderer Subgenres vermischt. Neben Kannibalen UND Zombies, die sich gegenseitig leidenschaftlich bekämpfen und verspeisen, wartet der Film des Weiteren mit einem verrückten Wissenschaftler, exotisiertem Okkultismus und nicht zuletzt derselben Kirche wie im Finale von Lucio Fulcis Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies auf. Als angenehme Überraschung verzichtet er wiederum gänzlich auf die sonst so präsenten Tier-Snuff-Szenen. Diese wilde Mixtur wird von einem unglaublich stimmungsvollen Soundtrack und dem vielleicht garstigsten Gore des italienischen Exploitation-Kinos garniert. Für eingefleischte Fans von reißerischen Kannibalen-Streifen dürfte Zombies unter Kannibalen wegen seiner ausufernden Wildheit ein wahres Fest sein, Neueinsteiger laufen allerdings Gefahr, von dem abstrusen Mashup heillos überfordert zu werden. Ein Highlight, das man sich allerdings erst bei fortgeschrittener Genre-Kenntnis nicht entgehen lassen sollte.

Zombies unter Kannibalen @ XT Video

Ein weiterer sehr bekannter Film, der sich allerdings ebenso wenig als Einstieg in die Welt der Kannibalen eignet, ist Eli Roths The Green Inferno. Dieser stellt eine Hommage an die großen Vorbilder des Subgenres dar; sollten unsere genannten italienischen Vertreter beim Publikum also gänzlich unbekannt sein, lassen sich bestimmte Anspielungen und Sequenzen nur schwierig nachvollziehen und wirken wie aus dem Film gefallen. The Green Inferno ist außerdem sauberer und hochwertiger produziert als seine Vorbilder, weshalb sich hier ein falscher Eindruck von der rein optischen Qualität des Genres einschleichen könnte. Sicherlich bietet Roth ein Kannibalen-Thema an, aber es findet sich weder der Mondo-Aspekt darin, noch wird in Sachen Gewaltdarstellung maßlos übertrieben. Zwar geht auch The Green Inferno was Gewalt angeht nicht zimperlich zu Werke, über den Härtegrad neuerer Teenie-Horrorfilme kommt er aber nicht hinaus. Wer hier also Ausweidungen von Körpern, explizite Verstümmelungen menschlicher Körper oder gar schmuddelige Erotik erwartet, wird enttäuscht werden. Aus diesem Grund gehört The Green Inferno eher an das Ende einer Kannibalen Watchparty.

The Green Inferno @ Constantine Film

Geheimtipps

Wenn ihr euch nun zu Genüge im Dschungel auskennt, euer Boot auf dem Amazonas noch nicht gekentert ist und ihr wie durch ein Wunder noch nicht gefressen wurdet, geht es mit dem Film Asphalt-Kannibalen nun raus aus dem grünen Inferno des dichten Urwalds und rein in den von Beton und Stahl dominierten Großstadt-Dschungel.

Der Film beginnt mit der Befreiung zweier US-amerikanischer Soldaten aus vietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Doch der Schock beim Rettungstrupp sitzt tief: scheinbar durch das in Gefangenschaft entstandene Trauma haben die beiden Soldaten einen unbändigen Hang zum Kannibalismus entwickelt. Zurück in den Staaten spitzt sich die Situation zu, denn offenbar ist der Hunger nach Menschenfleisch wie ein Virus von einem Menschen auf den anderen übertragbar …

Asphalt-Kannibalen @ Astro Distribution

Regisseur Antonio Margheriti, dessen Name den meisten wohl eher als Deckname von Brad Pitts Figur in Inglourious Basterds bekannt sein dürfte, hat mit Asphalt-Kannibalen einen der ungewöhnlichsten Reißer des Subgenres geschaffen. Durch das Verquicken von Kannibalismus mit Infektionsmustern des Zombiefilm und das Verorten im Vietnamkriegs-Kontext erhält der Film eine ungewöhnliche Tragweite. Der Kannibalismus lässt sich problemlos als Metapher lesen, wenn die von Abgründen des Kriegs geplagten Akteure nicht nur sprich-, sondern auch wortwörtlich zerfressen werden. Die Logik hinter den Infektionsmöglichkeiten – wird man von einem Kannibalen gebissen, entwickelt man selbst unbändige Lust auf menschliches Fleisch – zeichnet das Bild eines sich ausbreitenden kollektiven Traumas, das sich generationsübergreifend festigt und dessen Nachwehen Amerika selbst bis heute beeinflussen.

Nicht nur besitzt diese allegorische Lesart eine für den italienischen Kannibalen-Film ungewöhnliche Tiefe, sondern auch das Setting in der Stadt sowie die auffallende Verknüpfung von Kannibalen-, Zombie- und Vietnamkriegsfilm machen Asphalt-Kannibalen zu einem sehenswerten Geheimtipp des Genres.


Wir hoffen, ihr habt jetzt einen kleinen Einblick in die Welt der Menschenfresser bekommen und habt Lust hier weiter einzutauchen. Wir wünschen jedenfalls ganz viel Spaß beim Entdecken!

DarkForest

...und was meinst du?