Das Monster in uns. Ein Blick auf Jörg Buttgereits Nekromantik

Nekromantik

Als Autor, Regisseur, Filmkritiker und ausgewiesener Godzilla-Experte befasst sich Jörg Buttgereit bereits seit den frühen 1980er Jahre mit dem Abgründigen, wobei vor allem Nekromantik und Der Todesking ihn international bei Fans des Horror- und Splatter-Genres bekannt gemacht haben. Während die einen Buttgereit dafür als „subversiven Romantiker“ feiern, erkennen andere in seiner Beschäftigung mit kontroversen Themen lediglich einen Willen zur Provokation. Das mag daran liegen, dass seine (frühen) Filme oberflächlich betrachtet – auch aufgrund ihres geringen Budgets – durchaus als lupenreiner Trash durchgehen, aber auch daran, dass er als Grenzgänger zwischen Horror- und Kunstfilm die Erwartungen beider Zielgruppen gleichermaßen unterwandert. Doch genau das macht eine Auseinandersetzung mit Buttgereit so lohnenswert.

Einführung

Die Idee zu Nekromantik entwickelte sich bei Jörg Buttgereit und Co-Autor Franz Rodenkirchen in einem Gespräch über den Tod oder vielmehr darüber, dass der Orgasmus und der Moment des Sterbens emotional eine Menge gemein haben müssten. Die Vorstellung eines Menschen, der seinen eigenen Tod genießt – quasi ein Suizid als happy ending – sprach die beiden sehr an. Damit war der Grundstein gelegt, sowohl zu Buttgereits erstem Langfilm als auch zu einer der ikonischen Szenen des Horror- und Splatter-Genres. Ohne ein nennenswertes Budget, gedreht im grobkörnigen Super-8-Format und ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, feierte Nekromantik schließlich Anfang 1988 seine Premiere im Berliner Kino Sputnik.

Der Filmtitel, eine klingende Eigenkreation aus den Worten “Nekrophilie“ und “Romantik“, steckt bereits das Feld ab, innerhalb dessen die Handlung sich bewegt: Es geht um eine Liebesgeschichte. Und es geht um Sex mit Leichen. Protagonist Robert (Daktari Lorenz) und seine Freundin Betty (Beatrice Manowski, Nekromantik 2) sind fasziniert vom Tod – und von den Toten. Als Rob von seiner Arbeit bei einem Unternehmen, das sich auf die Reinigung von Leichenfundorten spezialisiert hat, eines Tages einen weitgehend intakten männlichen Körper mitbringt, ist dies der Beginn einer leidenschaftlichen Dreiecksbeziehung. Diese endet schlagartig, als Rob seine Anstellung verliert und Betty ihn mitsamt der Leiche verlässt. Frustriert versucht er, sich auf anderem Wege Erregung zu verschaffen und sieht in seiner Verzweiflung schließlich nur noch einen Ausweg …

Monströse Gesellschaft

Das politische Klima in West-Deutschland Ende der 1980er Jahre war außerordentlich angespannt, das bekamen auch die Filmemacher zu spüren. Sämtliche Horrorfilme, gleich ob auf VHS oder im Kino, waren stark geschnitten, zahlreiche Genre-Klassiker wie Blutgericht in Texas wurden indiziert oder gleich beschlagnahmt, wie im Fall von Tanz der Teufel. Um die Bedingungen der FSK zu umgehen, entschied Buttgereit sich dazu, den Film direkt mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren in den Kinos zu zeigen, und tatsächlich gab es keine erwähnenswerte Reaktion, weder von den Behörden, noch von der autonomen Linken, die zu jener Zeit gern Vorstellungen vermeintlich “pornographischer“ oder “sexistischer“ Filme stürmte. Insgesamt wurde der Film von einem deutschen Publikum wenig beachtet, wohingegen er in anderen Ländern deutlich mehr (auch negative) Aufmerksamkeit erhielt und teilweise bis zum heutigen Tag verboten ist.

Nekromantik

Die vielversprechende Eröffnungssequenz von „Nekromantik“

Zahlreiche Fans von Buttgereits früheren Filmen stießen sich aber aus einem ganz anderen Grund an Nekromantik. Angesichts der Thematik, die einen gehörigen Skandal zu versprechen schien, wirkte die Handlung ungewohnt ernst und vergleichsweise blutarm.

Nekromantik hieß der Film, und es hieß, es werde am letzten großen Tabu gerührt, der Nekrophilie. Mit großen Erwartungen guckten wir uns das Werk also an und waren einigermaßen verdutzt, denn es handelte sich gar nicht um einen Horrorfilm. […] Statt dem ultimativen Schrecken zu begegnen, sahen wir uns konfrontiert mit einem unglücklichen, isolierten Mann, dem die Natur einen grimmigen Streich spielt.

Christian Keßler: Die letzte Ölung. Wege zu Jörg Buttgereit.

Als Grenzgänger zwischen Horror- und Kunstfilm unterwandert Buttgereit mit seinem ersten Langfilm die Erwartungen aller Zielgruppen gleichermaßen. Gegen einen reinen Kunstfilm spricht die Lust an der Sensation, die teils exploitative Darstellung von Sex und Gewalt, die sich aus den früheren Filmen erhalten hat. Gegen einen reinen Horrorfilm wiederum spricht der experimentelle Charakter. Das Spiel mit verschiedenen Genres erzeugt eine Hybridität, die maßgeblich an der massiven Irritation beteiligt ist, die von Nekromantik ausgeht.

Dazu trägt auch die nicht-lineare Erzählstruktur bei – die willkürlich wirkenden Rückblenden, Traumsequenzen und Überblendungen stören den harmonischen Ablauf des Films. Auffallend sind außerdem die ungewöhnlichen Schnitte, die Buttgereit setzt. Auf das Bild von Bettys verführerisch bestrumpftem Oberschenkel, den Roberts Hand lustvoll knetet, folgt unvermittelt das Close-Up eines riesigen rohen Fleischklumpens, der von eben jener Hand sanft geklopft und in eine viel zu kleine Pfanne gedrückt wird. In diesem Übergang steckt ein Bruch, über den der Film vollkommen selbstverständlich hinweg geht – dem Zuschauer gelingt das nicht, er muss und soll sich an diesen Szenen stoßen.

Nekromantik

(Alp-)Traumsequenz

Es geht in Nekromantik nicht um die Reproduktion von Klischees, Erwartungen und Konventionen – stattdessen werden sie kurzerhand vorgeführt und unterwandert. Der Film experimentiert mit neuen Formen und Inhalten, die sich den Sehgewohnheiten des Zuschauers nicht anpassen, sondern ihnen zuwiderlaufen. Einer passiven Rezeptionshaltung, einem Sich-Versenken im Film wird auf diese Weise bewusst entgegengearbeitet.

Ein Typ sagte mir, wie widerwärtig meine Arbeit sei und dass ich, sollte ich aus der Zukunft einen Blick zurückwerfen, erkennen werde, was ich der Welt mit meinen Filmen angetan habe. Er ist auch sehr besorgt, dass ich vorhabe, weitere Filme zu machen, obwohl er weder Nekromantik noch eine meiner anderen Arbeiten je gesehen hat …

Jörg Buttgereit in einem Brief an Autor David Kerekes

Buttgereit ist bekannt für seinen selbstverständlichen Umgang mit schwierigen und kontroversen Themen, sei es die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit im frühen Kurzfilm Blutige Exzesse im Führerbunker, der Blick in die Psyche des Serienmörders Schramm oder eben die Darstellung des sexuellen Akts mit einer Leiche in Nekromantik. Das filmische Ergebnis lässt sich nur schwer einordnen, oder, wie Filmkritiker Christian Keßler es so treffend formuliert hat, „am Schluss steht man ratlos da, ist belustigt und entsetzt, wie so häufig im wirklichen Leben.“

„Irgendwann war uns klar, dass man vielleicht doch mal brechen müsste und so tun, als wenn es das Selbstverständlichste der Welt ist, weil erst denn wird‘s subversiv.“ Die Brechung, von der Buttgereit hier spricht, betrifft vor allem die unkonventionelle Darstellung der Nekrophilie. Ohnehin ist das Verhältnis moderner westlicher Kulturen zum Tod zwiespältig, denn obwohl der Mensch mit der Unausweichlichkeit (bei gleichzeitiger Unvorstellbarkeit) des eigenen Todes konfrontiert ist, wird dieser räumlich wie diskursiv aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Der Film selbst inszeniert die traute Dreisamkeit als romantische und erfüllte Liebesbeziehung; die ekstatischen Sex-Szenen werden untermalt von emotionaler Klaviermusik, es sind zarte und liebevolle Gesten, die sich zwischen Betty und der Leiche abspielen, wenn sie ihr im Bett vorliest und währenddessen Pralinen nascht. Dabei vermeidet Nekromantik jede Möglichkeit, die ästhetisierten Szenen durch humoristische Elemente aufzulockern und zu entschärfen, so dass dem Zuschauer eine Distanzierung zunehmend erschwert wird.

Nekromantik

Mußestunden zu Dritt

Der Zuschauer allein muss entscheiden, ob er Robert für ein Monster hält, doch eine klare Positionierung wird dadurch erschwert, dass er eine Symbiose aus Opfer und Täter bildet. Die Handlung entwickelt sich nach einer inneren Logik, an deren Ende Robert als tragische Figur, als Opfer der Umstände erscheint, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte – dennoch verstößt er gegen geltende Moral- und Normvorstellungen, wird letztlich sogar zum zweifachen Mörder. Diese fehlende Stigmatisierung führt auch deswegen zu einer Verunsicherung des Zuschauers, weil er sich im Gegenzug nicht der eigenen Normalität versichern kann. Der Film arbeitet vielmehr mit dem Mittel der Kontrastierung, wodurch das soziale Umfeld wesentlich unsympathischer wirkt als das “Monster“ selbst. Anstatt Robert als perverses Ungetüm darzustellen, solidarisiert Nekromantik den Zuschauer durch die subjektive Wahrnehmung mit dem Abgründigen.

Nekromantik

Brutaler Täter oder Mitleid erweckendes Opfer?

Ein selbstgefälliger Kleingärtner erschießt bei seinem sorglosen Gebaren mit dem Luftgewehr mal eben einen jungen Mann, nur, um diesen anschließend in einem Tümpel verschwinden zu lassen und so der Verantwortung zu entgehen. Die Kollegen von „Joe‘s Säuberungsaktion“, der Unfall- und Tatortreinigungsfirma, sind abgestumpfte Burschen, einer von ihnen merkt grölend an, das junge Mordopfer im Tümpel habe sich „ganz schön schlechtes Wetter zum Baden ausgesucht.“ Selbst Betty reagiert eiskalt, als Robert seine Anstellung und damit seinen Nutzen für sie verliert. Perversion und Gewalt, das legt Nekromantik nahe, lassen sich nicht ausgrenzen in die Sphäre des Anderen. Sie lauern dort, wo wir sie am wenigsten erwarten: in der kleinbürgerlichen Idylle des Schrebergartens ebenso, wie am Arbeitsplatz oder im Verhältnis von Mann und Frau.

Nekromantik

Arbeitsalltag für Rob und seine abgebrühten Kollegen von „Joe’s Säuberungsaktion“

Das Verhältnis der Individuen zueinander offenbart eine existentielle Isolation, eine gegenseitige Entfremdung und vor allem eine vollkommene Gleichgültigkeit demgegenüber. Lediglich Robert leidet an einer tiefen Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbundenheit, die sich in der Beziehung zu Betty letztlich nicht erfüllt und möglicherweise auch nicht erfüllen konnte. Die Situation wirkt ausweglos, wenn man die wenigen Dialoge betrachtet, die überhaupt geführt werden: Sämtliche Unterhaltungen, ob zwischen zufälligen Passanten, Arbeitskollegen oder sogar Liebespaaren, sind geprägt von einem aggressiven und respektlosen Grundton. Während Robert dieses Leben schließlich nicht mehr erträgt, nehmen die übrigen Figuren die zwischenmenschlichen Grenzen um sie herum bis zuletzt nicht einmal wahr.

Nekromantik

Verlassen, verzweifelt und verloren

Selbst das eigene Heim ist in Nekromantik kein verlässlicher Ort der Geborgenheit und (familiären) Liebe mehr. Ein kurzer Blick über das Interieur von Robert und Betty erweckt vielmehr den Anschein, man habe es mit einem Kuriositätenkabinett zu tun: Die Wände werden geziert von Photographien berühmter Mörder und Postern aus Pornomagazinen, das Bett ist eingefasst in Hasendraht und im Regal stehen zahllose Einmachgläser mit in Formaldehyd konservierten menschlichen Händen, Augen, Innereien und sogar einem Embryo samt Nabelschnur. Inmitten des banalen Alltags der Großstadt schlummert die Irrationalität, schlummert das Unheimliche. Nicht in dunklen Kellergewölben oder auf düsteren Friedhöfen wird die Nekrophilie ausgelebt, sondern bezeichnenderweise – gemäß dem Diktum des Psychoanalytikers Sigmund Freud, dass unheimlich irgendwie eine Art von heimlich ist – in einer gewöhnlichen Mietwohnung.

Nekromantik

Trautes Heim, Glück allein?

Die Monster verbleiben bei Buttgereit nicht als Antagonisten im Schatten eines Helden, sondern werden selbst zu den Protagonisten der Handlung. Ein Identifikationsangebot für den Zuschauer in Form einer Gegeninstanz oder anderer Sympathieträger gibt es nicht und so bleibt nur die Perspektive des Hauptcharakters. Die Rätselhaftigkeit der Figur, über deren Vergangenheit und Motivation der Film kaum etwas preisgibt, bietet aber kein (befriedigendes) Erklärungsmuster für ihr Verhalten an. Die moralische Einbettung des Ganzen bleibt dem Zuschauer auf filmischer Ebene verwehrt, eine distanzierte Position einzunehmen, macht Nekromantik aber ebenfalls unmöglich. Die Grenze zwischen dem Eigenen und dem abweichenden Anderen wird uneindeutig, wenn der Zuschauer sich fragen muss, ob er in Robert ausschließlich den Täter sieht – oder auch das Produkt einer monströsen Gesellschaft.

Bildquelle: Nekromantik © Media Target Distribution

Catherin

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