Darlin‘ (2019) – Review

Darlin

Am 29. November 2019 erscheint mit Darlin‘ der letzte Teil der „Kannibalen“-Reihe rund um die Figur „The Woman“ aus der Feder von Jack Ketchum. Wir haben den Film vorab geschaut und verraten euch, ob sich ein Blick lohnt.

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Regie:
Drehbuch:
Cast:
VÖ:

Darlin‘
USA
101 Minuten
Pollyanna McIntosh
Pollyanna McIntosh
Lauryn Canny, Pollyanna McIntosh, Nora-Jane Noone u.a.
Ab 29.11.2019 im Handel

Hintergründe & Inhalt

Warnung: In den folgenden zwei Absätzen folgen Spoiler vor allem zu The Woman dem direkten Vorgänger von Darlin‘.

Der 2018 verstorbene Jack Ketchum zählte zu den wichtigsten Horrorautoren unserer Zeit. Bereits in seinem Frühwerk beschäftigte sich der Schriftsteller immer wieder mit dem Thema des Kannibalismus und schuf 1979 mit „Beutezeit“ den Grundstein für seine Geschichten rund um einen Kannibalenstamm. Ketchums Nachfolger „Beutegier“ (1991) gelang 2009 auch der Sprung auf die große Leinwand, wofür der Autor selbst das Drehbuch beisteuerte. 2011 schrieb Ketchum dann zusammen mit Lucky McKee (May) gleichzeitig an einer weiteren Romanfortsetzung und an einem Drehbuch zu einem weiteren Film: The Woman. Während sich die ersten zwei Romane noch stark auf den ganzen Kannibalenstamm konzentrierten, setzt The Woman die letzte Überlebende des Kannibalenstammes in den Fokus. Diese wird im Wald von einem Familienvater gefangen genommen und eingesperrt. Während der Mann versucht, die Kannibalin zu zivilisieren, wird das zerrüttete Verhältnis der Familie offensichtlich. Nur die beiden Töchter, Peggy und Darlin‘, scheinen der Gefangenen helfen zu wollen. Als die Situation eskaliert, sterben die Eheleute und deren Sohn, während die Frau mit den beiden Mädchen im Wald verschwindet.

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Darlin‘ setzt zehn Jahre nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft bei der sadistischen Familie an. „The Woman“ (Pollyanna McIntosh, Let Us Prey) lebt inzwischen zusammen mit einer der Töchter der Familie in der Wildnis. Aus einem zunächst unbekannten Grund wird das Mädchen, genannt Darlin‘, von ihrer Ziehmutter in ein katholisches Krankenhaus gebracht, während diese wieder verschwindet. Auf sich allein gestellt, verängstigt und nicht in der Lage zu sprechen, muss sich Darlin‘ (Lauryn Canny) in einer ihr fremden Welt zurechtfinden. Unterstützung erhält sie zunächst vom Pfleger Tony (Cooper Andrews, The Walking Dead), der ihr zwar aufrichtige Fürsorge entgegenbringt, aber auch nicht verhindern kann, dass sie in eine katholische Mädchenschule gebracht wird. Der leitende Bischof (Bryan Batt, Scream: The TV Series) hat allerdings nicht aus reiner Nächstenliebe ihrer Resozialisierung angenommen, sondern benutzt das Mädchen als PR-Maßnahme. Durch die Dokumentation ihrer „Läuterung“ soll genug Geld und Prestige abfallen, um die Gemeinde vor der Pleite zu bewahren. Aber auch ihre Ziehmutter hat sie keineswegs aufgegeben und begibt sich auf die Suche nach ihr.

Kritik

Mit ihrem Debütfilm steuert die Schottin Pollyanna McIntosh nach Offspring und The Woman den dritten Teil zur Reihe bei und wandelt dabei als Regisseurin und Co-Autorin auf den Spuren jener Figur, die sie bereits seit einem Jahrzehnt auf der Leinwand verkörpert. Dabei greift sie nicht nur die Geschichte um ihre altbekannte Wegbegleiterin auf, sondern beschreitet neue Pfade und schafft einen sozialkritischen Horrorfilm aus einer stark weiblichen Sicht. Den Vergleich mit seinen Vorgängern muss McIntosh sich wohl gefallen lassen, diese Perspektive wird dem Film aber nicht gerecht. Während Andrew van den Houten mit Offspring die schmale Trennlinie zwischen Zivilgesellschaft und Marginalisierung thematisierte, blickte Lucky McKee mit The Woman vor allem auf die zerstörerische Kraft der Gesellschaft auf die Weiblichkeit. In Darlin‘ verknüpft McIntosh diese beiden Motive zu einem dynamischen Werk über Gewalt, die aus Misogynie und Sexismus entsteht, und beleuchtet dabei auch die Rolle der katholischen Kirche.

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Vor allem in der westlichen Welt ist die christliche Religion nicht nur ein Teil des sozialen und gesellschaftlichen Wertesystems, sondern hat dieses auch geschichtlich geprägt. Inszeniert sich vor allem die katholische Kirche gerne als ein Ort der Liebe und Geborgenheit, ist sie in Darlin‘ ein Platz für Gewalt, sexuellen Missbrauch und Ausgrenzung. McIntosh versteht es, diese Widersprüchlichkeit eindringlich in Szene zu setzen. So trägt das Internat den Namen einer christlichen Märtyrerin, die als Schutzheilige der Kinder, der werdenden Mütter, Gefangenen und Gefolterten gilt, während im Zimmer des Bischofs martialische Gemälde hängen, die Unterdrückung und Machtanspruch zum Ausdruck bringen. Allgemein sorgen die Räumlichkeiten des Mädcheninternats für eine anhaltende unangenehme Atmosphäre und ein Gefühl der Unruhe, auf die Spitze getrieben durch die karikatureske Präsenz des Bischofs. Bereits in den ersten Leinwandminuten zeigt er sich dem Zuschauer von einer ganz und gar unchristlichen Seite. Gegenüber den Mädchen und den Nonnen setzt er seinen Machtanspruch konsequent durch und schreckt auch nicht vor Manipulation und Drohungen zurück. Bryan Batt versteht es, seine Figur zwischen Perversion und kapitalistischem Kalkül anzulegen.

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Doch der Bischof ist nicht die einzige negative Figur, auch andere Geschlechtsgenossen tun es ihm gleich, wenn sie Frauen vollkommen unbegründet als „Hure“ beschimpfen oder physische und psychische Gewalt anwenden. Diese Männer formen und kontrollieren den weiblichen Körper und bestimmen über (Ab-)Normalität. Diese wird im Film auch auf andere Lebensbereiche ausgeweitet, denn die katholische Kirche lehnt Lebensentwürfe ab, die dem konventionellen Bild nicht entsprechen. So wird Pfleger Tony als Gegenentwurf eingeführt, der Darlin‘ gegenüber mitfühlend auftritt und aufrichte Sorge entwickelt, und dem in der Vergangenheit selbst eine Adoption verweigert wurde, weil er in einer homosexuellen Partnerschaft lebt. Somit entstehen im Film eine starke Dynamik und Emotionalität, die auch an den dunkelsten Ecken ein bisschen Wärme versprüht.

Neben Batt und Andrews sind es vor allem die Schauspielerinnen, die den Film zu einem Erlebnis machen. Allen voran Lauryn Canny, die als Darlin‘ zwischen zwei Extremen auf der Suche nach ihrer Identität ist. Sie springt zwischen verzweifelter Aggression und zarter Verletzlichkeit und lässt die Zuschauer dabei dennoch nie vergessen, dass eine unsichtbare Gefahr von ihr ausgeht. Besonders bewegend sind ihre kindliche Naivität und Unschuld, mit der sie die einfachsten sozialen Interaktionen erlernt und schließlich die Vergangenheit mit ihrer Ziehmutter in Frage stellt. Lauryn Canny bringt Gestik, Mimik und Körpersprache auf den Punkt.

Aber nicht nur Darlin‘ sucht ihren Platz in der Welt, auch ihre Mitbewohnerinnen aus dem Mädchenheim versuchen in einer finsteren Welt zu überleben. Die Erfahrungen der Mädchen kulminieren in einem weiblichen Trauma, das alle zusammenschweißt. Freundschaft steht der Angst, dem Drogenmissbrauch und der Verdrängung gegenüber. Jedes Mädchen hat sein eigenes Päckchen zu tragen, aber sie unterstützen und helfen sich gegenseitig. Die Kritik richtet sich klar gegen die Männer im Film, die Dominanz über Weiblichkeit ausüben und kontrollieren wollen, wie und wann Frauen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen.

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Während Darlin‘ mit anderen Menschen kommunizieren kann, war die Figur der kannibalistischen Frau nie Teil der zivilisierten Gesellschaft und bekundet auch kein Interesse daran. McIntoshs Rolle bleibt im Hintergrund und lässt Darlin‘ genug Freiraum. Dass die beiden Frauen nur in Rückblenden, sowie zu Beginn und am Ende zusammen auf der Leinwand zu sehen sind, ist einer der wenigen Punkte, der zu bemängeln ist.

Durch die Trennung der beiden Figuren kommt es zu zwei Handlungssträngen, einerseits die Coming-of-Age-Geschichte von Darlin‘, andererseits die brutale Odyssee ihrer Mutter, die sich konsequent durch das Krankenhaus und die Umgebung des Mädcheninternats metzelt und dabei noch für einige denkwürdige Kills kommt. Erst zum Finale gelingt es der Regisseurin die beiden ungleichen Geschichten zu verbinden, was zwischenzeitlich dazu führt, dass der Film seine Richtung verliert.

Fazit

Trotz kleinerer Abstriche gelingt es Pollyanna McIntosh einen spannenden Film zu kreieren, der mehr ist als nur ein leidiger Abschluss einer Trilogie. Sie verbindet Coming-of-Age-Drama und Gesellschaftskritik mit den Merkmalen eines Horrorfilms. Es gelingt ihr Geschlechterdynamiken durch die einzelnen Figuren offenzulegen und diese zu hinterfragen. Nicht nur Darlin‘ mit ihrem emotionalen und sexueller Erwachen steht im Vordergrund, sondern auch die Positionen der anderen Frauen, die sich am gesellschaftlichen Rand bewegen: Pflegekinder, Prostituierte, Nonnen und Opfer von Missbrauch.

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 3 von 5
HärteRating: 2 von 5
UnterhaltungRating: 3 von 5
AnspruchRating: 3 von 5
GesamtwertungRating: 3 von 5

Ab 29.11.2019 im Handel:

Bildquelle: Darlin‘ © capelight pictures

Jana

Horrorfilme… sind für mich eine Möglichkeit, Angstsituationen zu erleben, ohne die Kontrolle zu verlieren. Es ist eine positive Art der Angst, da sich ein Glücksgefühl einstellt, sobald man die Situation durchgestanden hat. Es ist nicht real – könnte es aber sein. Das ist furtchteinflößend und gleichzeitig faszinierend.
Jana

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