May (2002) – Review

May

May ist wundervoll, schräg, gruselig und witzig. Ein einfühlsamer Film über all die Weirdos und Außenseiter da draußen, die sich mit sozialen Konventionen schwer tun.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

May
USA
93 Minuten
Lucky McKee
Lucky McKee
Angela Bettis, Jeremy Sisto, Anna Faris u.a.

Im Mittelpunkt dieses Films steht die titelgebende May (Angela Bettis, Carrie, 2002), die schon in ihrer Kindheit Probleme hatte, Freunde zu finden. Die Augenklappe, die sie als junges Mädchen tragen musste, war dabei sicherlich auch keine große Hilfe und ihre Mutter erst recht nicht. „Wenn du keinen Freund findest, dann mach dir einen.“ Mit diesen Worten bekam May eine überaus gruselige Puppe geschenkt, die von nun an ihr bester Freund sein sollte, wie es schon bei ihrer Mutter der Fall war.
Jahre später trägt die inzwischen erwachsene May zwar keine Augenklappe mehr und arbeitet als Tierarzt-Assistentin, was ihr Spaß macht, aber der Kontakt zu Menschen fällt ihr nach wie vor schwer. Von nun an folgen wir Mays Suche nach einem Freund und menschlicher Nähe – woran sie schlussendlich zerbrechen wird.

Eine der größten Stärken von May ist seine ganz besondere Herangehensweise an die Thematik. May ist zwar im Grunde ein Horrorfilm, verhält sich aber nicht wie einer. Zu Beginn ist der Film gespickt mit witzigen Szenen rund um Mays morbide Spleens und ihren Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Doch je weiter sich die Geschichte entfaltet, desto düsterer wird die Stimmung. Im Kern ist May eine Charakterstudie und steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Angela Bettis meistert diese herausfordernde Aufgabe bravourös. Mit dem Stimmungswechsel begibt sich der Film auf dünnes Eis und riskiert dabei, dass die späteren Horror- und Drama-Elemente lächerlich wirken. Bettis Schauspiel ist jedoch trotz aller grotesker Absurditäten immer erstaunlich geerdet und schafft es somit,  die aufgebaute Beziehung zu mir als Zuschauer durchgehend zu halten.

Ein großes Lob gebührt Drehbuchautor und Regisseur Lucky McKee (The Woman), der den Film konsequent aus Mays Sicht erzählt und seiner Protagonistin bis zum blutigen, wahnsinnigen Ende die Stange hält. Mit der Charakterzeichnung von May gelingt McKee ein sehr einfühlsames Portrait eines „Monsters“. Hier dienen die gezeigten Verbrechen nie der reinen Unterhaltung, sondern sind Mittel der spannenden Charakterstudie. Eine Qualität, die leider viel zu viele Horrorfilme vermissen lassen.

May

Auch die Nebencharaktere sind nicht einfach nur Stichwortgeber für die Protagonistin, sondern ebenfalls sehr nuanciert gezeichnet. So ist Mays Schwarm Adam (Jeremy Sisto, Wrong Turn) keineswegs eine hohle Sportskanone, wie wir es in etlichen Genre-Filmen schon gesehen haben, sondern Horror-Filmer und großer Argento-Fan. Und selbst hier widersteht McKee der Verführung auf Klischees zurückzugreifen und zeichnet das Bild eines intelligenten, geselligen, jungen Mannes, der zwar von Horrorfilmen fasziniert ist, sie aber durchaus von der Realität unterscheiden kann. Etwas das für May grundsätzlich, aber vor allem im Laufe des Films zunehmend ein Problem darstellt. In einer Szene zeigt er May seinen für die Universität gedrehten Kurzfilm, in dem ein Pärchen zusammen picknickt, um sich im späteren Verlauf gegenseitig aufzufressen. May ist mit ihrer Ader für Morbides sehr angetan und ihre einzige Kritik besteht darin, dass sie es für weit hergeholt hält, dass die Frau dem Mann in einem Biss den Finger abtrennen kann.
Diese Szene zeigt ein gelungenes Beispiel dafür, dass wir durch die Nebencharaktere May besser kennenlernen können, aber sie dienen nie als Vertretung einer normierenden Realität. Der Horror-Nerd Adam, ihre experimentierfreudige Arbeitskollegin Polly (Anna Faris, Scary Movie) und der Punk Blank (James Duval, Donnie Darko) sind selbst Spiegelbild einer vielfältigen Gesellschaft und entsprechen nicht irgendwelchen sinnfreien Idealbildern. Solche idealisierten Charaktere glänzen in McKees Welt von May grundsätzlich mit Abwesenheit und das ist zur Abwechslung sehr angenehm.

May

Außergewöhnlich ist jedoch nicht nur McKees Drehbuch, sondern auch seine subtile Inszenierung. Wie schon bei der Story, schert er sich auch hier einen feuchten Kehricht um Genre-Konventionen. Gerade in einer besonders grausamen Szene mit blinden Kindern und Glasscherben arbeitet McKee komplett entgegen der Exploitation-Erwartung des Horror-Publikums. Zudem findet er im großen blutigen Finale eine unfassbar ästhetische Bildsprache, der es gelingt das Blutbad aus Mays Perspektive zu zeigen. Mit sehr viel Fingerspitzengefühl schafft er es, ihre Sicht wie einen Vorhang über die Szenen zu legen und dennoch die schauerhafte Realität immer wieder durchblitzen zu lassen.

Fazit

Lucky McKee macht bei May alles richtig. Nach einer schmerzhaften und traurigen Reise sind wir gemeinsam mit May am Ziel angekommen. Selbst die letzte Einstellung, die in anderen Filmen vielleicht als kitschig belächelt werden würde, trifft hier emotional noch einmal ins Schwarze, weil wir Mays Reise verstehen und mit ihr mitfühlen können. I see you, May.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 5 von 5

Bildquelle: May © NSM Records

Florian Halbeisen
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