Vidar the Vampire (2017) – Review

Vidar

In Thomas Aske Bergs und Fredrik Waldelands schwarzhumorigen Genrebeitrag Vidar the Vampire erfährt ein frustrierter Landwirt am eigenen Leib, dass das Leben nicht leicht ist – auch nicht als Vampir. Wir durften vorab Vidar auf seinem blutigen Abenteuer begleiten.

Originaltitel: Vampyr Vidar
Land: Norwegen
Laufzeit: 83 Minuten
Regie: Thomas Aske Berg, Fredrik Waldeland
Drehbuch: Thomas Aske Berg, Fredrik Waldeland
Cast: Thomas Aske Berg, Kim Sønderholm, Brigt Skrettingland u.a.
VÖ: ab 26.02.2021 im Handel

Inhalt

Vidar (Thomas Aske Berg) war schon immer ein guter Junge – seit seiner Jugend bewirtschaftet er den familiären Bauernhof und kümmert sich aufopferungsvoll um seine Mutter. Sich selbst hat er darüber vollkommen vergessen, lebt mit 33 Jahren immer noch in seinem winzigen Kinderzimmer und beobachtet das Leben, wie es vorbeizieht. Das ändert sich schlagartig, als er in seiner Verzweiflung das Abbild Jesus Christus anfleht, ihn aus der Eintönigkeit zu befreien und ihm in einer halluzinogenen Traumsequenz der Erlöser (Brigt Skrettingland) leibhaftig gegenübersteht. Dieser entpuppt sich jedoch anders als erwartet als Vampir und bietet auch Vidar die Möglichkeit, sein trostloses Dasein hinter sich zu lassen und unsterblich zu werden. Vidar nimmt an und was folgt, ist nicht nur der schmerzhafte Ausbruch aus seiner strenggläubigen Gemeinde, sondern auch ein surrealer Trip durch das norwegische Nachtleben, was schließlich bei einem Therapeuten (Kim Sønderholm) endet.

Kritik

Unsterblichkeit, übermenschliche Stärke, Attraktivität und die Fähigkeit der Verwandlung – die Vorstellung des modernen Vampirs findet seit „Der Vampyr“ von John Polidori aus dem Jahre 1816 regelmäßig ihren Weg in Literatur und Film und begründete das gesamte nachfolgende Genre. Unsere lieb gewonnenen Kreaturen der Nacht sind verführerisch, raffiniert, oftmals mit aristokratischem Hintergrund und wissen ihre Grausamkeit zu überspielen. Eigenschaften, die Titelheld Vidar weder als Mensch noch als Vampir besitzt und auch sein Alltag ist keineswegs von Erotik durchdrungen. Die Idee des nächtlichen Verführers findet in der männlichen Jungfrau Vidar ihr karikaturistisches Ende.

Vidar

Vidar ist ein dankbarer Charakter, denn er ist lustig, wenn er es sein muss, erregt Mitgefühl, wenn sie nötig scheint, und erzeugt Abscheu, wenn diese gerechtfertigt ist. Denn unter Naivität und ländlichem Charme verbirgt sich ausgeprägter Selbsthass und Unsicherheit, und die Erfüllung sexueller Fantasien wird immer von Vidars sozialer Unbeholfenheit unterbrochen, was dieser nur zu gerne seinen weiblichen Opfern anlasten würde. Damit bewegt sich der Film auf Messers Schneide zwischen Billigung und Verurteilung von Vidars Verhalten, denn einerseits ist er in seiner nörgelnden, jammernden Routine die ironische Manifestation für männliches Selbstmitleid angesichts Zurückweisung und weiblicher Dominanz, andererseits kommt es zu beunruhigenden, unglücklich gewählten Szenen, von denen sich der Film nicht ganz erholen kann. Glücklicherweise schafft der Protagonist die Läuterung, denn er kann schlussendlich seine innere Natur nicht überwinden und steht nun vor der Ewigkeit in Einsamkeit. Vampirismus ist hier kein Ausweg aus einem bedeutungslosen Leben, denn Vidar selbst bleibt der, der er nun einmal ist. Seine verzweifelten Versuche, dem unkontrollierbaren Verlangen nach Blut mithilfe einer Selbsthilfegruppe und eines Psychotherapeuten entgegenzuwirken, bleiben erfolglos.

Vidar

Eng verknüpft mit Vidars verspäteter Comic-of-Age-Geschichte ist der bitterböse Blick auf christliche Religionen und deren Institutionen. Offensichtlich ist Berg und Waldeland nichts heilig, und in ihrer unbarmherzigen Blasphemie dekonstruieren sie Religiosität in ihrer ganzen Absurdität. Angefangen bei einer streng christlichen Lebensweise und verstörender christlicher Ikonographie, die radikal uminterpretiert wird, was schließlich in einem nackten, wollüstigen Jesus gipfelt, der buchstäblich sein Blut in einer heiligen Kommunion spendet. Spannenderweise verwischen im Zusammenhang mit der Figur Jesus die Grenzen zwischen den verschiedenen Arten religiöser Hingabe, die sowohl spirituelle Liebe als auch fleischliche Gelüste wie Oralverkehr beinhalten.

Vidar

Abseits der Story bietet Vidar the Vampire den Zuschauenden exzellente Kameraarbeit, kreative Effekte und einen fast schon melancholischen Soundtrack, der gekonnt die Lebenssituationen Vidars kommentiert. Kameramann John Iver Berg dokumentiert neben weitläufigen Landschaften und beengtem menschlichen Miteinander insbesondere die surrealen Bilder wie beispielsweise eine Flucht durch ein unterirdisches Höhlensystem oder einen schwebenden, in ein weißes Leichentuch gehüllten Vidar, der wie Graf Orlock seinem Sarg entsteigt und in Jesus-Manier vor einem Kreuz schwebt. Zu keinem Zeitpunkt spürt man das geringe Budget des Films, sondern vielmehr die Sorgfalt und das Herzensblut, die im Endprodukt stecken.

Vidar

Fazit

Mit Vidar the Vampir geben Berg und Waldeland ein solides Spielfilm-Regiedebüt und sorgen mit ihrer unterhaltsamen, wenn auch bitterbösen Vampirgeschichte für gute Unterhaltung. Trotz einiger kleiner Abstriche, insbesondere durch einige Längen in der zweiten Hälfte, besticht die Tragikomödie mit feinsinnigen Figuren, religiösen Tabubrüchen und einer Prise Warmherzigkeit – und kreiert dabei eine ganze eigene Art von Traurigkeit und Melancholie.

Bewertung

Grauen Rating: 2 von 5
Spannung Rating: 3 von 5
Härte  Rating: 1 von 5
Unterhaltung  Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 2 von 5
Gesamtwertung rating3_5

ab 26.02.2021 im Handel:

Bildquelle: Vidar the Vampire © Neue Donau Film e.K.

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