Die neun Pforten (1999) – Review

Die neun Pforten

Mit Die neun Pforten veröffentlichte Roman Polański kurz vor der Jahrtausendwende einen in der Filmografie des Meisterregisseurs oftmals fahrlässig unterschätzten Mystery-Thriller. Häufig missverstanden, wird er vielerorts als einer von Polanskis schwächeren Filmen gehandelt – völlig zu Unrecht.

Originaltitel:The Ninth Gate
Land:Frankreich/Spanien
Laufzeit:128 Minuten
Regie:Roman Polański
Drehbuch:John Brownjohn, Enrique Urbizu, Roman Polański
Cast:Johnny Depp, Emmanuelle Seigner, Frank Langella u.a.

Inhalt

Der Antiquar Dean Corso (Johnny Depp, Sleepy Hollow) ist ein Spezialist, wenn es darum geht, rare und kostbare Bücher zu beschaffen – nicht selten mit unlauteren Mitteln. Einer seiner langjährigen Kunden ist der reiche Sammler Boris Balkan (Frank Langella, Dracula), der Corso für einen neuen Auftrag engagiert. Der „Buch-Detektiv“ soll für ihn die Echtheit seines Buches „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ prüfen, von dem es auf der Welt noch zwei weitere Exemplare gibt. Balkan selbst hat das Buch von einem anderen Sammler namens Andrew Telfer erworben, der sich nur einen Tag nach Abschluss des Handels aus unerklärlichen Gründen das Leben nahm. Nicht gewillt, sich das sehr lukrative Angebot Balkans entgehen zu lassen, reist Corso daraufhin erst durch die USA und später weiter nach Spanien, Portugal und Frankreich, um Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Exemplaren anzustellen. Eine namenslose Frau (Emmanuelle Seigner, Frantic) scheint ihm bei diesem Unterfangen auf Schritt und Tritt zu folgen. Es dauert nicht lange, bis mysteriöse Vorfälle sich häufen und beim Wettlauf um das echte Exemplar die ersten Menschen sterben…

Kritik

Roman Polański ist ein außergewöhnlicher Filmemacher. Mit seiner Mieter-Trilogie, bestehend aus Ekel, Rosemaries Baby und Der Mieter hat er einige der besten psychologischen Horrorfilme überhaupt geschaffen. Über die Jahrzehnte hindurch hat er verschiedenste Genres bedient und in seinen Filmen stets Anspruch und subtile Spannung miteinander verwoben. Umso erfreulicher ist es, dass er sich viele Jahre nach der Mieter-Trilogie mit seinem Mystery-Thriller Die neun Pforten noch einmal in zumindest artverwandte Gefilde zurückbegeben hat und zwar weniger experimentell, aber dafür erneut sehr versiert die Möglichkeiten des Genres auslotet und aus einer neuen Perspektive betrachtet hat.

Die neun PfortenDenn im Gegensatz zu den drei eingehend genannten Meisterwerken scheint Die neun Pforten auf den ersten Blick vor allem eines zu sein: vorhersehbar. Finstere Intrigen, das wird schnell klar, werden hinter den Kulissen gesponnen, während sich Corso bei seinen Nachforschungen über die drei Exemplare von „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ immer tiefer in ein Netz aus jenen düsteren Machenschaften verfängt. Wer hier die Fäden zieht und ob es eventuell sogar mehrere konkurrierende Parteien aufeinander abgesehen haben, darüber werden wir lange Zeit im Dunkeln gelassen.

Dennoch scheint die Auflösung auf der Hand zu liegen: Während sich die mysteriösen Todesfälle um Corso herum häufen, kann nur ein satanistischer Kult hinter den Verbrechen stecken. Polański legt ganz bewusst eindeutige Fährten aus, um unsere Aufmerksamkeit weg von des Rätsels großer Lösung hin auf die Details der Geschichte zu lenken. Es scheint ihm hier weniger um das große Ganze zu gehen als um die vielen kleinen Andeutungen des Bösen, die oft im Verborgenen lauern und sich hinter vermeintlicher Sicherheit verstecken, um sich ganz unscheinbar ins Bewusstsein der Zuschauenden zu schleichen.

Die neun PfortenAus diesem Grund lässt sich der Altmeister außergewöhnlich viel Zeit beim Erzählen seiner Geschichte, denn was in Die neun Pforten am meisten zählt, ist die Atmosphäre. Indem wir also schon früh zu wissen glauben, wohin die Reise Corso führen wird, lenkt Polański unsere Blicke auf Nebensächlichkeiten, die auf den zweiten Blick oftmals deutlich erschreckender anmuten, weil sie sich, unsichtbar für den flüchtigen Blick, beinahe unbemerkt einschleichen und dadurch für eindringliche Verunsicherung sorgen. Der stetig steigende Alkoholkonsum Corsos beispielsweise wird nie konkretisiert, geschweige denn explizit angesprochen. Polański verhandelt den Einfluss des Alkohols in Wechselwirkung mit den Ereignissen aber sehr wohl, nur tut er dies sehr subtil, in vereinzelten Blicken und Gesten. Der steigende Alkoholkonsum trübt fortwährend Corsos Blick auf das Zusammenlaufen der einzelnen Fäden, die wir schon längst durchschaut zu haben glauben.

Die neun PfortenDie drastische Überbelichtung, die sich fast durch den gesamten Film zieht, erweckt den Anschein von gestelzter Künstlichkeit, die Helligkeit den von vermeintlicher Sicherheit, in die später eine bösartige Finsternis brachial einbrechen wird. Oder aber wenn unser Blick langsam durch üppig ausgestattete Privat-Bibliotheken manövriert wird und plötzlich vor Spiegeln im Hintergrund gegossene Büsten stehen, die auf den ersten flüchtigen Blick wie dämonische Fratzen erscheinen: Polańskis persönliche Handschrift ist überall zu spüren, indem er wie in fast allen seinen Filmen ein kaum spürbares, schleichendes Übel in den sicher geglaubten Alltag kriechen lässt, das sich unbemerkt unter der Haut einnistet und dort für nachhaltigen Schrecken sorgt. Polański geht in Die neun Pforten bei seinem Storytelling äußert ökonomisch vor, stellt sämtliche Details in den Dienst einer authentischen, ja fast greifbaren Welt innerhalb des Films und demonstriert auf diese Art erneut eindrucksvoll sein unglaubliches Talent als Regisseur.

Die neun PfortenWenn am Ende dann genau das Szenario eintrifft, das man vorhergesehen hat, schafft es Die neun Pforten dennoch zu überraschen. Die erwartete Klimax wirkt in ihrer unspektakulären Nüchternheit schon wie eine Persiflage, wenn wohlhabende Geheimverbände, wie man sie prominent aus Stanley Kubricks Eyes Wide Shut kennt, der Absurdität ihres satanistischen Treibens preisgeben werden, indem die Satansbeschwörung gemäß den Gesetzen der Logik ausbleibt, sich jedoch dann an ganz anderer Stelle doch noch ein viel schlimmeres Höllenfeuer auftut. Die neun Pforten spielt insofern nicht mit der eigens induzierten Erwartungshaltung, als dass er sie unterwandern würde, sondern erfüllt sie ganz bewusst, um stattdessen mit der Aufmerksamkeit und dem Genre-Verständnis der Zuschauenden zu spielen. Viele übliche Fragen werden aufgeworfen, die meisten Antworten darauf scheinen jedoch keinen rechten Sinn zu ergeben. Über das Intrigen-Netz, in dem sich der Protagonist verfängt, webt Polański ein noch größeres, in das wir selbst blindlings hineinstolpern. Sich am Ende einen plausiblen Reim darauf zu machen, bleibt jedem selbst überlassen. Das Spiel der namenlosen Frau, die bis zum Ende das größte Mysterium des Films darstellt, ist damit jedoch noch längst nicht zu Ende gespielt.

Die neun Pforten

Fazit

Die neun Pforten ist ein wahres Kunststück, das leider noch immer viel zu häufig missverstanden wird. Polański seziert in akribischer Kleinarbeit die Mechanismen, die einen Mystery-Thriller für gewöhnlich auszeichnen, nimmt sie auseinander und ordnet sie auf eine überaus präzise Art und Weise neu an, sodass nichts dem Zufall überlassen wird. Effekthascherei und Spannung zum Nägelkauen sucht man vergebens, stattdessen steckt der Teufel im wahrsten Sinne des Wortes im Detail. Bisweilen driftet Die neun Pforten in die Gefilde einer Persiflage ab, behält dabei jedoch stets seine vereinnahmende, unheilvolle Atmosphäre, die den Film ebenso rätselhaft werden lässt wie das namensgebende Buch selbst. Polański hat schon immer verstanden, dass eine ruhige und elegante Inszenierung nachhaltiger wirkt als es jeder offensichtliche Schreckmoment je könnte. Oberflächlichkeit weicht Subtilität, klare Antworten weichen eindringlicher Ungewissheit – seit jeher die Wurzeln eines jeden hervorragenden Mystery-Thrillers.

Bewertung

GrauenRating: 4 von 5
SpannungRating: 3 von 5
Härte Rating: 0 von 5
Unterhaltung rating3_5
Anspruch Rating: 5 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Die neun Pforten © STUDIOCANAL

Robert
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