Ekel (1965) – Review

Ekel

Roman Polańskis zweiter Spielfilm Ekel ist zugleich seine erste englischsprachige Arbeit. Das surreale Horror-Drama über eine junge Frau, die isoliert in ihrer Wohnung dem puren Wahnsinn verfällt, markierte sowohl für Polański als auch für seine Hauptdarstellerin Catherine Deneuve den internationalen Durchbruch.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Repulsion
Großbritannien
105 Minuten
Roman Polański
Roman Polański, Gérard Brach,
Catherine Deneuve, Ian Hendry, John Fraser u.a.

Inhalt

Ekel handelt von der jungen und ebenso schönen wie unnahbaren Carol (Catherine Deneuve, BegierdeBelle de Jour), die als Angestellte in einem Maniküre-Geschäft arbeitet und gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Hélène in einem großen Apartment in London wohnt. Für die jungfräuliche Carol stellt das ständige Ein- und Ausgehen des verheirateten Liebhabers ihrer Schwester eine psychische Zerreißprobe dar und auch den Annährungsversuchen ihrer männlichen Mitmenschen steht sie mit Abscheu gegenüber. Als Hélène mit ihrer Affäre für eineinhalb Wochen in den Urlaub fährt, zieht sich Carol immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld in die Isolation der Wohnung zurück und schon bald beginnt ihr Verstand, in eine albtraumhafte Welt aus subversivem Terror und sexuellen Wahnvorstellungen abzudriften…

Kritik

Bevor es allerdings zum unabdingbaren Niedergang Carols kommt, skizziert Polański ihren Alltag zwischen lethargischen Tagträumen und einem oberflächlichen sozialen Umfeld. Obwohl die Großstadt London nie direkt als solche mit treibenden Menschenmassen dargestellt wird, wird die kühle und oberflächliche Distanz zwischen den Figuren dennoch spürbar. Wenngleich Carols Alltag neben einigen Merkwürdigkeiten noch verhältnismäßig normal und harmlos verläuft, wird das Gefühl für die Zuschauer beinahe greifbar, dass irgendetwas Unheilvolles unter der brüchigen Fassade der sensiblen Frau schlummert und nur darauf wartet, an die Oberfläche zu gelangen.

Deutlich wird die Verletzlichkeit und Brüchigkeit von Carols Psyche bereits früh, wenn die beiden Schwestern einen kleinen Riss in der Küchenwand bemerken oder auch wenn Carol in der Stadt auf einer Bank sitzt, vor der der Betonboden langsam aufplatzt. Wie eine zerstörerische Abrisskugel kreist die Außenwelt permanent um die fragile Psyche der jungen Frau und scheint in jedem Moment kurz davor, ihren Schutzwall zu durchbrechen und ihre inneren Dämonen freizulassen. Diese Form der Visualisierung von Carols Innenleben ist nur eine der vielen Stärken von Ekel. Es ist bemerkenswert, wie brillant Polański den schleichenden und anfangs kaum merklichen Realitätsverlust seiner Protagonistin inszeniert, ohne dabei jedoch die Spannung zu vernachlässigen. Während sich der Horror erst allmählich in unsere Köpfe schleicht und uns bewusst wird, haben die Abscheu und das Entsetzen schon längst von Carol Besitz ergriffen.

Ekel

In weiterer Folge wird die Wohnung immer mehr zum albtraumhaften Mikrokosmos, der nicht nur das Innenleben seiner Bewohnerin spiegelt, sondern sie gleichzeitig schonungslos ihren Ängsten vor männlichen Kontakten aussetzt. Das Apartment scheint ein zwielichtiges Eigenleben zu entwickeln, indem es seine Eigenschaften wie die Größe der Zimmer oder die Anordnung von Möbeln negiert und die schrecklichen Halluzinationen der jungen Frau befeuert. Der Wahnsinn nistet sich wie ein Virus in Carols Kopf ein, verdirbt ihre Gedanken und zerstört dabei nach und nach ihren Bezug zur Realität. Allerdings unternimmt sie gar nicht erst den Versuch, sich gegen ihre finsteren Gedanken zur Wehr zu setzen, sondern nimmt diese wohlwollend in sich auf. Obwohl der Film seinen Horror hauptsächlich durch seine Bildsprache erzeugt, hat es sich Polański nicht nehmen lassen, auch eine ganze Handvoll effektiver Schockmomente in Ekel zu verstecken. Was in heutigen Produktionen zum Großteil als billige Jumpscares abgetan wird, wird hier grandios in Szene gesetzt. Gerade weil Ekel sich so sehr auf seine psychologische Suspense verlässt, sind die klaren Schockmomente dank ihrer Unvorhersehbarkeit umso kraftvoller und intensiver.

All diese Stufen des psychischen Zerfalls werden von Polański und seinem Kameramann Gilbert Taylor mit grandiosen Mitteln visualisiert. Durch die geschickt gelenkten Kamerafahrten und das geniale Spiel von Licht und Schatten erscheint die Wohnung immer surrealer und lebensfeindlicher und offenbart den Zuschauern eine bildhafte Veranschaulichung davon, mit welch erschütternder Konsequenz die Verwahrlosung und der Niedergang von Carols Geisteskraft sich vollziehen.

Ekel

Fazit

Roman Polanskis Ekel ist ein wahres Meisterwerk des surrealen Psycho-Horrors. Mit beeindruckenden handgemachten Effekten, einer virtuosen Kameraarbeit und einer riesigen Portion Raffinesse und Talent erschuf er einen Film, der vor Genialität nur so strotzt. Catherine Deneuve brilliert in ihrer Rolle, die sie zu einem internationalen Star machen sollte. Ihr Schauspiel ist makellos und lässt das Grauen im Kopf ihrer Figur für uns nicht nur spür- sondern auch greifbar werden. Dies im Zusammenspiel mit der audiovisuellen Inszenierung in all ihren Facetten und kleinen, aber folgenschweren Details lässt sich treffend auf ein Wort herunterbrechen, das ebenso das Gesamtwerk Ekel beschreibt: grandios.

 

Bewertung

GrauenRating5_5
SpannungRating: 4 von 5
Härte Rating: 2 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 3 von 5
GesamtwertungRating: 5 von 5

Bildquelle: Ekel © Arthaus

Robert

Horrorfilme sind für mich die beste Möglichkeit, die Grenzen des Zumutbaren und des eigenen Sehvergnügens auszuloten und neu zu definieren. Außerdem gibt es kaum ein anderes Genre, das so viele verschiedene gute Ideen, Möglichkeiten und Geschichten hervorbringen kann, da, ähnlich wie im Science-Fiction, einfach alles möglich ist. Es ist faszinierend, wie stark einen gute Horrorfilme in ihren Bann ziehen können und dabei sowohl schockieren als auch unterhalten.
Robert

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