Gretel & Hänsel (2020) – Review

Gretel & Hänsel

Gretel & Hänsel ist eine frische Horror-Adaption des Grimm’schen Märchens durch Oz Perkins (Die Tochter des Teufels). Wir haben uns für euch der Wandersuche angeschlossen und vom Hexenhäuschen genascht.

Originaltitel:Gretel & Hansel
Land:Kanada/Irland/USA/Südafrika
Laufzeit:87 Minuten
Regie:Oz Perkins
Drehbuch:Rob Hayes
Cast:Sophia Lillis, Samuel Leakey, Alice Krige u.a.
VÖ:Ab 09.07.2020 im Kino

„Nothing is given without something else taken away”

Gretel & Hänsel ist die dritte Regiearbeit von Oz Perkins nach Die Tochter des Teufels und I Am the Pretty Thing That Lives in the House, für die er jeweils auch das Drehbuch geschrieben hatte. Um das alte deutsche Märchen für die große Leinwand zu adaptieren hatte der Sohn von Anthony „Norman Bates“ Perkins dieses Mal Unterstützung beim Drehbuch von Rob Hayes. „Hänsel und Gretel“ gehört zu den beliebtesten Werken der Gebrüder Grimm und wurde seit Anbeginn des Kinos schon unzählige Male verfilmt, wobei gerade die Adaptionen der letzten Jahre zunehmend im Horror-/Fantasybereich angesiedelt waren, wie zum Beispiel der südkoreanische Hansel & Gretel von 2007 oder Tommy Wirkolas Hänsel und Gretel: Hexenjäger von 2013. Perkins‘ und Hayes‘ Bearbeitung des Stoffes verankert das grimmige Märchen zwar weiterhin in gruseligen Gefilden, geht dabei aber völlig neue Wege.

Eine der wichtigsten Änderungen zeichnet sich schon im Titel ab, der durch die Änderung der Namensreihenfolge Gretel hervorhebt. Während die Kinder im Märchen ungefähr gleich alt sind, ist Gretel hier jugendlich und ihr Bruder Hänsel wesentlich jünger. Gretel wird dadurch zur treibenden Kraft in der Geschichte und ihr Bruder ist in erster Linie ein Anhängsel, um das sich die Jugendliche kümmern muss. Das gibt der Geschichte einen erfrischenden Coming-of-Age-Anstrich.

Gretel & Hänsel

„Dig yourselves some pretty little graves”

Es ist dabei eine äußerst düstere Welt, in der Gretel (Sophia Lillis, Es) schneller erwachsen werden muss, als es ihr lieb ist. Nach dem Tod ihres Vaters muss sie sich ihres Bruders (Samuel Leakey) annehmen, da ihre verrückte Mutter eher eine Belastung darstellt, als dass sie sich um die Familie kümmern könnte. Bei dem Versuch als Dienstmagd bei einem benachbarten Gehöft unterzukommen, steht vielmehr Gretels Jungfräulichkeit zur Debatte, denn ihre Fähigkeiten. Ohne Brotwerb zuhause wieder angekommen, setzt die Mutter beide Kinder kurzerhand vor die Türe mit der Aufforderung, sie sollen sich doch ein schönes kleines Grab schaufeln und gleich eines für sie mit. In wenigen bedrückenden Bildern kreieren Perkins und Kameramann Galo Olivares eine trostlose Welt, in der Kinder und Jugendliche ihrer Umwelt schutzlos ausgeliefert sind und in der selbst die eigenen Eltern keine Sicherheit mehr bieten. Damit wird Gretel & Hänsel auch dem Fundament der Grimm’schen Erzählung gerecht, das aus der Verzweiflung großer Hungersnöte erwuchs und nicht nur dazu führte, dass Kinder von zuhause weggeschickt wurden, sondern dass diese sogar, wie man sich erzählt, verspeist wurden.

Ihrer elterlichen Fürsorge endgültig beraubt, irren die zwei Geschwister nun durch den finsteren Wald auf der Suche nach Nahrung und einem neuen Obdach. Nach kleineren Umwegen und unter quälendem Hunger gelangen sie schlussendlich zu einem Häuschen – in dessen Stube sich eine Tafel mit Köstlichkeiten erstreckt. Während Hänsel sich gierig auf die aufgebahrten Gaumenfreuden stürzt, lässt sich Gretel nur widerwillig überzeugen die Gastfreundschaft von Holda (Alice Krige, Star Trek: Der erste Kontakt) anzunehmen. Es ist kein großes Geheimnis, dass eine Hexe die Herrin dieses Heims ist…

“It’s too scary and you’ll start seeing things that are not there”

Von hier weg entführen uns Perkins und Hayes tief hinab in den psychoanalytischen Kaninchenbau unter „Hänsel und Gretel“, in dem schnell die Gewissheit schwindet, dass Gretels Visionen und Albträume, die sie immer mehr plagen, nur Hirngespinste sind. Hier treffen Jung’sche Archetypen, insbesondere der der Hexe als Mutterersatz, auf eine emanzipatorische Coming-of-Age-Geschichte, die Gretel ihrer Abhängigkeit von Mutterfiguren entwachsen lässt. In diesem Kontext löst Gretel & Hänsel die klare Polarität des Märchens von Gut und Böse auf und gibt der Hexe somit Ambiguität und Tiefe. Hieraus entwickelt der Film einen surrealen Sog, dem ich mich nicht zu entziehen vermag.

Gretel & Hänsel

Neben diesen spannenden neuen Wegen, welche die Adaption beschreitet, ist es vor allem Perkins Inszenierung die begeistert. Der New Yorker konnte schon mit Die Tochter des Teufels und I Am the Pretty Thing That Lives in the House zeigen, dass er ein Auge für Ästhetik hat, und mit Gretel & Hänsel hat er sich noch einmal sichtlich weiterentwickelt. Gerade die Exposition ist dominiert von streng durchkomponierten Bildern. Mit am beeindruckendsten erweist sich dabei die Beleuchtung. Insbesondere die Ausleuchtung der Wälder ist schlichtweg atemberaubend und kreiert ein erhebendes, märchenhaftes Flair. In Innenräumen arbeitet Perkins verstärkt mit Kerzenlicht und taucht die Bilder in güldenen Glanz, was ihnen eine heimelige Wärme, aber auch mystische Erhabenheit verleiht. Untermalt werden diese bewegenden Bilder von einem hypnotischen Synthie-Score, der allein schon durch die dumpf dröhnenden Bässe, die unheilvolle Atmosphäre wundervoll unterstreicht.

Das Unheil manifestiert sich in Gretel & Hänsel dabei zu keiner Zeit in selbstzweckhaften Gewaltspitzen, sondern zieht sein gesamtes Bedrohungspotenial aus Andeutungen und der Omnipräsenz ominöser Zeichen.

Gretel & Hänsel

Getragen wird der Film von den überragenden Performances von Lillis und Krige. Denen es hervorragend gelingt, die vollgepackten Dialoge mit Leben zu füllen. Dadurch bleibt die Geschichte, die in erster Linie von seiner Atmosphäre lebt, immer geerdet und verliert sich nicht in seinen Schauwerten.

Fazit

Gretel & Hänsel ist der bislang visuell bemerkenswerteste Film von Oz Perkins, der zudem mit einer spannenden und emanzipatorischen Interpretation des Grimm’schen Märchens aufwarten kann. Gespickt mit ausgezeichneten Schauspielleistungen und einem hypnotischen Score, dürfte der Film Horror- und Märchenfans mit Hang zu surrealen Erzählungen zugleich ansprechen. Erfrischend, einnehmend und in seiner düster-märchenhaften Inszenierung einfach bezaubernd.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 3 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Gretel & Hänsel © capelight pictures

Florian Halbeisen

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