Kill List (2011) – Review

Ben Wheatleys Kill List beginnt wie ein Drama, entwickelt sich zu einem furiosen Thriller und offenbart mit zunehmender Laufzeit immer mehr einen rätselhaften Folk-Horror-Streifen, der Maßstäbe setzt. Wie kann ein so ungewöhnliches Gemisch funktionieren? Wir setzen Segel auf die Steilküsten Englands, um in Wheatleys Welt einzutauchen, in der nichts so ist, wie es zunächst den Anschein hat.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Kill List
Großbritannien
95 Minuten
Ben Wheatley
Ben Wheatley, Amy Jump
Neil Maskell, MyAnne Buring, Michael Smiley u.a.

Inhalt

Jay (Neil Maskell, High-Rise) ist ein Irak-Veteran. Seit seinem Ausscheiden aus dem Dienst arbeitet er zusammen mit seinem ehemaligen Kameraden Gal (Michael Smiley, The Hallow) als Auftragskiller, um Brot auf den Tisch seiner Familie zu bringen. An eben diesem Tisch geschieht es nun, dass Gal ihm von einem neuen Auftrag berichtet. Jay, der seit einem ominösen Zwischenfall in Kiew acht Monate zuvor keinen Job mehr angenommen hat, lässt sich zögerlich und unter Drängen seiner Frau Shel (MyAnna Buring, The Descent – Abgrund des Grauens) darauf ein. Was als einfacher Dienst nach Vorschrift mit einer „Kill List“ von drei Zielen beginnt, entwickelt sich für Jay schnell zu einem persönlichen Kreuzzug, bei dem sich seltsame und verstörende Vorzeichen häufen. So beginnt ein Abstieg in Wahn und Chaos…

Kritik

Wer mit Wheatleys Werk vertraut ist, weiß, dass er nicht unbedingt einfache Kost zu erwarten hat. Kill List ist extrem vielschichtig und jede Ebene trägt ihren Teil zum Gesamtwerk bei.

Der Film beginnt ausgesprochen langsam. Im ersten Drittel stehen eher Beziehungen im Vordergrund. Detailliert erlebt der Zuschauer die immer wieder aufflammenden Konflikte zwischen Jay und Shel mit, die sich in Streitereien über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Familienlebens ergehen. Beide sind hitzige Gemüter, die aber trotz Geschreis und fliegenden Geschirrs immer wieder zueinanderfinden und nicht nur durch ihre Fürsorge für den gemeinsamen Sohn Sam, sondern ungeachtet aller Schwierigkeiten durch aufrichtige Zuneigung miteinander verbunden sind. Im weiteren Verlauf des Films begegnen wir jedoch auch einer anderen Seite Jays. Er ist eben nicht nur ein liebender Familienvater, sondern auch ein beinahe psychopathischer Killer, der ein Ventil für die in ihm schlummernde Gewalt braucht.

Sobald Jay den Job annimmt, entspannt sich die Situation ein wenig, da das drängendste Problem – die finanzielle Lage – behoben zu sein scheint. Der Fokus verschiebt sich nun auf Jay und Gal. Wir folgen ihnen bei den alltäglichen Verrichtungen, die ihren nicht ganz so alltäglichen Job begleiten. Dazu gehört auch, sich zusammen über eine Gruppe christlicher Hippies auszulassen, die fröhlich ihre Gitarre auspackt, während die Männer gerade ihre nächsten Ziele observieren. Die Interaktionen zwischen den beiden Hitmen offenbaren ein ausgesprochen stark geschriebenes Drehbuch. Sie schaffen Auflockerung zwischen den atmosphärisch dichteren Szenen, driften aber nie ins Komödiantische ab. Im Gegenteil zeigt sich auch hier die tiefe Verbundenheit zweier Veteranen, die mehr zusammen durchgemacht haben als die meisten Leute sich vorstellen können – selbst, wenn sie sich zwischendurch mal im Streit über den Boden wälzen. All diese kleinen Interaktionen, die absolut unromantischen Details des Auftragskillerlebens, schaffen ein ausgesprochen realistisches, lebensnahes Bild der Charaktere, das zur Identifikation einlädt.

Das Spiel mit Realismus bleibt weiter wichtig, wenn Kill List beginnt ein höheres Tempo vorzulegen. Dies zeigt sich insbesondere in den Gewaltdarstellungen, die zwar absolut schonungslos sind, realistisch eben, aber die Gewalt nie ästhetisieren oder gar glorifizieren. Was passiert, ist Mittel zum Zweck: ein Handwerk, das zwar mit einer gewissen, blutrünstigen Leidenschaft ausgeübt wird, aber letztlich doch ein Job bleibt. Der nüchternen Gewalt der Auftragsmorde wird schließlich im letzten Akt eine andere Form von Gewalt entgegengesetzt, die durch ihre ästhetische Rahmung und in diesem Kontrast erst ihren ganzen Schrecken entfalten kann.

Das Element des Horrors kommt zum Tragen, wo dieser Realismus gebrochen wird. Immer wieder schleichen sich Momente ein, die hochgradig irritierend sind. Dies beginnt schon mit der ersten Filmsequenz, in der ein obskures Symbol, das entfernt an das Holzgebilde aus Blair Witch Project erinnert, in einfachen Strichen, schwarz auf weiß, auf der Leinwand erscheint. Dem Zuschauer bleibt dessen tiefere Bedeutung allerdings verschlossen. Diese uneindeutige geometrische Konstellation gibt nun die Marschrichtung vor, sie wird eine Verbindungslinie, die immer wieder in Erscheinung tritt, ohne jemals genauer beleuchtet zu werden. Im Verlauf des Filmes verdichtet sich die Häufung merkwürdiger Umstände. Der Vertrag, der den Job besiegelt, wird mit Blut unterschrieben; wenn Jay wegen einer entzündeten Wunde einen Arzt aufsucht, hält dieser ihm nur einen philosophischen Monolog über das Wesen der Zeit; und die beiden ersten Ziele danken Jay dafür von ihm getötet zu werden. Dabei tappen wir genau wie Jay und Gal immer tiefer in eine düstere Verschwörung hinein, die wir erahnen, deren Ziel und deren eigentlicher Charakter uns aber vollkommen verborgen bleibt.

Im letzten Akt schließlich nimmt Kill List Fahrt auf. Um ihr finales Ziel zu eliminieren, fahren Jay und Gal zu einem abgelegenen Landsitz und stolpern nach nicht allzu langer Zeit mitten in ein obskures, archaisch anmutendes Ritual. Dort werden sie von den teils nackten, teils in weiße Roben gewandeten Kultisten durch die sternenklare Nacht dem Finale entgegen gejagt. Insbesondere dieser letzte Abschnitt des Films schafft es, noch einmal alle Ressourcen zu mobilisieren, ohne dabei in überzogene Hektik zu verfallen. Die chthonische Atmosphäre des Rituals und das unheimlich stimmige sowie stimmungsvolle Auftreten des seltsamen Mysterienkultes bringen die richtige Dosis Folk in den Horror.

Gerade dieser Umstand macht Kill List so offen für Interpretationen. Ein Effekt, den Wheatley mit Sicherheit kalkuliert hat. Es ist am Zuschauer zu entscheiden, ob es sich um eine sozialkritische Perspektive auf entfremdete Eliten, eine alchemistische Mixtur aus okkulten Symbolen, die auf eine tiefere folkloristische Ebene verweisen, eine hyperrealistische Charakterstudie oder möglicherweise einfach nur um ein unfassbar ästhetisches Stück Filmkunst handelt. Wahrscheinlich trifft alles davon zu – und noch viel mehr. An dieser Offenheit scheiden sich die Geister. So bleibt es absolute Geschmackssache, ob man eine komplette Auflösung braucht oder ob man den Film auf eine der unzähligen Weisen liest, die Ben Wheatley uns anbietet. Abgesehen davon bleibt Kill List jedoch ein Streifen, den man mehr als einmal gesehen haben sollte und der den geneigten Zuschauer auch über die Laufzeit hinweg beschäftigen wird.

Fazit

Kill List ist sicherlich ein kontroverser Film. Durchaus anspruchsvoll, ohne sich dabei in reinem Selbstzweck zu verlieren, erzählt er eine Geschichte, in der Elemente von Drama und Psychothriller mit einer gehörigen Portion Folk-Horror abgerundet werden und so ein exzentrisches, aber ausgesprochen wirkungsvolles Gemisch ergeben. Der Horror wird portionsweise serviert, die seltsamen Zwischenfälle häufen sich, bis sie sich im Finale in einem größeren, schrecklichen Zusammenhang präsentieren. Die Hintergründe bleiben dabei dennoch verhangen – erahnbar, aber nicht zu greifen, wie ein Schemen im Nebel. Es ist an uns zu entscheiden, wie viel Bedeutung darin steckt. Kill List ist in jedem Fall ein Muss für alle Fans von abgründigem, modernem Folk-Horror.

 

Bewertung

GrauenRating: 4 von 5
SpannungRating: 5 von 5
Härte Rating: 4 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Kill List © Senator Home Entertainment

Philipp

Horrorfilme… sind für mich das Erkennen, Überschreiten und Herausfordern von gesellschaftlichen Grenzen durch abgründige Ästhetik und damit Kunst in ihrer reinsten Form. Vor allen Dingen machen sie aber einfach unfassbar Spaß.
Philipp

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