#138: Der Hexenclub (1996) – Review

Der Hexenclub

oder: die Unannehmlichkeiten des Erwachsenwerdens und des Okkultismus.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

The Craft
USA
101 min
Andrew Fleming
Peter Filardi

Inhalt

Sarah zieht mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter von San Francisco nach Los Angelos. In der Schule freundet sie sich mit einer Gruppe von Außenseiterinnen an, die Gerüchten zu Folge Hexen sein sollen.

 

Hintergründe

Der Hexenclub ist mit Sicherheit einer der realistischsten Hexenfilme, die je gedreht wurden. Damit meine ich hier nicht Märchenhexen in Knusperhäuschen, die kleine Kinder fressen oder Teufelsanbeterinnen oder arme Frauen, die am Scheiterhaufen verbrannt wurden, sondern die neuheidnische Bewegung des Hexentums, genauer gesagt Wicca.

Der Hexenclub

Wicca-Altar (Bild: Xxglennxx, CC BY-SA 3-0)

Wicca versteht sich als synkretistische, nicht-dogmatische, panentheistische Naturreligion. Ich weiß, das waren jetzt ein bisschen viele Fremdwörter auf einmal. Wenn es genauer interessiert kann alles nachlesen, grundsätzlich geht es bei Wicca um die Anbetung der Natur und um Magie und dafür bedient man sich gerne überall ein bisschen.

Diesem Hexenbild versuchen Andrew Fleming und sein Team möglichst nah zu kommen. Dafür wurde auch extra Pat Devin engagiert, ihrerseits Hohepriesterin eines Hexencovens, um das Team zu beraten. Zudem war Fairuza Balk zum Zeitpunkt des Filmdrehs praktizierende Wicca und konnte ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Selbstverständlich ist The Craft keine Doku über modernes Hexentum, aber es gibt doch viele Dinge, die erstaunlich authentisch sind. So hat Pat Devin selbst einige Zaubersprüche/Chants für den Film zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel die Beschwörung der Gottheit Manon.

Obwohl Manon extra für den Film erfunden wurde, kommt er dem panentheistischen Gottesbild von Wicca doch sehr nahe. Er wird als Wesen beschrieben, das über Gott und dem Teufel stehe, welche nur von Menschen erfunden worden seien. Wenn das Leben ein Footballspiel wäre, dann wäre Manon das Stadium in dem wir spielen, die Sonne, die auf uns herabscheint – so die sinngemäße Beschreibung aus dem Film.

Damit noch nicht genug, denn von der Besitzerin des Esoterikladens im Film erfahren wir, dass alles was wir tun drei Mal auf uns zurückfällt, was einem der wichtigsten ethischen Grundsätze in Wicca entspricht.

Darüber hinaus wird darauf eingegangen, dass Magie weder schwarz noch weiß ist, ein Buch der Schatten und der Segensspruch „Blessed be“ kommen vor und vieles vieles mehr. Es ist einfach schön mit welcher Detailverliebtheit hier zu Werke gegangen wurde.

Charmed

Charmed-Logo (Bild: DVD-Screenshot)

Dies ist wohl auch mit ein Grund warum Der Hexenclub eine ganze Hexenwelle in Film und vor allem TV losgetreten hat. Insbesondere die Hexenserie Charmed bedient sich schamlos bei seinem Vorbild und greift sogar zum selben Cover von How Soon is Now. Zusammen mit Buffy the Vampire Slayer konnten Tausend weibliche, aber auch männliche Teenager für Hexerei, Wicca und das Übernatürliche begeistert werden. Dazu mag man jetzt stehen wie man will, aber von allem esoterischem und religiösen Ballast befreit: it’s all about girl power!

Nächstes Jahr soll übrigens ein Sequel folgen. Inszeniert von Leigh Janiak, der Regisseurin von Honeymoon. Ich lass mich überraschen.

 

Warum ich „Der Hexenclub“ liebe

Bei den Hintergrundinfos habe ich hoffentlich schon einen Grund klar herausgestrichen wieso ich den Film so sehr liebe, daher kann ich jetzt die spirituelle Ebene etwas in den Hintergrund treten lassen und mich anderen Perspektiven widmen.

Andrew Fleming, Der Hexenclub

Andrew Fleming bei der Comic Con

Dafür würde ich gerne an meinem obigen „Girl Power“-Gedanken anknüpfen. Regisseur Andrew Fleming gibt in Interviews als Inspiration für den Film die Grausamkeit an High Schools an. Meine Schulzeit ist zwar inzwischen schon ein bisschen her, aber ich erinnere mich noch gut an das Minenfeld – ein falscher Schritt und du bist vielleicht die nächste Person auf die Spott und Häme niederhagelt. Und oftmals braucht es gar keinen falschen Schritt. Zu gute Noten, zu dunkle Hautfarbe, zu wenig Geld, die falschen Eltern, das falsche Aussehen und schon wird der Schulalltag zur Hölle. Die vier Protagonistinnen in Der Hexenclub sind solche Ausgestoßenen. Manche Diskriminierungsgründe werden klar ausgebreitet, andere nur angedeutet: Hautfarbe, Aussehen, Geld, psychische Gesundheit, Promiskuität, Geschlecht, sexuelle Orientierung.

Der Hexenclub stellt sich nun die Frage was passieren würde, wenn wir Magie ins Spiel bringen und dies bedeutet schlussendlich nichts anderes als was würde passieren, wenn die Jugendlichen nicht mehr machtlos wären. Was würden sie mit dieser Macht machen? Wie würde sich diese Macht auf die fragilen Dynamiken in der Gruppe auswirken?

Natürlich ist Der Hexenclub keine soziologisch-philosophische Abhandlung zum Thema, sondern immer noch ein Teenie-Hexenfilm, aber präsentiert durchaus ein paar interessante Fragen und Antworten zum Thema.

Der Hexenclub

Darüber hinaus macht der Film auch optisch durchaus was her. Den Drehorten in Kalifornien wird ein richtig schönes mediterranes Flair eingehaucht und an allen Ecken und Enden wird versucht die Natur zu betonen. Untermalt wird das Ganze von einem meiner absoluten Lieblingssoundtracks der 90er mit Heather Nova, Letters to Cleo, Jewel, Elastica und vielen mehr.

Auch wenn die Inszenierung zu einem großen Teil sehr bodenständig ist, so gibt es doch einige herausragende Einstellungen, wie zum Beispiel ein wundervoller One-Shot bei einem Ritual, der die Verbundenheit der Charaktere gut betont oder auch ein paar surreale Einstellungen, die ich sehr mag. Der bodenständigen Inszenierung entsprechen auch die Effekte, die sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Billige Gummimasken oder grausames 90er-CGI bleiben uns hier erspart. Die wenigen VFX werden sehr bewusst und subtil eingesetzt.

Der Hexenclub

Manche werden sich jetzt wohl schon fragen, was das jetzt alles mit Horror zu tun hat und sich denken, da schreibt dieser Verrückte endlos über Teenie-Girlpower-Hexenfilmchen und ich warte sehnsüchtig auf rollende Köpfe. Es sollte klar sein, dass Der Hexenclub kein Film ist, der die meisten von euch um den Schlaf bringen wird, aber nichtsdestotrotz hat er seinen Platz hier redlich verdient. Dies liegt vor allem am großen Finale, welches mit 2.000 Schlangen und unzähligen Insekten aufwarten kann, aber vor allem am Charakter von Nancy gespielt von Fairuza Balk. Wenn die 1,60m große Schauspielerin ihren Psychoterror auf ihre Umwelt loslässt und in Full-Insane-Mode schaltet, dann gehört die Leinwand ganz ihr und man geht besser in Deckung.

Der Hexenclub ist ein sehr empathischer, authentischer und auch gruseliger Hexenspaß, der vollkommen zu Unrecht oft als Teeniefilmchen belächelt wird. Habt ein Herz für Hexen und gebt ihm eine Chance.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 3 von 5
GewaltRating: 1 von 5
EkelRating: 2 von 5
StoryRating: 4 von 5

Bildquelle: Der Hexenclub © Columbia TriStar Film
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Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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ein Kommentar

...und was meinst du?