
Piggy (2022) – Review
Das Leinwanddebüt der neuen Horror-Hoffnung Carlota Pereda haben viele nach ihrem gefeierten, gleichnamigen Kurzfilm auf dem Zettel. Ob sich das Warten auf Piggy in XL gelohnt hat, soll gleich verraten werden. Vorab nur soviel: Der verwunschen grünlich schimmernde Pool sieht abermals zum Hinabtauchen aus und wegen uns müsste dieser Sommer niemals enden.
Originaltitel: | Cerdita |
Land: | Spanien/Frankreich |
Laufzeit: | 90 Minuten |
Regie: | Carlota Pereda |
Drehbuch: | Carlota Pereda |
Cast: | Laura Galán, Richard Holmes, Carmen Machi u.a. |
VÖ: | 24. Januar 2022 Sundance Film Festival |
Hintergründe & Inhalt
Nach der spanischen Netflix-Serie Alba steht außer Frage, für wen Carlota Peredas Herz schlägt: aus dem Leben verdrängte Außenseiterinnen. Während die Studentin Alba nach einem schockierenden Vorfall um Gerechtigkeit kämpft und sich mit einem erstarrten Klassensystem anlegt, schlägt Piggy einen lockeren, sehr vergnüglichen Horror-Ton an.
Die übergewichtige Sara (Laura Galán) lebt im Schatten einer coolen Mädels-Clique. Bedenklich, dass nicht einmal ihre Jugendfreundin Claudia zu Hilfe eilt, als sie im Schwimmbad in Anwesenheit eines Fremden (Richard Holmes) schikaniert wird. Ihrer Kleidung beraubt, macht sich Sara schließlich mutterseelenallein mit nichts als ihrem Bikini auf den Heimweg. Der staubige Marsch wird sie für den Rest ihres Lebens prägen. Denn der Unbekannte aus dem Schwimmbad verschleppt ihre Peinigerinnen hinterrücks und scheint deren böswillige Streiche kein bisschen witzig zu finden. Indes die Stimmung im Dorf in Panik kippt und Unschuldige verdächtigt werden, sieht Sara ein, dass sie aktiv werden muss. Sie kratzt all ihren Mut zusammen, um den geheimnisvollen Entführer aufzuspüren. Dass dieser auf sie steht, verkompliziert die Dinge unter Spaniens gnadenlos brennender Sonne.
Kritik
Welches verspottete Mädchen hätte nicht gerne einen namenlosen Verehrer, der sie so sieht wie sie ist? Carlota Pereda gelingt es in der Tat, die bewährte Slasher-Formel aufzubrechen und um ein paar charmante Zutaten zu bereichern. Das unter der Sonne Extremaduras dörrende, in der jüngeren Vergangenheit stecken gebliebene Kaff stellt unverbrauchte Kulissen bereit, wobei das bereits aus dem Kurzfilm bekannte Schwimmbecken für nostalgische Sommerstimmung zu sorgen vermag. Überhaupt erinnert Piggy durch das südlich-sonnige Setting stark an Ferienlager-Slasher alter Schule. Für die besondere Würze ist die als Außenseiterin par excellence angelegte Figur der Sara zuständig, welche als gehemmt und empfindsam gekennzeichnet wird. Sara scheint sich kraft ihrer Außenhaut einen Schutz aufgebaut zu haben gegen die Herausforderungen und Zumutungen des Erwachsenseins.
Ihre Eltern sind keine große Stütze, im Gegenteil: die Mutter (Carmen Machi) agiert anstrengend, der Vater zu nachlässig, die Umwelt vorwiegend feindselig. Einen derart verstummten, introvertierten Charakter als Hauptfigur in einem abendfüllenden Langfilm zu bringen, birgt zweifellos ein gewisses Risiko, doch Piggy kriegt die Kurve dank Laura Galáns Schauspieltalent und ihrer Natürlichkeit mit tüchtigem Zug zur Comedy. Dass unsere scheue Heldin einen Flirt in Gestalt eines Summertime-Killers spendiert bekommt, schürt den Reiz der spanisch-französischen Koproduktion zusätzlich. Indem eine erotische Anziehung zwischen dem betont maskulin in Szene gesetzten Unbekannten und Sara angekündigt und bis zum Finale gehalten wird, entsteht eine feinsinnige, vortrefflich komische Kino-Momente produzierende Absurdität. Allmählich wird die Idee vom finsteren Verehrer auf die totale, bluttriefende Spitze getrieben.
Fazit
Piggy gibt dem Horrorfilm die dringend benötigte, ungewöhnliche Figur jenseits des auf Instagram & Co zelebrierten Schönheitswahns. Leichtfüßig wie heiter setzt sich der ländliche Thriller mit dem Thema ‚Körperscham‘ auseinander und stoppt die (nicht nur für Jugendliche) gefährliche Selbstoptimierungsspirale für knackige 90 Minuten. So schmeckt der spanische Sommer.
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Bildquelle: Piggy © Alamode Filmverleih