Dark Glasses – Blinde Angst (2022) – Review

Dario Argento ist zurück. Zehn Jahre nach dem desaströsen Dracula 3D stellt der neuste Streich des italienischen Altmeisters eine Rückkehr zu alter Form dar. Warum ihr bei Dark Glasses nicht schwarzsehen solltet, erfahrt ihr hier.

Originaltitel: Occhiali Neri
Land: Italien/Frankreich
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini
Cast: Ilenia Pastorelli, Asia Argento u.a.
VÖ: Ab 07.07.2022 im Kino

Inhalt

In Rom geht ein Serienmörder um, der es auf Prostituierte abgesehen hat. Drei sind ihm bereits zum Opfer gefallen, als er mit Diana (Ilenia Pastorelli) die nächste junge Frau ins Visier nimmt. Auf der Flucht vor ihm wird sie in einen Autounfall verwickelt, in dessen Folge sie ihr Augenlicht verliert und die Eltern des Jungen Chin getötet werden. Trotz ihres Handicaps nimmt Diana Chin bei sich auf, doch der Killer hat es noch immer auf sie abgesehen…

Kritik

Dario Argento war schon immer für seinen extravaganten, verspielten Stil bekannt. Im Laufe seiner mittlerweile über 50-jährigen Karriere hat der Italiener mehrfach die technischen Möglichkeiten des Mediums Films erkundet, mit neusten technischen Errungenschaften experimentiert und sich dabei stets neu erfunden. Nach der Jahrtausendwende ist die Rezeption seiner Filme aber immer mehr ins Negative gekippt, sowohl bei Fans als auch bei Kritik. Argentos erste Regiearbeit in zehn Jahren ist nun eine Rückbesinnung auf seine alten Stärken: zwar weniger experimentell in Form und Inhalt, dafür aber umso versierter bei der audio-visuellen Gestaltung.

Dark Glasses

Dunkelheit regiert

Dark Glasses beginnt mit einer eindrucksvollen Sequenz einer Sonnenfinsternis. Das Licht, und mit ihm das Gute, schwindet, die namensgebende dunkle Sonnenbrille wird aufgesetzt und alles durchströmende Dunkelheit breitet sich aus. Und tatsächlich dürfte Argentos neuster Streich von allen seinen Filmen neben The Stendhal Syndrome sicherlich der düsterste sein. Mit der Prämisse der erblindeten Hauptdarstellerin ist er wörtlich ein Abstieg in eine Welt vollkommener Finsternis. Die daraus entstehende Desorientierung sorgt dafür, dass Dark Glasses stellenweise auf den ersten Blick beinahe unsagbar dämlich erscheint, was innerhalb der Logik des Films aber perfekt Sinn ergibt.

Dark GlassesVon den Figuren wird nämlich keine einzige rational vernünftige Entscheidung getroffen, weil es in einer Welt, in der alles in undurchdringlicher Dunkelheit versinkt, keine Logik und keine klaren Gedanken mehr gibt, die einen zielgerichtet durch dieses Nichts führen könnten. Vor oder zurück, weglaufen oder stehenbleiben, kämpfen oder sich verstecken – welche Richtung man auch einschlägt, es würde keinen Unterschied machen. Argento zieht uns ganz tief in Dianas neue, ihr noch völlig unbekannte Welt hinein, in der wegen des Zustandes permanenter Angst für koordiniertes rationales Handeln kein Platz mehr ist. Wenn es nichts mehr gibt, woran man sich festhalten oder zurechtfinden kann, bleibt blanke Furcht als ultimative letzte treibende Kraft übrig.

Dark GlassesHilf- und orientierungslos wird Diana der Omnipräsenz des Killers ausgeliefert. Konsequenterweise spielt die Auflösung um dessen Identität schließlich auch überhaupt keine Rolle mehr. Vielmehr ist es das Wissen um die bloße Existenz, das uns immer weiter durch die Dunkelheit treibt. Sicherlich, mit dem Verlust des Augenlichtes verschwindet der Killer vielleicht aus der Sicht, aber niemals aus dem Sinn. In diesem Kontext sind Szenen, die ansonsten ob ihrer Dämlichkeit als haarsträubend bezeichnet werden könnten, daher durchweg positiv auszulegen, weil sie sich schlüssig in das Gesamtbild einfügen. Einzige Voraussetzung dafür bleibt, dass man sich der innerfilmischen Welt vollkommen unterwirft – wobei das auch schon auf ekstatische Eskapaden wie Horror Infernal oder Phenomena zutraf.

Innerhalb dieses ausweglosen Labyrinths greift Argento auf viele alterprobte Szenerien seiner Filmografie zurück. Wie schon Sleepless von 2001 fühlt sich auch Dark Glasses bisweilen wie ein persönliches Best-of an, in dem der Maestro sein bisheriges Werk und besonders den universell verehrten Suspiria zitiert, diese Verweise aber stets variiert und auf neue Weise moduliert. Ob es sich dabei um einen persönlichen Abgesang oder um die dauerhafte Wiederentdeckung der eigenen Stärken handelt, bleibt abzuwarten.

Dark Glasses

Fazit

Mit Dark Glasses gelingt Dario Argento einer seiner besten Filme seit Opera. Blutig und stylisch zieht er uns in eine finstere Welt der Grausamkeiten, die zwar von emotionalen Lichtblicken durchzuckt wird, aber niemals an der Allgegenwärtigkeit des Bösen zweifeln lässt. Vor allem ist Dark Glasses aber ein Film, dessen Regeln man sich bedingungslos unterwerfen muss. Übliche Bewertungskriterien nach Logik und Stringenz greifen hier nicht; das taten sie bei Argento allerdings noch nie. Wer sich von gewöhnlichen Sehgewohnheiten nicht lösen kann, wird vermutlich ob der Absurdität bestimmter Szenen nur verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wer jedoch gewillt ist, die Welt durch dieselbe dunkle Brille wie Diana zu sehen – oder eben nicht zu sehen, sondern zu erfahren – dürfte mit einem späten Highlight in Argentos Karriere belohnt werden.

 

Bewertung

Grauen Rating: 4 von 5
Spannung Rating: 3 von 5
Härte  Rating: 3 von 5
Unterhaltung  rating3_5
Anspruch  Rating: 2 von 5
Gesamtwertung Rating: 4 von 5

Ab 07.07.2022 im Kino

Bildquelle: Dark Glasses – Blinde Angst © Alamode

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