Koko-di Koko-da (2019) – Review

Koko-di Koko-da

Koko-di Koko-da ist eine groteske Paar-Therapie des Wahnsinns. Regisseur Johannes Nyholm erzeugt eine faszinierende Gewaltspirale, die unweigerlich auf den gemeinsamen Abgrund zusteuert – und wir mittendrin.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Koko-di Koko-da
Dänemark/Schweden
86 Minuten
Johannes Nyholm
Johannes Nyholm
Peter Belli, Leif Edlund, Ylva Gallon u.a.

Hintergrund und Inhalt

Noch bevor der schwedische Regisseur Johannes Nyholm mit Giant für Furore sorgen konnte, arbeitete er an einem äußerst exzentrischen Kunstwerk namens Koko-di Koko-da – bei dem ihm allerdings mittendrin das Geld ausging. Da der Film nicht zu den Konventionellsten gehört, tat er sich schwer für seine außergewöhnliche Idee Investoren zu finden, wodurch das Projekt erst einmal auf Eis gelegt wurde. Erst nach dem Erfolg von Giant konnte er seinen wirklichen Debütfilm fertigstellen und ihn der Welt präsentieren.

In der schwedisch-dänischen Koproduktion folgen wir dem Pärchen Elin und Tobias auf einen Camping-Trip. Die zwei waren einst ein richtig glückliches Paar, doch dies ist schon einige Jahre her. Auf den anstehenden Urlaub haben beide nicht so wirklich Lust, daher ist es kein Wunder, dass die Fahrt aus nichts anderem besteht als gegenseitigen Sticheleien. Als zuletzt noch ein Streit darüber ausbricht, ob sie sich verfahren hätten, beschließt Tobias kurzerhand die Landstraße zu verlassen und in einen unbefestigten Forstweg einzubiegen. Während Elin im Auto schmollt, versucht Tobias mitten in der Nacht das Zelt aufzustellen. Doch diese Hürde soll das kleinste Problem dieser Nacht sein, marschiert doch schon ein überaus groteskes, aber auch sadistisches und mörderisches Trio auf sie zu…

Kritik

Mit dieser Ausgangssituation spinnt Nyholm eine düstere Fabel über Trauer, Verlust und eine zerstörte Familie – angelehnt an Und täglich grüßt das Murmeltier. Denn das Trio bestehend aus einem älteren Dandy im weißen Anzug, einer Frau mit wilden Haaren und einem bärtigen Hünen sind nicht nur gekommen, um sie zu erniedrigen und zu töten, sondern um dies immer und immer wieder zu tun. Kaum sind die drei mit dem Paar fertig, gleitet die Kamera in die Höhe, verharrt über der mörderischen Aufstellung, bevor wir uns abermals im Zelt wiederfinden.
Aber im Gegensatz zu der leichtfüßigen Komödie mit Bill Murray oder auch dem aktuellen Vertreter aus dem Horror-Genre Happy Deathday lernt das Paar nicht aus den vorangegangenen Fehlern, sondern wird lediglich panischer, irrationaler und noch gehässiger. Diese Familienaufstellung verfehlt seinen therapeutischen Zweck und stürzt das Paar hinab in eine Spirale aus Gewalt, Erniedrigung und Kränkungen, aus der es offenbar kein Entrinnen gibt.

Koko-di Koko-da

Nyholm versteht es hier geschickt eine trost- wie ausweglose Atmosphäre zu schaffen. Dies liegt jedoch weniger an den drei Peinigern selbst, sondern viel mehr an der Hilflosigkeit und Verlorenheit unserer zwei Protagonisten. Die Kamera fängt dabei geschickt die Klaustrophobie des Zeltes ein, aber auch die Abgeschiedenheit des mysteriös anmutenden Waldes, der in seiner Inszenierung fast schon etwas Märchenhaftes an sich hat. Neben der starken Kameraarbeit ist diese Wirkung vor allem dem grandiosen Sounddesign und Score geschuldet. Selbst einzelne Töne werden sehr bewusst eingesetzt, um das Unbehagen zu steigern. Sei es, dass zu Beginn viele Szenen mit einem lauten Knall beginnen oder enden, zum Beispiel durch eine Autotür, oder das perfide Pfeifen des Kinderliedes „Der Hahn ist tot“ – dessen Liedtext dem Film auch seinen Namen gab und welches ihr nach der Sichtung eine Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf bekommen werdet. In seinen Wiederholungen wirkt die Handlung in Koko-di Koko-da wie eine göttliche Strafe in einer griechischen Heldensage, in der Elin und Tobias dazu verdammt sind, bis an ihr Lebensende aneinander zugrunde zu gehen.

Eingerahmt wird diese Anti-Helden-Sage von einem erstaunlich gut ins Gesamtkonzept passenden Schattenspiel über eine Hasenfamilie – welches uns zwei Mal jäh aus der Handlung reißt. Dieses Spiel durchbricht etwas die Wiederholung, gibt uns einen Deutungsschlüssel an die Hand und überschüttet uns zugleich mit mehr Symbolismus. Allgemein scheint Nyholm nichts dem Zufall zu überlassen und alles wird mit Bedeutung aufgeladen; selbst wenn eine Spinne am Seitenspiegel ein Netz webt oder eine weiße Katze uns tief in den Wald beziehungsweise den Kaninchenbau führt. Dies ist oft nicht ganz nachvollziehbar und lässt das Publikum mit offenen Fragen zurück. Ich könnte mir vorstellen, dass das für manche Leute zu einem Problem werden könnte. Koko-di Koko-da hat keine eindeutige Narration und die Loops scheinen im Sand zu verlaufen. Der Film funktioniert hauptsächlich auf einer emotionalen und/oder metaphorisch-symbolischen Ebene, auf die man sich einlassen können muss. Dabei ist der Streifen auch nie so kryptisch, dass er einen völlig ratlos zurücklässt, sondern immer nur so sehr, um sein Publikum zu irritieren.

Koko-di Koko-da

Fazit

Koko-di Koko-da ist unterm Strich eine groteske, nihilistische und überaus düstere Auseinandersetzung mit den zerstörerischen Dynamiken einer Beziehung, welche möglicherweise erst komplett zerstört werden müssen, damit sie wieder wie Phönix aus der Asche steigen können – so viel Hoffnung lässt uns zumindest Johannes Nyholm.
Ein Film für alle, die sich ihre Horrorfilme auch gerne erarbeiten und sich von zu vielen Symbolen nicht allzu schnell erschlagen fühlen – aber auch für alle jene, die sich gerne von seltsamen, unkonventionellen, aber auch poetischen Filmen ohne stringente Erzählung gefangen nehmen lassen.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 1 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: Koko-di Koko-da © Beofilm

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

...und was meinst du?