CAT III: Sex und Gewalt made in Hongkong – Kimchi & Kadaver

Szene aus The Untold Story (CAT III)

Sex, Kannibalismus, Nekrophilie, Verstümmelungen und noch mehr ausufernde Gewalt. Heute dreht sich in Kimchi & Kadaver alles um das berühmt-berüchtigte CAT-III-Rating im Kino Hongkongs.

Dieser Film ist für Zuschauer*innen unter 18 Jahren nicht geeignet

Zu Beginn wurden Filme in der damaligen britischen Kolonie nach strengen Richtlinien gedreht, da die Industrie noch über keine Altersbeschränkung verfügte. Beispielsweise waren Sexszenen nicht erlaubt und auch mussten vor allem die Hauptfiguren über einen gewissen moralischen Kompass verfügen. Dies führte allerdings zu der Problematik, dass einerseits Eltern dennoch vermehrt besorgt waren, ihre Kinder könnten unangemessenen Inhalten ausgesetzt werden, und andererseits es nicht möglich war gezielt ein erwachsenes Publikum mit entsprechenden Themen anzusprechen.
Mit der Einführung eines allumfassenden Ratingsystems durch die Regierung im November 1988 hatten Filmemacher*innen nun genau diese Möglichkeit bekommen und schnell entwickelte sich ein Trend hin zu pornografischen, gewalttätigen und ausgefallenen Filmen.

Das Rating-System besteht aus:

I – Suitable for all ages

IIa – Not suitable for children

IIb – Not suitable for young persons

III – Not approved for exhibition to anyone under the age of 18

Personen unter 18 Jahren war es also nicht gestattet, Filme aus der Kategorie III (abgekürzt als CAT III) auszuleihen, zu kaufen oder im Kino zu sehen. Während die Kategorien I, IIa und IIb vielmehr einen beratenden Charakter besaßen – es war für Kinder und Jugendliche nicht illegal, die Filme mit diesen Einstufungen im Kino zu sehen – war die Beurteilung der Kategorie III rechtlich bindend und die Übertretung konnte hohe Geldstrafen nach sich ziehen. Dabei begingen jedoch technisch gesehen die Kund*innen die Straftat und nicht das Kino.

Bevor ein CAT-III-Film im Kino begann, wurde ein Warntrailer in Kantonesisch und Englisch zu den Geräuschen von zerbrechendem Glas gespielt: „Regierungswarnung: Dieser Film wurde von der TELA als Kategorie III eingestuft. Personen unter 18 Jahren sollten den Kinosaal verlassen. Wenn eine Person unter 18 Jahren beim Betrachten eines Films der Kategorie III festgestellt wird und die Kinoleitung von der Polizei oder TELA verfolgt wird, behält sich die Leitung das Recht vor, zivilrechtliche Schritte gegen diese Person einzuleiten.“ Die englische Abmahnung endet dort, aber es gibt eine zusätzliche Erinnerung auf Kantonesisch: „Der Gesetzesübertreter ist für die entstandene Geldstrafe verantwortlich.“ Damit kam es zu einer Art Selbstzensur, die es dem Staat effektiv ermöglichte, sich der Verantwortung zu entziehen und die Produktion sowie Verbreitung zweifelhafter Unterhaltung zu ermöglichen, indem er den Zuschauer*innen auferlegte, ihre eigenen Entscheidungen über den Zugang zu treffen.

Die von der TELA angegebenen Hauptgründe für den Erhalt des Ratings waren:

  • Darstellungen von Folter, Gewalt, Kriminalität, Horror, Sexualität oder unanständige bzw. beleidigende Sprache
  • Verunglimpfung und Beleidigung von Hautfarbe, religiöser Glaube, ethnischer und nationaler Herkunft oder des Geschlechts

Offensichtlich handelt es sich hierbei um sehr schwammige, weit gefasste Richtlinien, da einige der typischen Komödien aus Hongkong zu dieser Zeit als CAT III eingestuft worden wären. Tatsächlich gibt es eine Reihe von harmlosen Filmen, die die Bewertung erhalten haben. Ein bekanntes Beispiel ist Happy Together (1997) des Regisseurs Wong Kar-Wai, der nur aufgrund des homosexuellen Themas diese Beurteilung erhielt. Tatsächlich wurden in den frühen 1990er-Jahren die meisten Filme mit queeren Inhalten abseits von homophobem Slapstick als CAT III eingestuft und als Exploitationfilm behandelt, ob sie es waren oder nicht – einschließlich Norman Chans skurrilem Liebesfilm Pink Lady (1992).

Das Ratingsystem betrifft aber natürlich nicht nur Filme aus Hongkong, sondern jeglichen Film, der in Hongkonger Kinos gezeigt wird. So hat zum Beispiel auch Sex and the City – Der Film ein CAT-III-Rating erhalten. Für diesen Artikel werde ich mich allerdings auf die in Hongkong produzierten Filme konzentrieren.

Szene aus Wong Kar-Wais Happy Together (1997)

Qualitätssiegel CAT III

CAT III dient sowohl als Warnung als auch als Verkaufsargument. Obwohl eine Vielzahl an höchst unterschiedlichen Filmen das Rating erhielt, erhoffte sich das Publikum von einer solchen Einordnung expliziten – aber nicht harten – Sex, grausame Gewalt, obszöne Sprache oder alles zusammen. Es machte einen Film für das Publikum noch einmal interessanter und zog die Menschen wöchentlich in die Mitternachtsvorstellungen. Es war einfach verlockend, sich diese Filme anzusehen.

In den 80ern und frühen 90ern hatte das boomende Hongkong-Kino nicht nur den ostasiatischen Markt im Griff, sondern das Exzess-Kino der britischen Kolonie wurde auch im Westen immer beliebter und CAT III setzte sich langsam auch hier als Bezeichnung für solcherlei Filme durch.

Das Fundament dessen, was wir heute mit CAT III assoziieren, liegt unter anderem in den Horrorfilmen der Shaw Brothers, bekannt für ihre Schwertkampf- und Kung-Fu-Filme, sowie den actionreichen Heroic-Bloodshed-Filmen, die oft gutwillige Kriminelle, Triaden-Mitglieder oder Auftragsmörder mit einem strengen Ehrenkodex. Einer der prägendsten Filme für das Ranking ist der berühmt-berüchtigte Men Behind the Sun (1988), der von den Gräueltaten der japanischen Einheit 731 während des Zweiten Weltkrieges handelt. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten Exploitation-Filme aus Hongkong, der ironischerweise überhaupt nicht in der damaligen Kronkolonie produziert wurde. Geld und Crew wurde von der chinesischen Regierung gestellt, die kurz vor dem Tian‘anmen-Massaker eigentlich noch nicht unmittelbar auf eine Anti-Japan-Propaganda setze. Dennoch wurde er – unzensiert – auf dem Festland ein großer Erfolg.

Aber auch Filme wie Ghost Eyes (1974), Black Magic (1975), Hex (1980) und The Killer Snakes (1975) – ein Vorläufer in Bezug auf die wahnhafte schauspielerische Darstellung, die später von Simon Yam oder Anthony Wong übertroffen werden sollte – beeinflussten Schauspieler*innen und Regisseur*innen. Und die Genreklassiker Bewitched (1981), Seeding of a Ghost (1983) oder The Boxer’s Omen (1983) überschritten bereits Grenzen des damals Üblichen.

Trotz der großen Vielfalt innerhalb der CAT-III-Filme lassen sich grob zwei Strömungen unterscheiden: zum einen leichtfüßige Sexfilme und zum anderen tabubrechende Exploitationfilme.

Szene aus Men Behind the Sun (1988)

Die Ära Yip: Sexploitation

Beim Sexploitation-Film aus Hongkong lassen sich zwei große Typen unterscheiden – der einfache Sexfilm und Filme, die stilistisch und inhaltlich über diese hinausgehen. Beide verbindet jedoch das Merkmal häufiger und sehr langer Szenen mit sexuellen Inhalten, sodass oftmals die Hälfte der Laufzeit dafür verplant wird.

Was diese Filme von den anderen innerhalb der Kategorie unterscheidet, ist das Fehlen sexueller Gewalt und Sadismus. Viele behandeln Sex vielmehr mit Frivolität, bieten komödiantische Inhalte und ausgereifte Handlungen. Aus diesem Grund können diese Filme im Großen und Ganzen als relativ harmlose, grobe Unterhaltung angesehen werden, wobei die Regisseure manchmal den Spaß-Faktor erhöhen, indem sie mit wirklich bizarren und fantasievollen Versatzstücken arbeiten.

Szene aus Sex and Zen (1991)

Viele dieser Filme basieren lose auf der chinesischen Literatur der Qing-Dynastie und verwenden den klassischen Look der frühen Historien- und Shaw-Filme. Michael Maks Sex and Zen (1991) gehört sicherlich zu den bekanntesten Beiträgen und verbindet ein antikes chinesisches Setting mit einer generischen Handlung und skurrilem, akrobatischem, aber nicht gänzlich pornografischem Sex. Allgemein wirkt der Film eher wie ein eleganter Arthaus-Film und weniger wie der Schmuddelfilm aus der verbotenen Abteilung einer Videothek. Die Assoziation mit Chinas historischer bzw. literarischer Vergangenheit ermöglicht es den Filmen, konfuzianische Werte zu unterstützen und rechtfertigt wiederum die Überschreitung der Grenzen der sexuellen Darstellung. Sex and Zen ist der umsatzstärkste CAT-III-Film in der Geschichte der Hongkonger-Filmindustrie. Einen anderen Weg schlägt Erotic Ghost Story (1990) ein und bietet eine Mischung aus Sexualität, Humor und Körperhorror, der einen wichtigen Bestandteil des ostasiatischen Horrorfilms darstellt und in gewisser Weise als Strafmaßnahme für die sexuelle Überschreitung fungiert. Erregung und Abscheu gegenüber der Vorstellung dieser speziellen sexuellen Handlungen gehen dabei Hand in Hand. Besonders diese Art von Filmen erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit und haben dem Hongkong-Kino einige der größten Hits beschert. In beiden Filmen ist die talentierte Jungschauspielerin Amy Yip in den weiblichen Hauptrollen zu sehen, die in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren eine der beliebtesten Darstellerinnen des Hongkonger Kinos war. Yip wurde erstmals Mitte der 1980er-Jahre durch Auftritte in verschiedenen Fernsehserien bekannt, bis sie als Hua-Hua in Erotic Ghost Story ihren Durchbruch schaffte. Trotz oder wegen ihrer weiblichen Kurven weigerte sie sich, in einem Film völlig nackt aufzutreten – auch wenn sie insbesondere für Nacktszenen sehr gefragt war.
Viva Erotica (1996) mit Leslie Cheung, Anthony Wong und Shu Qi stellte nicht nur den Höhepunkt des Sexploitation dar, sondern war gleichzeitig auch ein amüsanter Kommentar über die Sex-Film-Industrie in Hongkong und dekonstruiert das Genre.

Amy Yip in Erotic Ghost Story (1990)

Sadismus, wahre Verbrechen und anderer Wahnsinn

Neben den Sexploitation-Filmen umfasst CAT III ein weites Spektrum an Filmen und Genres: Horror- und Historienfilme, Kriminalgeschichten, Exploitation, etc. Während sie sich auf der einen Seite nicht allzu sehr von Horrorfilmen westlicher Filmproduktionen unterschieden, gingen sie auf der anderen Seite einen Schritt weiter und erreichten ein spektakuläres Niveau von Brutalität, Perversion und Kompromisslosigkeit.

Beliebt sind besonders Geschichten, die auf Tatsachenberichten beruhen, zum Beispiel die sogenannten „Eight Gods Restaurant Murders“, bei denen eine zehnköpfige Familie in ihrem Restaurant ermordet wurde. Herman Yau widmet sich in seinem The Untold Story (1993) mit diebischer Bösartigkeit diesem Fall und beschert Hauptdarsteller Anthony Wong eine der besten Darstellungen seiner Karriere. Geschichten über wahre Verbrechen werden oftmals mit gesellschaftlichen Problematiken verknüpft wie beispielsweise dem völligen Misstrauen gegenüber Behörden, der Kluft zwischen Arm und Reich und natürlich dem britische Imperialismus. Wongs Figur hat nichts, deshalb ist ihm auch alles egal, sodass er ungehindert seinen Gelüsten nachgibt, da ihm sonst buchstäblich nichts bleibt. The Untold Story ist eine grandiose Mischung aus Irrwitz und authentischen, fast spürbaren Wahnsinn. Mord, der Höhepunkt der Erzählstruktur in Kriminalromanen, ist hier nur der Anfang. Die eigentliche Faszination liegt weniger beim Töten, was nur ein Vorwand ist, als bei der Entsorgung menschlicher Körper. Methodische Zerstückelung ist oft ein Highlight, ebenso wie Kannibalismus. Die Unterscheidung zwischen Lebewesen und nützlichem, befriedigendem Objekt wird schlagartig aufgehoben. Eine ähnliche Vorstellung bietet Anthony Wong in Taxi Hunter (1993) und Ebola Syndrome (1996), wobei Letzterer einige der brillantesten und gleichzeitig abstoßendsten Szenen unter den CAT-III-Filme bietet, die heute nicht mehr möglich wären.

Anthony Wong in Ebola Syndrome (1996)

Kühlere, düstere, aber nicht minder groteske Filme finden sich in der Filmographie Simon Yams, der auch gerne als Gentleman von CAT III bezeichnet wird, da er abseits des Filmdrehs alle mit ausgesprochen viel Respekt und Freundlichkeit behandelte. Seine bekannteste Rolle ist sicherlich die des Serienmörders Lam Gor-yue in Dr. Lamb (1992). Während The Untold Story explizit das gesellschaftliche Tabu des Kannibalismus thematisiert, konzentrieren sich Billy Tang und Danny Lee auf sexualisierte Gewalt, die schließlich in Nekrophilie ihren Höhepunkt findet. Es sind körperliche Obsessionen, die über erregende Darstellungen von Sexualität hinausgehen. Vielmehr handelt es sich um Objektivierung, bei der menschliche Körper langsam in etwas anderes verwandelt werden: leblose Dinge, die entweder in kleine Stücke geschnitten und über offenem Feuer geröstet oder zur sexuellen Befriedigung benutzt werden.

Weitere Grenzüberschreitungen wie der brutale Tod von Kindern und Jugendlichen werden in Filmen wie All of a Sudden (1996) oder Run and Kill (1993) thematisiert, insbesondere letzterer ist eine wahrlich emotionale Achterbahnfahrt voll übertriebenem schwarzen Humor, Zorn und Grausamkeit. Simon Yam ist an Bösartigkeit nicht zu überbieten, wenn er wahllos Kehlen aufschlitzt und Personen bei lebendigem Leib verbrennt.

Szene aus All of a Sudden (1996)

Was bleibt?

Mit der Übergabe von Hongkong von Großbritannien an China änderte sich einiges für das dortige Kino. Viele Produktionen wurden nach China verlegt und die Filmschaffenden mussten sich an die dortigen Regeln anpassen bzw. diese verfolgen. Filme wie Dog Bite Dog (2006) könnte man in China weder drehen noch veröffentlichten, niemand würde das Geld zur Verfügung stellen. Seit 1997 und vor allem mit dem Anstieg der Koproduktionen ist ein CAT-III-Film im Grunde finanzieller Selbstmord, da er nicht in China gezeigt werden wird. Neben weniger erfolgreichen Filmen wie Human Pork Chop oder There Is a Secret in My Soup (beide 2001) gibt es hin und wieder innovative Beiträge wie der 2002 veröffentlichte Naked Weapon, eine zeitgenössische Referenz an den Frauengefängnisfilm, Dream Home (2010) mit Josie Ho in der Hauptrolle oder Jonnie Tos Election (2005).

2021 wurde ein neues Gesetz eingeführt, das im Grunde Filme verbietet, die die nationale Sicherheit gefährden könnten, was einer politischen Zensur wie in China Tür und Tor öffnet. Für unabhängige Filmemacher*innen in Hongkong wird es in Zukunft also noch schwerer werden, abseitige Filme produziert zu bekommen. Im Moment sieht es also eher düster aus für zukünftige CAT-III-Streifen aus der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Josie Ho in Dream Home (2010)

Fazit

CAT-III-Filme fordern die Zuschauenden heraus, zerren rücksichtlos an den geheimsten Ängsten und sind gleichzeitig eine Chiffre für die verbotenen Sehnsüchte und Tabus, die im Mainstream-Kino selten besprochen werden. Filme der Kategorie III bieten trotz oder gerade wegen ihrer Andersartigkeit starke Verlockung. Sie sind nicht nur aufgrund ihrer kompromisslosen Gewalt schockierend, sondern vor allem aufgrund ihrer unbändigen Energie, Vorstellungskraft und Unverschämtheit. Ob auf der großen oder kleinen Leinwand, die Popularität des CAT-III-Films und seine Bedeutung für die Filmindustrie Hongkongs zeigt sich in der schieren Anzahl von Produktionen in den 1990er-Jahren, die diese Bewertung erhielten – die Gesamtzahl, die während des Booms gedreht wurde, ging weit in die Hunderte. Tatsächlich sind die Filme ein Mikrokosmos des gesamten Hongkonger Kinos und zeigen das Tauziehen zwischen Übertretung und Kontrolle, das in den Medien Hongkongs am Werk war.

Auch wenn die Zukunft von CAT-III-Filmen aus Hongkong eher düster aussieht, sind sie für Filmemacher*innen und Fans ein fester Bestandteil des kantonesischen Films und bieten einen unglaublichen Kosmos aus Sex und Gewalt made in Hongkong.

ein Kommentar

...und was meinst du?