Nina Wu (2019) – Review

Nina Wu

In seinem neusten Film Nina Wu konfrontiert der taiwanesische Regisseur Midi Z Protagonistin und Zuschauende gleichermaßen mit Gewalt, männlicher Macht und dem ultimativen Horror der Filmindustrie.

Originaltitel: Juo ren mi mi
Land: Taiwan
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Midi Z
Drehbuch: Wu Ke-xi, Midi Z
Cast: Wu Ke-xi, Vivian Sung, Kimi Hsia u.a.
VÖ: seit 16.04.2021 im Handel

Inhalt

Seit acht Jahren lebt Nina Wu (Wu Ke-xi, The Bold, the Corrupt, and the Beautiful) in Taiwans Hauptstadt Taipei und verfolgt ihren Traum von einer erfolgreichen Schauspielkarriere. Doch der große Durchbruch ist ihr bislang nicht gelungen. Um ihren mageren Verdienst aufzubessern, arbeitet sie nebenher als Webcam-Girl. Doch plötzlich scheint sich das Blatt für Nina doch noch zu wenden, denn sie bekommt die Chance auf eine Hauptrolle in einer größeren Filmproduktion. Zwar ist sie skeptisch in Hinblick auf Nacktheit und explizite, sexuelle Handlungen, entscheidet sich aber schließlich für die Rolle. Tatsächlich sind nicht nur die Nacktszenen eine Herausforderung, sondern insbesondere die Launen des Regisseurs, der nicht davor zurückschreckt, seine Hauptdarstellerin vor der Crew zu beleidigen und zu misshandeln. Letztlich wird der Film von Kritik und Publikum gefeiert, sodass Ninas Traum sich zu erfüllen scheint, aber die Dreharbeiten haben Spuren hinterlassen: Albträume, Paranoia und Halluzinationen kulminieren schließlich in den Attacken einer imaginären Person und Nina scheint endgültig die Kontrolle zu verlieren.

Kritik

Mit Nina Wu präsentiert Midi Z (The Road to Mandalay) eine zermürbende Geschichte über eine aufstrebende Schauspielerin, die sich inmitten einer Situation von Macht und Gewalt schließlich selbst verliert. Dabei konzentriert sich der Regisseur weniger auf explizite Schauwerte, sondern vielmehr auf die psychologischen Folgen sexualisierter Gewalt durch das Prisma eines traumatisieren Geistes.

Nina Wu

Das gemeinsame Drehbuch von Midi Z und Wu Ke-xi stützt sich auf die persönlichen Erfahrungen der Schauspielerin in der konservativen, von Männern dominierten Filmindustrie Taiwans. Glücklicherweise sind die beiden nicht in die Falle geraten, eine weibliche Figur als Symbol für die gesamte Unterdrückung entwerfen zu wollen. Nina hat ihre eigene starke Motivation, die in ihrem komplizierten Privatleben, der Vergangenheit und dem untröstlichen Kummer verwurzelt ist und durch die treibende Kraft von Wus Schauspiel glaubhaft verkörpert wird. Das alles macht sie zu einer vollwertigen Figur, die von Taiwans Geschichte und Realität beeinflusst wird, aber nicht als reine Repräsentation dient. Wu behandelt die Rolle mit so viel Eifer und Authentizität, dass sie ihrer Figur auch in häufiger Stille und Unterwerfung echte Tiefe verleiht. Sie wehrt sich leise und glaubwürdig angesichts jeder Repression, die auf sie einschlägt. Dabei begleitet die Kamera Nina während des gesamten Films, um jede Emotion und Interpretationen der Realität aufzuzeichnen. Die Zuschauenden betrachten die im Film geschaffene Welt ausschließlich durch ihre Augen.

Nina Wu

Trotz all ihres expliziten Grauens ist die Lektion des Films niemals völlig kohärent – er weigert sich, irgendjemandem die Schuld für das zu geben, was mit Nina passiert, und spuckt stattdessen das Unterhaltungsgeschäft als einen monströsen und lieblosen Leviathan aus, der aus vielen apathischen menschlichen Teilen besteht. Ninas Karriere mag als Einbahnstraße erscheinen, aber was auf den ersten Blick wie eine lineare Erzählung wirkt, ist tatsächlich gebrochen und elliptisch. Die Zuschauenden werden ermutigt, mit schwer fassbaren Puzzleteilen ein vollständiges Bild von Vergangenheit und Gegenwart zu erstellen. Auch Regisseur Midi Z scheint bisweilen mit dem Film zu kämpfen. Eine dramatische Nebenhandlung im mittleren Teil zwingt die Zuschauenden, das zuvor Gesehene neu zu interpretieren und die damit verbundenen Tonverschiebungen mögen nicht recht zur Haupterzählung passen.

Nina Wu

Visuell gesehen ist Nina Wu eine Augenweide – das Setting ist modern, die Farbpalette kraftvoll und stilistisch hat sich Midi Z augenscheinlich von anderen ostasiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, Park Chan-wook und Wong Kar-wai inspirieren lassen. Die Szenen mit Doppelgängern, halluzinativen Begegnungen und imaginierten Mordversuchen verleihen der Geschichte einen Touch von Neo-Noir, immer aus der Position Ninas und somit einer weiblichen Perspektive. Und während die Grenzen zwischen Fiktion und Realität allmählich verschwimmen, taucht die präzise Kameraarbeit die Protagonistin und ihre schleichende Entfremdung in verschwenderischer Extravaganz in lebendige Rottöne.

Nina Wu

Neben Wus kraftvollem Schauspiel und Kuo Chih-das atemberaubendem Produktionsdesign hebt sich auch der Soundtrack positiv hervor. Der berühmte taiwanesische Musiker Lim Giong komponierte einen eindringlichen Score mit verstärkten Effekten und einer straffen Klangbearbeitung, die klassische Streichinstrumente mit psychedelischer Elektro-Musik kombiniert. Dadurch entsteht eine bedrohliche Atmosphäre, die Verzweiflung und Paranoia der Hauptfigur perfekt widerspiegelt.

Fazit

Mit Nina Wu ist Midi Z ein atmosphärischer und bedrückender Film mit üppigen Bildern, großartigem Sound und einer packenden Geschichte gelungen, die das Publikum bis zum Ende im Griff hat. Zeitgleich thematisiert er nicht nur gewalttätigen Machtmissbrauch in der Filmbranche und darüber hinaus, sondern auch die widersprüchlichen Gefühle von Angst und Paranoia, die aus eben diesen entstehen.

Bewertung

Grauen Rating: 3 von 5
Spannung rating4_5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung rating4_5
Anspruch rating4_5
Gesamtwertung rating4_5

seit 16.04.2021 im Handel:

Nina Wu

Bildquelle: Nina Wu © Rapid Eye Movies

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