Jack Ketchums „Ladies‘ Night“ – Review

Ladies' Night

In Ladies‘ Night lässt Skandalautor Jack Ketchum die weibliche Bevölkerung Manhattans zu mordlüsternen Furien mutieren – mit Appetit auf Männer. Literatur aus dem Giftschrank, die der Festa Verlag nun erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Originaltitel:Ladies‘ Night
Autor:Jack Ketchum
Übersetzung:Susanne Picard
Umfang:314 Seiten
Auflage:Deutsche Erstausgabe
Verlag:Festa
VÖ:12.05.2020

Inhalt

Es scheint eine ganz normale Nacht zu werden in Manhattan; der übliche Mix aus Ehekrach, kurzweiligen Flirts, Polizeieinsätzen, Barschlägereien und alkoholgeschwängerten Weisheiten am Kneipentresen. Doch ein merkwürdiger Geruch legt sich über die Stadt und verwandelt die Frauen in mordgierige Harpyien. Als die Männer davon Wind bekommen, ist es für die meisten schon zu spät. Tom, der den Abend in einer Bar verbringt, ahnt immerhin noch, dass er seinen Sohn besser nicht mit dessen Mutter hätte allein lassen sollen. Verzweifelt versucht er sich mit einigen Leidensgenossen zurück zu seinem Apartment zu kämpfen, während um ihn herum ein apokalyptischer Kampf der Geschlechter entbrennt.

Kritik

Die Suche nach einem Verlag, der diesen „Gewaltporno“ – wie kritische Stimmen Ketchums Werke goutierten – veröffentlichen wollte, war lange Zeit erfolglos, nachdem sein Erstlingswerk Beutezeit ihn 1979 zum enfant terrible der Literaturszene gemacht hatte – und das obwohl die Version gegenüber dem Manuskript bereits deutlich gekürzt und zensiert worden war. Darauf wollte er sich bei Ladies‘ Night nicht mehr einlassen, mit dem Ergebnis, dass der Roman knapp zehn Jahre lang in der Schreibtischschublade verschwand.

Ein Tanklaster mit ominöser Ladung kippt um, eine unbekannte Flüssigkeit läuft aus und die Frauen Manhattans drehen durch: Mehr Hintergrundstory braucht es für Ketchum nicht. Im Gegensatz zu Beutezeit oder neueren Werken wie Psychotic mag das einigen Leser*innen zu platt sein, doch die verkennen Ladies‘ Night als das, was es ist: ein wilder Höllenritt durch die nächtliche Großstadt. Hier geht es nicht um Einfühlung, sondern um unmittelbares Erleben. Ketchum zieht seine Leser*innen in einen Strudel der Gewalt, die sich eruptiv entlädt.

Obwohl Ladies‘ Night in Tom seinen Protagonisten gefunden hat, lernen wir in dieser Nacht zahlreiche Figuren und ihre, mal mehr und mal weniger erquicklichen, Schicksale kennen. Die zahlreichen Perspektiv- und Szenenwechsel sorgen für ein rasantes Tempo, gleichzeitig setzen die einzelnen Mosaikstücke sich nach und nach zu einem übergeordneten Panorama des Schreckens zusammen. Der Kreativität der Männer bei der Wahl ihrer Waffen sind scheinbar keine Grenzen gesetzt und auch den Frauen mangelt es bei der Qual ihrer Opfer nicht an Einfallsreichtum. Ketchum belässt es hier keineswegs bei zarten Andeutungen, sondern schildert die Gewaltexzesse mit gewohnt schnoddrigem Gestus, so dass man sich beim Lesen selbst den ein oder anderen vermeintlichen Blutspritzer aus dem Gesicht wischen möchte.

Ladies' Night

Neben diesem Schlachtfest kann Ladies‘ Night auch mit einer gelungenen Figurenzeichnung aufwarten. Tom hat seine Fehler, ist ein schlechter Ehemann und nachlässiger Vater, und dennoch kann man sich sofort vorstellen, mit ihm mal einen trinken zu gehen. Obwohl Ketchum sich nicht in tiefgreifenden Psychologisierungen verliert, die den Unterhaltungswert der Geschichte im Übrigen auch nicht gesteigert hätten, reicht es um mit den Figuren mitzufiebern. Und sei es, sie auf ihrem Weg in den Abgrund zu begleiten.

Die geradezu fantastischen Entgrenzungen und der Pulp-Charme des Romans können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Grundthema durchaus ernst ist. In Ladies‘ Night einen sinnlosen Gewaltexzess zu sehen, der dunkles Begehren befriedigt, ist eine äußerst wohlwollende Lesart – wohlwollend den menschlichen Protagonist*innen und uns selbst gegenüber. Sie verweist derartige Ausbrüche ins Reich fetischisierter Gewaltfantasien, während Ketchum genau das Gegenteil zeigt: Die Bande der Zivilisation sind nicht so stabil, wie wir es uns wünschen. Unter der Oberfläche brodelt die Gewalt und auch die Protagonisten in Ladies‘ Night müssen schon bald feststellen, wie die Gewissensbisse weniger werden …

Auch der klassischen Rollenverteilung spricht dieser Gewaltausbruch Hohn. Das vermeintlich schwache Geschlecht setzt sich entschieden zur Wehr und trifft damit – nicht in allen, aber in vielen Fällen – Männer, die ihr Gegenüber unterschätzt haben und nun dafür bezahlen. Ein Aufruf zum Geschlechterkampf verbirgt sich zwischen den Zeilen von Ladies‘ Night zwar nicht, aber Ketchum dreht den Spieß erfreulicherweise um: Er nimmt das stereotype Rollenverständnis aufs Korn und zeigt sich auch hier als erfrischend unkonventionell.

Ladies' Night

Fazit

Wer Ladies‘ Night aufschlägt, sollte besser ein paar Stunden einplanen, denn dieses Buch legt man nicht mehr aus der Hand. Unterhaltsam, temporeich und mit schnoddrigem Charme begleitet Jack Ketchum seine Protagonist*innen auf ihrem Ausflug in die Hölle.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 3 von 5
Härte Rating: 5 von 5
Unterhaltung Rating: 5 von 5
Anspruch Rating: 2 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Ab sofort im Handel:

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Bildquelle: Ladies‘ Night © Festa Verlag

Catherin

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