Spiegeltrick und Grenzgang in Ben Wheatleys A Field in England (2013)

In seinem zweiten Genrefilm entführt uns Ben Wheatley in die Wirren des englischen Bürgerkrieges, wo eine ungleiche Truppe Deserteure die Wirkung halluzinogener Pilze zu spüren bekommt. Warum A Field in England kein „Drogenfilm“ ist, als Grenzerfahrung aber dennoch perfekt ins Oeuvre des diesjährigen Randfilmfests passte, erfahrt ihr hier.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

A Field in England
Großbritannien
90 Minuten
Ben Wheatley
Amy Jump
Michael Smiley, Reece Shearsmith u.a.

Inhalt

England, 17. Jahrhundert: Der ängstliche Alchemistenlehrling Whitehead (Reece Shearsmith, Good Omens) ist im geheimen Auftrag seines Meisters mit einer Truppe Soldaten unterwegs, desertiert aber während eines hitzigen Gefechtes. Gemeinsam mit drei anderen kriegsmüden Deserteuren begibt er sich auf die Suche nach einer angeblich unweit entfernten Schänke. Als die Schergen – bis auf den fastenden Whitehead – sich bei der Rast an einem Eintopf aus merkwürdigen lokalen Pilzen laben, wird ihre Wahrnehmung jedoch zunehmend surrealer. Als wie aus dem Nichts ein mysteriöser Ire (Michael Smiley, Kill List) erscheint, den Whitehead als alchemistischen Rivalen aus seiner Vergangenheit erkennt, eskaliert die Situation völlig. Denn der brutale Fremde verfolgt einen wahnwitzigen Plan mit der Truppe und reißt schnell deren Führung an sich…

(K)ein Feld in England?

Mit nur rund 300.000 britischen Pfund drehte Berufsnerd Ben Wheatley, der zwei Jahre zuvor mit Kill List dem Folk Horror-Subgenre groteskes neues Leben eingehaucht hatte, seinen zweiten Genrefilm in gerade einmal zwölf Tagen ab. Angesiedelt in den Wirren des englischen Bürgerkrieges, der schon britischen Horrorfilmen wie Der Hexenjäger als morbide Rahmung diente, zeigt sich A Field in England auf den ersten Blick als kostümlastiges Historiendrama. Schnell wird jedoch klar, dass – mehr noch als im Vorgänger Kill List – Wheatley jenen Zuschauern, die nun eine kohärente Handlung und komplexe, aber lebensechte Charakterdarstellungen erwarten, einen Strich durch die Rechnung macht. Einen äußerst verstörenden Strich mit sicherer Kamerahand, brillanten Hauptdarstellern und einer gehörigen Portion Wahnsinn.

Auf der Plotebene ist A Field in England schnell erzählt: Vier Deserteure mit unterschiedlichem Hintergrund werden von einem grausamen Mann mit Psychotricks und Waffengewalt gezwungen, ihm bei einer obskuren Schatzsuche auf einem nebligen Feld zu helfen. Die Ausnahmesituation bringt die ungleichen Kameraden dazu, über den Sinn des Bürgerkrieges und ihr Leben davor – als Knopfmacher, Fassbinder oder Alchemistenadept – zu sinnieren. Schließlich eskaliert die angespannte Situation, es wird gefoltert und geschossen. So weit so gut. Wäre da nicht dieses Feld.

Das Feld, soviel wird schnell klar, ist ein eigenartiger Nicht-Ort, eine Passage zwischen den Welten. Es scheint in unmittelbarer Nähe zum Schlachtfeld zu liegen, geschützt nur durch eine dichte, dornenbewehrte Hecke, durch welche die Deserteure auf dem Hin- und Rückweg stolpern. Dieses unscheinbare Gestrüpp wird in A Field in England zu einer strukturellen Grenze, es markiert einen Riss in Zeit und Raum, der nicht nur altbekannte Plotverläufe ad absurdum führt. Scheinbar ewig wandern die Kameraden durch das monochrome Gras jenseits der Hecke, für ihre Richtung und Geschwindigkeit verliert der Zuschauer jeden Sinn. Feen- oder Hexenringe werden die kreisförmigen Ansammlungen fragwürdiger Pilze im Volksglauben genannt, von deren Fruchtkörpern die Männer ausgiebig kosten. Wheatley bezog seine Inspiration aus dem Brauchtum, halluzinogene Substanzen zu magischen Zwecken zu verwenden, und halluzinatorisch wird es auch in A Field in England.

Monochrome Spiegeltricks

Ohne Vorwarnung weicht die herkömmliche Bildebene surrealen Symmetriekonstruktionen, in denen die Figuren mehrfach, oder nur teilweise, eins mit hypnotischen Verläufen und Zerreffekten werden. Motive implodieren und erscheinen erneut in gewitterartigem Flackern. Zuweilen geschehen Bewegungsabläufe konträr zur erwarteten Physik, etwa als die Männer beim Herausziehen eines merkwürdigen Holzpflockes, der in die Erde eingelassen ist und dessen Bedeutung nie ganz erklärt wird, auf diesen zu statt von ihm weg straucheln. Logik spielt hier keine Rolle mehr. Die schwarz-weiße Farbgebung unterstützt die umfassende Desorientierung, der Figuren wie Zuschauer unterliegen: Die assoziative Unterscheidbarkeit von Oberflächen, Tiefen und Objekten wird so sehr erschwert, dass das Nicht-Feld räumlich kaum noch einzuschätzen ist. Man erinnere sich an die bunten Kostüme, holzig braunen und weiß verputzten Bauten und rosigen Bauerngesichter in Der Hexenjäger, die eine geradezu bühnenhafte Variante Englands zeichnen – all das fehlt hier vollkommen.

A Field in England ist ein Experimentalfilm im ureigensten Sinne des Wortes. Wheatley spielt, auch laut eigener Aussage, mit Wahrnehmungsebenen, der Räumlichkeit von Personen und Dingen und der Frage danach, was real und irreal ist. Die monochrome Farbgebung wirft dabei eine omnipräsente Frage auf: Wenn die Farben, die doch eigentlich da sein müssten, optisch abwesend sind – was ist dann noch ab-, aber latent anwesend? Folgt man dieser Lesart, spielt eigentlich keine Rolle mehr, was nachvollziehbar ist und was nicht. Steht auf einmal einer der Kameraden von den Toten auf – was soll’s? Das Whitehead erscheinende, brodelnde schwarze Loch im Himmel, für das auf keiner Ebene eine direkte Erklärung geliefert wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Plothole. Eines, das nicht nur den gespannten Zuschauer narren mag, sondern auch den Zauberlehrling – und mit ihm möglicherweise gar den ganzen Film – mit seinem akausalen Wahnsinn zu verschlingen droht.

Solve et coagula

„Solve et coagula“ – „Löse ab und verbinde erneut“ – ist ein uralter Grundsatz der alchemistischen Wissenschaften. Und genau das ist es, was mit Zauberlehrling Whitehead in A Field in England passiert. Wie schon Kill List an eine pervertierte, metaphysische Heldenreise erinnert, die unter den Abscheulichkeiten der modernen Gegenwart verborgen wird, ist Wheatleys zweiter Genrebeitrag ein Prozess der Werdung, Formung und Metamorphose. Wie das Material des mittelalterlichen Alchemisten, durchlaufen auch die Figuren in A Field in England eine Transmutation, in der kein Partikel an seinem Platz bleibt. Am Ende steht jedoch die Apotheose, die selten wirkmächtiger inszeniert wurde als hier – in Form eines Hutes.

Der magische Spiegel, jede Wahrnehmung, Gedanken, Gefühle, das Bewusstsein – alles nimmt Wheatley auseinander, breitet es in fragmentiertem Irrsinn aus und fügt es wieder zusammen. Nicht nur vor, sondern mit dem Publikum, denn die individuelle Assoziationsleistung jedes einzelnen Zuschauers wird permanent auf die Probe gestellt, noch bevor man überhaupt darüber nachzudenken vermag, was man soeben gesehen hat. Wie in den Köpfen seiner Soldaten, fuhrwerkt Alchemist Wheatley auch im Geist des Publikums herum. Vielleicht ist der mysteriöse Meister Whiteheads niemand Geringeres als er, und wir alle sind seine Lehrlinge.

Bildquelle: A Field in England © Alive

Alexander

Horrorfilme… sind die audiovisuelle Adaption des gesellschaftlich Abgestoßenen, Verdrängten und/oder Unerwünschten, das in der einen oder anderen Gestalt immer wieder einen Weg zurückfindet.
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