Im hohen Gras (2019) – Review

Im hohen Gras

Vincenzo Natali (Cube) versucht sich an der Verfilmung von Stephen Kings und Joe Hills Novelle „Im hohen Gras“ und kann in seinem Mystery-Horror vor allem mit wunderschönen Bildern überzeugen. Wir sind den Hilfeschreien ins hohe Gras gefolgt.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:
Vorlage:
VÖ:

In the Tall Grass
Kanada
101 Minuten
Vincenzo Natali
Vincenzo Natali
Günther Gurke, Sandra Salami u.a.
Novelle „Im hohen Gras“ von Stephen King und Joe Hill
Seit 04.10.2019 auf Netflix

Inhalt

Im hohen Gras ist die Verfilmung der 2012 erschienen gleichnamigen Novelle von Stephen King und seinem Sohn Joe Hill. Die Adaption von Vincenzo Natali bleibt dem Grundgerüst der Story treu: Die Geschwister Cal und Becky Demuth, im sechsten Monat schwanger, sind auf einem Trip quer durch die Staaten. Als Becky sich übergeben muss und sie am Straßenrand gegenüber einer verlassenen Kirche halten, hören sie aus dem hohen Gras eines Feldes die Hilfeschreie eines Jungen, der sich verirrt habe. Cal und Becky machen sich auf, um zu helfen, doch sie merken bald, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht und sie selbst nicht mehr ohne weiteres aus dem Feld finden…

Kritik

Natali bleibt zumindest für die ersten rund 20 Minuten erstaunlich nah am Ursprungsstoff, bevor er schlussendlich doch ganz eigene Wege geht. Bei der gut 70-seitigen Novelle war dies wohl auch nötig, denn King und Hill halten es in „Im hohen Gras“ nicht nur allgemein sehr knackig, sondern beschränken sich vor allem auf der Handlungsebene auf das Nötigste – krönen dies jedoch mit einem für King etwas untypischen blutigen und heftigen Finale.
Wie schon in der Novelle hat das hohe Gras die Macht, Raum und Zeit zu manipulieren, um die armen Seelen, die unglücklicherweise in seine Fänge geraten, auch dort zu behalten. Während King und Hill dies nur als Grundlage für den sich ausbreitenden Horror nutzen, ist Natali darauf erpicht, tiefer einzutauchen und versucht sich an einem mit verschiedenen Zeitebenen spielenden Mystery-Thriller. Der Film verläuft zunächst sehr geschickt in kreisenden Bewegungen, die der Geschichte bei jeder Umdrehung wieder eine neue Schicht auftragen und ein neues Puzzleteil hinzufügen. Es ist zu diesem Zeitpunkt spannend mitzuverfolgen, welcher Charakter sich gerade auf welcher Zeitebene befindet. Dies sind auch jene Momente, in denen Im hohen Gras am besten funktioniert. Das große Problem ist nur: Das ganze Rätselraten führt ins Nichts. Schlussendlich hält das Publikum etliche lose Fäden in der Hand, die sich im hohen Gras verlaufen – und man fühlt sich als Zuschauer vermutlich genauso verwirrt und verärgert wie die Protagonisten.

Im hohen Gras

Ähnlich verhält es sich auch mit der Mythologie, die Natali rund um das hohe Gras aufbaut. Mit großen Gesten wird angekündigt und angedeutet, doch auf Antworten warten die Zuschauer vergeblich. In einer grauenhaften CGI-Sequenz erfahren wir, dass möglicherweise unter dem Feld etwas lauert und werden an einen ominösen Opferkult herangeführt, aber eine Erklärung, was das alles soll, bleibt uns Im hohen Gras schuldig.

Was der Adaption auf inhaltlicher Ebene fehlt, macht sie jedoch in der Inszenierung wieder wett. Natali gelingt es hervorragend ein Gefühl des Verlorenseins zu erzeugen. Kameramann Craig Wrobleski (The Umbrella Academy) schafft es durch geschickt gewählte Kameraperspektiven das gut drei Meter hohe Gras noch imposanter und bedrohlicher aussehen zu lassen. Kombiniert mit einer Totalen von oben, die ein nicht enden wollendes Feld aus Gras zeigt, wird die Ausweglosigkeit zum fatalistischen Todesurteil.
Es ist beeindruckend wie bedrohlich ein an sich harmloses Setting inszeniert werden kann. Dies liegt jedoch nicht nur an der Kameraarbeit und dem äußerst effektiv ausgeleuchteten Set, sondern auch an der Schauspielerriege. Tobin, dessen Hilferufe das Geschwisterpaar ins Feld gelockt hat, darf in einigen wundervoll gruseligen Szenen glänzen, insbesondere wenn er kryptische Weisheiten von sich gibt wie: „Das hohe Gras weiß alles“ und „Du kannst schon was finden, aber es ist einfacher, wenn es tot ist. Was tot ist, wird vom Feld nicht bewegt.“ Das sind auch jene Momente, in denen „Er, der hinter den Reihen wandelt“ (Kinder des Zorns) sich durchs hohe Gras zu bewegen scheint – eine gewisse Nähe beider Werke ist ohnehin nicht leugnen. Mit schaurigem Leben erfüllt wird Tobin vom 12-jährigen Will Buie Jr., der hier seine erste größere Rolle in einem Spielfilm hat. Noch gruseliger wird es nur, wenn Patrick Wilson (Conjuring), als sein Vater Ross, die Leinwand betritt. Wilson darf sich hier die Seele aus dem Leib spielen und ausnahmsweise mal nicht nur seine charmante Seite zeigen.

Im hohen Gras

Leider steht gerade das konfliktreiche Dreieck aus Geschwisterpaar und Kindesvater auf erschreckend wackeligen Beinen, da die Charaktere über die gesamte Spielzeit bedauerlicherweise äußerst oberflächlich bleiben und somit nie die nötige dramaturgische Fallhöhe erreicht wird, um der Gruppendynamik den nötigen Schwung zu verleihen. Dies führt insbesondere im Mittelteil, der sich genau darauf stützt, zu erheblichen Längen und zieht die Story unnötig in die Länge. Gerade für jene, die die Novelle kennen, dürfte vor allem das Ende eine Enttäuschung darstellen, da es wesentlich handzahmer ausfällt als bei King und Hill. Die Abscheulichkeiten der Vorlage werden hier eher ins Surreale verschoben, was dem Film optisch zwar durchaus guttut, ihm aber dennoch einiges an Intensität nimmt.

Fazit

Vincenzo Natalis Adaption von „Im hohen Gras“ wird es nicht in die Ruhmeshallen der besten Kingverfilmungen schaffen, dafür sind die Variation der Story und auch die Charaktere einfach zu unausgereift. Dennoch bietet der Film optisch so manchen Leckerbissen und kann mit einigen guten Performances aufwarten. Wer das Gesehene nicht zu sehr hinterfragt, wird von Im hohen Gras jedenfalls gut unterhalten.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung rating3_5
Anspruch Rating: 1 von 5
GesamtwertungRating: 3 von 5

Bildquelle: Im hohen Gras © Netflix

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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